Mountainbikes im Test: 7 extravagante MTB-Hardtails (2016)

MTB-Test: 7 außergewöhnliche Hardtails


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Hardtail-Test
Foto: Benjamin Hahn

 

MOUNTAINBIKE Cotic BFe 27,5
Foto: Benjamin Hahn

 

MOUNTAINBIKE Cotic BFe 27,5 Oberrohr mit Gummiauflage
Foto: Benjamin Hahn

 

MOUNTAINBIKE Cotic BFe 27,5 Unterrohr Reynolds 853
Foto: Benjamin Hahn

 

MOUNTAINBIKE Ghost Rocket X
Foto: Benjamin Hahn
Hardtail = Racebike? Nein, es gibt inzwischen viele MTB-Hardtails, die besondere Wünsche erfüllen. Ihre Geometrien sind teils extrem, die Rahmenmaterialien erlesen und die Parts höchst ungewöhnlich. Wir haben sieben außergewöhnliche Modelle getestet.
Zu den getesteten Produkten

Scott Scale, Focus Raven, Cannondale F-Si: drei der schnellsten Racebikes auf dem Planeten. Genau so müssen Hardtails sein!

Mitnichten! Die Dimension Hardtail ist groß, und es gehören nicht nur die „klassischen“ Race- und Tourenbikes dazu. So gibt es inzwischen mehr und mehr brachiale Enduro-Hardtails, spannende Cross-Over-Konzepte oder stressfreie Sorglos-Bikes. Und es gibt sie in allen möglichen Rahmenmaterialien, selbst Stahl und Titan haben ihre treuen Anhänger. In dieser Welt schimmert das eine oder andere Juwel.

Die typischen Hardtail-Vorteile gibt es auch bei den Exoten: So vergöttert der eine Hardtail-Fan das ungefilterte Fahrverhalten, der nächste die zeitlose Optik. Wieder andere verweigern sich bewusst dem Technik-Overkill vieler Fullys, lieben die Sorglosigkeit, das geringe Gewicht und die Verschleißarmut des ungefederten Hecks. Und auch der (meist) attraktive Preis spricht für das Hardtail.

Gründe genug für uns, einen Blick in diesen bunten Kosmos der Hardtails zu werfen. Sieben besondere Modelle haben wir ausgewählt.

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Hardtail-Test: Seltene Materialien, krasse Geometrien

In der Anfangszeit des Mountainbikes war Stahl das Standardmaterial: gut verfügbar, einfach zu verarbeiten und relativ stabil. Nichts schien damals besser geeignet, die harten Schläge auszuhalten. Durch die Großserienfertigung von Alu-Bikes und das Aufkommen von Carbon sind Stahl-MTBs selten geworden.

Aber es gibt immer noch einige Hersteller – viele davon aus England –, die die Flamme des Urmaterials am Lodern halten. Cotic gehört dazu. Deshalb darf das neu aufgelegte Cotic BFe 27,5 in diesem Testfeld nicht fehlen. Ein lang geschnittenes 27,5"-Trailbike mit aggressiver Geo und der Lizenz zum Bergabballern.

Aus einer noch verborgeneren Nische kommt die Marke Portus aus Pforzheim. Inhaber Alexander Clauss verschweißt die Rahmen nach den Vorlieben der Kunden. Oder er lässt die Kunden gleich selbst in Schweißkursen an die Flamme!

Das Ergebnis sind individuelle Geometrien wie bei unserem Testbike Portus Harter Karl: ein mega langes Enduro-Hardtail mit 27,5-Plus-Rädern und sehr flachem Lenkwinkel. Dazu erfüllt das Portus Harter Karl auch noch alle Anforderungen an ein Sorglos-Bike: nahezu wartungsfreie Getriebeschaltung von Pinion, besagter Stahlrahmen, extrem robuste Parts wie die brachial verzögernde Trickstuff-Direttissima-Bremse.

