Mountainbikes im Test: 18 Race-Hardtails von 4.000 bis 5.000 Euro (Modelljahr 2015)

Test: 18 Race-Hardtails in 29 Zoll


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Test 2015er Race-Hardtails
Foto: Daniel Geiger

 

MountainBIKE Race-Hardtails Bulls Black Adder Team 29
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Race-Hardtails Cannondale F-Si Carbon 2
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Race-Hardtails Cube Elite C68 SL 29
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Race-Hardtails Felt Nine 1
Foto: Benjamin Hahn
Race-Hardtails haben auch im Fully-Zeitalter nichts von ihrer Macht verloren. Leichter, schneller, aggressiver als mit ihnen geht’s eben nicht voran! Und: Dank der 29"-Räder sind diese Renn-MTBs heute breitbandiger denn je, versetzen auch Tourenfans in Ekstase. MountainBIKE hat 18 Modelle getestet.
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Auf die Knie, lüftet die MTB-Helme, denn hier kommen die Kings of Speed, die Fürsten von Wadenrasur, laktatgeschwängerten Muskeln und Puls 180. Es sind die Aristokraten der Rennstrecke, es sind 18 Race-Hardtails mit edel-leichtem Carbon-Rahmen, mit feinster Ausstattung und angesagten 29"-Laufrädern.

Aber es sind auch Spitzensportler, die – nicht eben preiswert mit 3999 bis 4999 Euro – auch dem Nicht-Rennfahrer königliches Vergnügen bereiten. Denn die aktuelle Generation der Hardtail-Mountainbikes ist nicht nur leichter, steifer, direkter, als es ein Fully je sein wird, sie ist auch mit Vielseitigkeit und Fahrkomfort geadelt.

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Fotostrecke: 18 Race-Hardtails zwischen 4.000 und 5.000 Euro im Test

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MountainBIKE Race-Hardtails Bulls Black Adder Team 29 Foto: Benjamin Hahn
MountainBIKE Race-Hardtails Cannondale F-Si Carbon 2 Foto: Benjamin Hahn
MountainBIKE Race-Hardtails Cube Elite C68 SL 29 Foto: Benjamin Hahn

Dabei galten die Race-Hardtails noch vor wenigen Jahren als aussterbende Edelrasse. Bocksteif und federleicht waren sie auch Ende des letzten Jahrzehnts, aber den stetig wachsenden Anforderungen – nicht nur im Worldcup – in Sachen Traktion und Fahrsicherheit kaum noch gewachsen. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis die komplette CC-/Marathon-Elite aufs eigentlich wenig geliebte Fully umsteigen würde.

Doch dann gab’s gleich den doppelten Big Boom Bang; und in Folge die triumphale Rückkehr der ungefederten Könige. Zunächst revolutionierte Cannondale mit dem Flash die Carbon-Rahmen-Baukunst. Dass das Flash einen neuen Steifigkeit-zu-Gewicht-Rekord aufstellte, war das eine. Die wirkliche Innovation aber war, dass gezielt in vertikale Richtung flexende Ketten- und Sitzstreben dem Heck ungeahnten Komfort einimpften, kleine Stöße wirkungsvoll filterten.

Damals eine Sensation, heute ein Trend, dem viele Hersteller folgen. Denn die Vorteile sind klar: Die Haltemuskulatur des Fahrers muss weniger Schläge abfedern, ermüdet langsamer. Und die Traktion am Hinterrad steigt: Diese „Softtails“ halten länger Bodenkontakt, was dedizierte Komforträder bergauf wie -ab zu schnelleren Bikes für jedermann macht! Nachteile? Gibt’s nicht.

