Mountainbikes im Test: 6 edle Trailbikes (Modelljahr 2016)

MTB-Test: 6 edle 29er-Trailbikes (2016)


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Test Trailfullys
Foto: Daniel Geiger

 

MountainBIKE Kona Process 111 DL
Foto: Daniel Geiger

 

MountainBIKE Pivot Mach 429 Trail XT/XTR Pro
Foto: Daniel Geiger

 

MountainBIKE Rocky Mountain Instinct 990 MSL BC Edition
Foto: Daniel Geiger

 

MountainBIKE Santa Cruz Hightower CC X01
Foto: Daniel Geiger
Welches 29er-Fully ist der König aller heftigen sowie lauschigen MTB-Trail-Rides? Wir haben sechs hochexklusive, vollgefederte 29"-Mountainbikes mit Federwegen um 130 mm in den Alpen und im Mittelgebirge getestet – und am Ende eine Legende erneut gekrönt.
Zu den getesteten Produkten

Trailbike. Dieses Wort ist gerade in aller Marketing-Munde. Kein Hersteller, der nicht für 2016 ein taufrisches Trailbike aus der Taufe erhob. Oder einfach ein bestehendes Bergrad umdeklarierte. Man will ja mit der Zeit gehen ...

Und das zeigt schon: Wirklich definiert ist diese vermeintlich neue MTB-Kategorie nicht. Da gibt es 27,5"-Trailbikes sowie 29"-Mountainbikes, mit Federwegen von 110 bis 150 mm. Nach dem Motto: Wurscht, Hauptsache die verkaufsfördernde Bezeichnung passt irgendwie.

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Bergab eine Wucht: das Trailbike

Was ist es nun, so ein Trailbike? Grundsätzlich wohl das, was sich die meisten von uns eben unter einem Mountainbike vorstellen: ein Stollenrad, das einmal nahezu alles gleich gut beherrscht, ein Allrounder ist. Ein Bike, das hurtig in der Ebene rollt (ohne rein auf Marathons getrimmt zu sein), das geschickt auch steilste Stiche emporkraxelt – und das bergab Sicherheit vermittelt, dabei spielerisch zu beherrschen ist, ohne wuchtig-groß wie ein Enduro daherzukommen.

Neu ist das Ganze damit eher im Namen: Denn Tourenfullys (nach unserer Definition mit 120–130 mm Federweg) und All-Mountain-Fullys (140–150 mm) passen zu diesem Anspruch durchaus genauso.

Was sich aber gerade massiv verändert, sind die Geometrien, damit das Handling und schlussendlich der Fokus dieser Allrounder. Kurz erklärt: Die Geos sind erheblich bergablastiger geworden (tollerweise ohne Einbußen beim Kletterverhalten!), stark vom Enduro-Boom beeinflusst, alles ist auf das Fahren auf den besten Untergründen der Welt hin geeicht: Trails, Trails, Trails. Mal flowig, mal technisch, mal ruppig. Auch das war und ist bei All-Mountains nicht anders, hebt die „New Kids on the Block“ aber von den klassischen Tourenfullys ab. Bei oft gleichem Federweg.

Sechs hochexklusive Twentyniner im Test

Um nicht (27,5"-)Äpfel mit (29"-)Birnen zu vergleichen, haben wir uns für diesen, ja, Trailbike-Test erst einmal streng festgelegt: auf 29er. Im Vergleich zu 27,5" legen die Big Bikes zwar etwas weniger Agilität und Spritzigkeit auf den Trail, dafür aber besseres Rollverhalten in der Ebene und mehr Fahrstabilität bergab.

Zudem wollten wir wissen, wer wirklich den King of Trail baut, luden daher ausschließlich Premiummarken ein, ließen die Preisspanne relativ großzügig weit offen. Heftige 8499 Euro kostet mit dem Scott Genius 900 Tuned das teuerste Bike, das günstigste Rad, das Kona Process 111 DL als einziges Alu-Rad im Test, schlägt mit 5699 Euro auch nicht gerade Schnäppchenalarm.