Geometrien à la Harter Karl gibt es neuerdings aber auch in Serienreife von Nicolai. Hinter dem „Geolution“-Konzept des Kult-Herstellers verstecken sich Bikes mit extrem gestreckten Radständen und ultraflachen Lenkwinkeln von knapp über 60 Grad. Die ultimative Laufruhe und ein ganz neues Fahrgefühl verspricht Nicolai.

Ob die Gleichung „länger = besser“ aufgeht? Das Nicolai Argon GLF QLF-Line (27,5 Plus) rollt bei uns jedenfalls durch seinen ersten Test. Und das im ganz speziellen Singlespeed-Aufbau – auch so eine Extravaganz am Hardtail.

Dass mit Ghost ein Großhersteller teilnimmt, ist kein Versehen. Das Ghost Rocket X fällt auch in diesem Feld auf – wegen des Pinion-Getriebes und der fetten Packtaschen. Ghost sieht das Ghost Rocket X nicht nur als Lastesel für Bikepacker. Auch Kletterer, die ihre Ausrüstung nicht zu Fuß an die Wand schleppen wollen, sollen mit dem Ghost Rocket X zu den Zustiegen fahren können.

Eine eigene Nische besetzt das Haico Mountain Hammer. Exklusivität wird hier groß geschrieben, angefangen beim traumhaft schönen, für die Ewigkeit gemachten 29"-Titan-Rahmen, endend bei der hochexklusiven Ausstattung. Dafür sind dann fast 7000 Euro fällig. Auch am Hardtail kostet das Besondere eben extra.

Mit Salsa und Surly runden zwei US-Kultmarken das Feld ab. Beides Marken, die seit jeher den berühmten Blick über den Tellerrand hinaus wagen.

Beispiel Surly: Die Amis hatten mit dem Karate Monkey schon einen 29er im Programm, als alle(!) großen Hersteller noch über die vermeintlichen Riesenräder lachten. Das neue Surly Krampus knüpft da quasi an, rollt auf mächtigen 29-Plus-Pneus im Format 29" x 3,0". Auch der Rest am Surly Krampus ist extravagant: Stahlrahmen, Starrgabel, mechanische Scheibenbremsen.

Ähnlich puristisch ohne Federgabel walzt das Salsa Beargrease Carbon X7 durchs Unterholz. Walzt? Klar, denn es repräsentiert die 26"-Fatbikes – noch so eine Hardtail-Spezies abseits des Mainstreams.

So haben wir die Hardtails getestet

Auswahl: Vor jedem Test suchen wir in langen Diskussionen die Testbikes aus. Kriterien sind etwa Preis oder Einsatzbereich, um ein homogenes Testfeld zu erhalten. Dieses Mal haben wir aber nach außergewöhnlichen Hardtails gesucht, was ein buntes Testfeld ergab. Für einen Vergleich ist diese Zusammenstellung daher nicht geeignet, jedes Bike wurde „isoliert“ bewertet.

Die Bikes werden bei den Herstellern angefordert, bleiben zwei Monate bei uns, ehe sie retourniert werden. Zehn Hersteller haben wir angefragt, drei sagten ab. Angesichts des ungewöhnlichen Testfelds überrascht das wenig, weil in erster Linie kleinere Hersteller zum Zug kamen, die aus ökonomischen Gründen oft keine große Testbikeflotte haben.

Praxistest: Jeder Biketest wird von einem Testleiter sowie drei erfahrenen Testern/Redakteuren durchgeführt. Auf einem zu den Bikes passenden, selektiven Rundkurs wird jedes Rad von jedem Tester mindestens einmal gefahren. Danach notieren die Fahrer ihre Noten und Eindrücke in acht Bereichen – etwa in Sachen Vortriebseffizienz, Handling, Downhill oder Fahrspaß. Nach Ende des Praxistests werden alle Bikes aus dem Testfeld besprochen und die Noten aller Tester auf ungewöhnliche Abweichungen hin überprüft.

Labortest: Alle Bikes werden gewogen, dann in ihre Einzelteile zerlegt. Die Rahmen werden (wie Gabeln und Laufradsätze) einzeln gewogen, danach vermessen. Alle Gewichte sowie die Daten in den Geometrie-Skizzen sind keine Herstellerangaben, sondern von uns ermittelt. Die Ausstattung wird notiert und mit den Herstellerangaben verglichen.

Anschließend vermessen wir auf Prüfständen des renommierten EFBE-Instituts die Steifigkeiten der Bikes. Diese fließen wie die Gewichte und die Ausstattung in die Bewertung des Tests ein. Cotic, Nicolai, Portus oder Haico lassen ihren Kunden bei der Wahl der Parts aber viel individuellen Spielraum. So kommt es auch zu teils extravaganten und schwer vergleichbaren Ausstattungen.

Hardtails: Der Biketest im Detail

Das Spinnennetz weiter unten auf der Seite zeigt, wo die Stärken und Schwächen des Bikes in Relation zum Testumfeld liegen. Je größer der Ausschlag in eine der acht Richtungen, desto prägender der Charakterzug.

Ein Allrounder weist rundum eine große Fläche, ein Spezialist eine verschobene Grafik auf. Die jeweiligen Eigenschaften wie Up- oder Downhill sind meist gegensätzlich angeordnet. So siehst du auf einen Blick, welches Profil das Bike aufweist. Die Grafik unten zeigt ein eher abfahrtslastiges Bike mit potentem Fahrwerk – keinen wuseligen Sprinter.

Und das versteckt sich hinter den Begriffen:

  • Uphill/Vortrieb: Passt die Traktion? Steigt die Front? Ist die Sitzposition im steilen Anstieg optimal? Ein niedriges Gewicht steigert den Ausschlag im Profil ebenso wie die Rollfreudigkeit von Laufrädern/Reifen.
  • Downhill: Ein sicheres Handling ist das A und O, damit ein Bike bergab performt. Dazu fließen die Federung sowie einige Parts wie das Cockpit, die Reifen oder die Bremsen in das Downhill-Profil ein.
  • Ausstattung: ... umfasst sämtliche Parts wie Schaltung, Antrieb, Federelemente, Laufräder, Reifen oder Anbauteile à la Sattel, Griffe, Cockpit. Aber wir bewerten auch gelungene und innovative Detaillösungen.
  • Rahmen/Fahrwerk: Ein top gemachter Rahmen mit geringem Gewicht, hohen Steifigkeiten und viel Komfort bildet die Basis für das perfekte Hardtail.
  • Laufruhe: Hohe Spurtreue bringt Sicherheit bergab, kann unter Umständen aber ins Träge kippen, speziell wenn der Profiler einen geringen Ausschlag zeigt in Sachen Wendigkeit.
  • Wendigkeit: Je wendiger ein Bike, desto agiler, spielerischer lässt es sich bewegen. Ein Ausschlag nur in diese Richtung (ohne hohen Ausschlag bei Laufruhe) lässt jedoch auf Nervosität schließen.
  • Stabilität: Liegt der Fokus bei Rahmen und Parts weniger auf Leichtbau, sondern auf Solidität, steigt der Ausschlag der Grafik. Der Gegenpart ist Leichtbau.
  • Geringes Gewicht: Niedriges Rahmen-, Parts- und Gesamtgewicht lassen auf ein spritziges, leichtfüßiges, in der Ebene wie im Uphill ausgezeichnetes Bike schließen.

 

MOUNTAINBIKE 1016 Hardtails Profiler
Foto: MOUNTAINBIKE

Punkteverteilung und Bewertung

Anhand der folgenden Punktetabelle kannst du erkennen, ob ein Bike zum Beispiel voll im „sehr gut“ liegt oder es nur knapp erreicht. Errechnet werden die Punkte aus den Wertungskriterien unter Berücksichtigung der jeweiligen prozentualen Gewichtung.

 

MOUNTAINBIKE 1016 Hardtails Tabelle Punkteverteilung
Foto: MOUNTAINBIKE Der Notenschlüssel zeigt, wie weit entfernt oder nah das Produkt an der nächsten Note liegt.

14.10.2016
Autor: Benjamin Büchner
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 10/2016