Sechs Bikes folgten unserem Krönungsaufruf, neben den genannten noch Edel-/Kultmarken wie Pivot (Pivot Mach 429 Trail XT/XTR Pro), Rocky Mountain (Rocky Mountain Instinct 990 MSL BC Edition), Santa Cruz (Santa Cruz Hightower CC X01) und Specialized (Specialized Stumpjumper FSR Expert 29) – eben ein in jeder Hinsicht exklusives Testfeld mit enormem Haben-will-Faktor.

Im Detail: die Parts der getesteten Trailbikes

Beim Hub waren wir toleranter: So dämpfen das Santa Cruz Hightower CC X01 und das Specialized Stumpjumper FSR Expert 29 mit üppigen 140/135 mm, am Kona Process 111 DL und dem Pivot Mach 429 Trail XT/XTR Pro sind’s nur 120/111 mm bzw. 130/116 mm. Warum das dennoch ein homogenes Testfeld ist? Und warum sich eher das langhubige Scott Genius 900 Tuned „anders“ fährt?

Das liegt an der angesprochenen Geometrie-Evolution. Die im Vergleich zu früher extrem flachen Lenkwinkel von 67° (beim Scott Genius 900 Tuned sind es 69°) sorgen für sagenhafte Laufruhe, gleichzeitig stellt ein langer Reach den Fahrer selbst bei Highspeed-Gerüttel unerschütterlichstabil ins Rad. Um dennoch das Handling agil, ja, spielerisch zu gestalten, sind die Kettenstreben mit 430–435 mm teils sehr kurz. Vorne lang, hinten kurz: „Volahiku“ ist der Trendschnitt der Saison.

Zwei Nachteile hat der Kampf ums kürzeste Heck jedoch: Je nach verbautem Reifen kann es bei Matsch und Schlamm ganz schön eng im Hinterbau werden – der Trailbike-Trend kommt halt aus dem staubigtrockenen Kalifornien ... Und: Beim Kona Process 111 DL, dem Pivot Mach 429 Trail XT/XTR Pro und dem Santa Cruz Hightower CC X01 ist man auf 1-fach-Antriebe festgelegt. Für einen Umwerfer ist kein Platz mehr.

So schalten alle Testbikes mit 1 x 11-Gängen, was gut zu deren Charakter passt. Überhaupt sind die Parts nahezu perfekt auf den Einsatzzweck hin optimiert: superbreite Lenker, kurze Stummelvorbauten, solide Vario-Sattelstützen. Und interessant: Dominiert in all unseren Bike-Tests stets Schwalbe die Reifenwahl, setzt hier die Mehrheit auf Maxxis-Pneus, speziell der Minion DHR II begeisterte uns mit fantastischem Grip. Lediglich das Scott Genius 900 Tuned tanzt auch hier mit auf (edlen!) Leichtbau fokussierter Ausstattung aus der Reihe.

Und in Sachen Federelemente? Sowohl die famose Pike-Gabel von Rock Shox wie die nicht minder schlechte 34 von Fox stellen absolute Spitzenklasse dar, auch die Hinterbauten funktionieren zumeist prächtig – speziell die vom Kona Process 111 DL, Pivot Mach 429 Trail XT/XTR Pro, dem Santa Cruz Hightower CC X01 und dem Specialized Stumpjumper FSR Expert 29.

Krönung des Testsiegers

Apropos prächtig. Wir haben uns mit diesen sechs Edelschlitten in wirklich jedem Gelände königlich amüsiert. Das generelle Niveau ist unglaublich hoch, jedes Bike für sich macht extrem viel Spaß, ist ein Herrscher über den Trail – auch das eher auf Flow-Wege fokussierte Scott Genius 900 Tuned. Rundum genial und damit der King of Trail: das Specialized Stumpjumper FSR Expert 29. Dicht gefolgt vom famosen Santa Cruz Hightower CC X01 und vom tollen Pivot Mach 429 Trail XT/XTR Pro.

Gewichte der Test-Bikes

Die mit Präzisionswaagen ermittelten Einzelgewichte zeigen, wo die Pfunde stecken. Das teure Scott Genius 900 Tuned deklassiert die Konkurrenz in fast allen Belangen, wiegt rund ein Kilo weniger als das zweitleichteste Bike im Test. Alle Carbon-Rahmen unterbieten die 3000-Gramm-Schallmauer – sehr gut!

 

MountainBIKE 0716 Trailbikes Gewichte
Foto: MountainBIKE

Lenkkopfsteifigkeiten der Test-Bikes

Eine hohe Lenkkopfsteifigkeit sorgt für ein präzises und direktes Handling – das Bike tanzt quasi nicht aus der Reihe. Werte über 60 Nm/° definiert MountainBIKE auch für schwere Fahrer als ausreichend. Am steifsten ist das Rocky Mountain Instinct 990 MSL BC Edition, aber auch alle anderen Testbikes erreichen ordentliche Werte.

 

MountainBIKE 0716 Trailbikes Lenkkopfsteifigkeiten
Foto: MountainBIKE

Punktevergabe und Benotung der getesteten Bikes

Jedem MountainBIKE-Radtest liegt eine komplexe Punkteberechnung zugrunde. Um maximale Transparenz und Informationen zu bieten, gibt es die Punktetabelle seit dieser Saison zum Nachlesen.

Zusätzlich haben wir die Bewertungskategorien zur 2016er Saison reformiert, die Punktevergabe verschärft – um der aktuellen MTB-Generation gerecht zu werden und diese differenzierter zu beurteilen. Das bedeutet auch: Es gibt jetzt weniger „überragende“ Bikes, und ein „ gutes“ Bike ist wirklich „gut“. Es bedeutet aber auch: Ein „sehr gutes“ Bike mit beispielsweise 220 Punkten ist spürbar besser als ein ebenfalls „sehr gutes“ Rad mit 200 Punkten.

In Summe maximal 250 Punkte vergeben wir, aufgeteilt in zwölf Bereiche. Ganz wichtig: Die jeweilige Gewichtung, wenn etwa für Downhill 20 oder aber 30 Punkte verteilt werden, ändern wir von Test zu Test. Nur so lassen sich Bikes innerhalb der völlig unterschiedlichen Kategorien bewerten und vergleichen. So ist bei einem Marathon-Bike das Gewicht ungleich wichtiger als bei einem Enduro-Fully. Letzteres muss dafür etwa im Downhill stärker glänzen.

Der Fokus bei den Trail-/All-Mountain-Fullys in diesem Test liegt speziell auf den Bereichen Handling, Fahrspaß und Fahrwerk. Rund die Hälfte der Punkte (Gewicht Bike, Gewicht Rahmen, Rahmensteifigkeit, Ausstattung, Verarbeitung/Sonstiges) resultiert aus Laborergebnissen oder aus der Analyse unserer Techniker. Die anderen Punkte berechnen sich aus den (hier nicht abgebildeten) Einzelnoten der vier erfahrenen Testfahrer aus dem Praxistest.

Logo, das punktbeste Bike erhält den Testsieg. Zudem vergeben wir einen Tipp für Bikes mit besonders gutem Preis-Leistungs-Verhältnis.

 

MountainBIKE 0716 Trailbikes Punktevergabe und Benotung
Foto: MountainBIKE Punktevergabe und Benotung (für Großansicht auf die Grafik klicken)

Der Trailbike-Test im Detail

Das Spinnennetz weiter unten auf dieser Seite zeigt, wo die Stärken und Schwächen des Bikes in Relation zum Testumfeld liegen. Je größer der Ausschlag in eine der acht Richtungen, desto prägender der Charakterzug. Ein Allrounder weist rundum eine große Fläche, ein Spezialist eine verschobene Grafik auf.

Die jeweiligen Eigenschaften wie Up- oder Downhill sind meist gegensätzlich angeordnet. So siehst du auf einen Blick, welches Profil das Bike aufweist. Die folgende Grafik zeigt ein eher abfahrtslastiges Bike mit potentem Fahrwerk – keinen wuseligen Sprinter.

 

MountainBIKE 0716 Trailbikes Profiler
Foto: MountainBIKE

Das versteckt sich hinter den Begriffen:

Uphill/Vortrieb: Passt die Traktion? Steigt die Front? Ist die Sitzposition im steilen Anstieg optimal? Ein niedriges Gewicht steigert den Ausschlag im Profil ebenso wie die Rollfreudigkeit von Laufrädern/Reifen.

Downhill: Ein sicheres Handling ist das A und O, damit ein Bike bergab performt. Dazu fließen die Federung sowie einige Parts wie das Cockpit, die Reifen oder die Bremsen in das Downhill-Profil ein.

Ausstattung: ... umfasst sämtliche Parts wie Schaltung, Antrieb, Federelemente, Laufräder, Reifen oder Anbauteile à la Sattel, Griffe, Cockpit. Aber wir bewerten auch gelungene und innovative Detaillösungen.

Rahmen/Fahrwerk: Ein top gemachter Rahmen mit geringem Gewicht, hohen Steifigkeiten und perfektem Fahrwerk bildet die Basis für das perfekte Bike.

Laufruhe: Hohe Spurtreue bringt Sicherheit bergab, kann unter Umständen aber ins Träge kippen, speziell wenn der Profiler einen geringen Ausschlag zeigt in Sachen Wendigkeit.

Wendigkeit: Je wendiger ein Bike, desto agiler, spielerischer lässt es sich bewegen. Ein Ausschlag nur in diese Richtung (ohne hohen Ausschlag bei Laufruhe) lässt jedoch auf Nervosität schließen.

Stabilität: Liegt der Fokus bei Rahmen und Parts weniger auf Leichtbau, sondern auf Solidität, steigt der Ausschlag der Grafik. Der Gegenpart ist Leichtbau.

Geringes Gewicht: Niedriges Rahmen-, Parts- und Gesamtgewicht lassen auf ein spritziges, leichtfüßiges, in der Ebene wie im Uphill ausgezeichnetes Bike schließen.

Das Testprozedere

Auswahl: Vor jedem Test suchen wir in langen Diskussionen die Testbikes aus. Kriterien sind etwa der Preis oder der Einsatzbereich – Ziel ist ein homogenes, faires Testfeld. Die Bikes werden bei den Herstellern angefordert, müssen zwei Monate bei uns bleiben, ehe sie retourniert werden.

Für diesen Test haben wir bewusst nur acht Hersteller angefragt, und zwar ausschließlich Fachhandels-Premiummarken mit entsprechenden Preisen. Das neue Jeffsy von YT haben wir nicht in den Test genommen, da es nur über den Onlineshop vertrieben wird. Ibis hätte uns das Ripley nur in Größe L zur Verfügung stellen können. Auf das Trek Fuel EX haben wir verzichtet, da eine Neuentwicklung bevorsteht.

Praxistest: Jeder Biketest wird von einem Testleiter sowie drei erfahrenen Testern/Redakteuren durchgeführt. Auf einem zur Kategorie passenden, selektiven Rundkurs wird jedes Rad von jedem Tester mindestens einmal gefahren. Danach notieren die Fahrer ihre Noten und Eindrücke in acht Bereichen – etwa in Sachen Vortriebseffizienz, Downhill oder Handling. Nach Ende des Praxistests werden alle Bikes gemeinsam besprochen und die Noten auf ungewöhnliche Abweichungen hin überprüft.

Diesen Test führten wir zunächst auf einem hochalpinen 400-Höhenmeter-Trail in Lienz, Osttirol durch. Und ließen es uns später beim Fotoshooting im Schwarzwald nicht nehmen, noch einmal jedes Bike zu überprüfen.

Labortest: Alle Bikes werden gewogen und in ihre Einzelteile zerlegt. Die Rahmen werden (wie Gabeln und Laufräder) einzeln gewogen, danach vermessen. Alle Gewichte sowie die Daten in den Geometrie-Skizzen sind keine Herstellerangaben, sondern von uns ermittelt. Die Parts werden notiert und mit den Herstellerangaben verglichen.

Anschließend vermisst unser Laborchef Haider Knall auf Prüfständen des renommierten EFBE-Instituts die Steifigkeiten. Diese Werte fließen wie Gewichte und Ausstattung in die Bewertung ein.


13.07.2016
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 07/2016