Race-Hardtails: Mehr Komfort und Speed dank 29"-Laufrädern

Der vielleicht noch größere Knalleffekt jedoch war der Siegeszug der 29"-Laufräder. Zunächst als Spinnerei aus den USA belächelt (und beschimpft), setzte plötzlich ein Hersteller nach dem anderen auf die Riesenräder. Spätestens als 2010 und 2011 ein Gros der wichtigsten Etappenrennen – und schließlich der erste CC-Worldcup – auf einem Twentyniner gewonnen wurde, war der Bann gebrochen. Und im Hobby-Marathon? Jeder, der sich dereinst auf seinem 26er den Wolf strampelte, während die 29"-Fahrer neben ihm mit wenigen Pedalhüben die Geschwindigkeit trieben, musste nicht mehr überzeugt werden ...

Dennoch, hier erneut die Vorteile von 29" im Schweinsgalopp. Erstens: Durch den flacheren Aufprallwinkel der größeren Räder überrollen diese Hindernisse mit geringerem Widerstand als 26"/27,5"-Räder – Fahrsicherheit und Geschwindigkeit bergab steigen, auch technische Uphills fallen leichter. Zweitens: Durch die höheren Kreiselkräfte (größerer Radumfang) halten 29"-Räder die Geschwindigkeit länger, müssen weniger häufig beschleunigt werden. (MountainBIKE Laufradgrößen-Finder: in wenigen Klicks zur passenden Größe)

Drittens, der eigentlich wichtigste Benefit: Das Tretlager liegt in Relation zur Radachse viel tiefer (circa 30 mm im Vergleich zu 26"). Dadurch sitzt der Fahrer richtiggehend „im Bike“, nicht „darauf“. In Folge steigt das Vorderrad berghoch später, runterzu sind die gefürchteten Überschlagsgefühle quasi passé – das macht(e) Hardtails auch für weniger Versierte wieder attraktiv!

Natürlich dürfen die 29"-Nachteile nicht verschwiegen werden. Im Vergleich zu 26"/27,5"-Bikes sind Twentyniner immer schwerer, oft weniger steif. Auch vermissen viele Mountainbiker die Wendigkeit und Beschleunigungsgier der kleinen Räder, speziell Rennfahrer ärgert die zu hohe Frontpartie. Inzwischen merzt die Industrie die Kritiken peu à peu aus, aber es bleibt Verbesserungspotenzial – wie dieser Test beweist.

So wiegen die leichtesten Carbon-Rahmen von Cannondale und Cube unter der einst für 26" magischen 1000-Gramm-Marke. Im Schnitt liegt das Gewicht der Kohlefaserkonstrukte jedoch bei 1190 Gramm, das Specialized trägt mit etwas adipösen 1440 Gramm die schwerste Bürde. Im Gesamten knacken mit KTM und Scott so nur zwei Kompletträder die 9-Kilo-Grenze, Cube, Felt und Stevens kommen ihr immerhin nahe. Ganz anders Orbea und Storck: Mit knapp über/unter 10 Kilo sind die beiden für diese Preisklasse schlicht zu schwer.

In Sachen Steifigkeiten ist heute jede Sorge unbegründet. Während das Orbea „nur“ ordentliche Werte auf den Prüfständen von MountainBIKE-Werkstattleiter Haider Knall erzielte, glänzen alle anderen Kandidaten mit hoher oder höchster Verwindungsarmut im Steuerkopf- und Tretlagerbereich. Auch bei den Federgabeln geht’s in die richtige Richtung: So hievt etwa die spektakuläre Upside-down-Gabel RS-1 von Rock Shox die Bremssteifigkeit auf ein nie gekanntes Level.

Bei den Laufrädern wirkt sich der Trend zu breiteren, damit verwindungssteiferen Felgen positiv aus – auch wenn hier weiterhin das meiste Potenzial schlummert. Übrigens: Fast alle Bikes besitzen vorne/hinten versteifende Steckachsen. Nur Bulls und Cube verbauen am Heck einen herkömmlichen Schnellspanner, um bei einer Panne im Rennen das Rad schnell wechseln zu können.

Die wohl größte 29"-Optimierung ist noch im vollen Gange: Geometrie und damit Handling der Bikes werden stets besser. Galt einst die Formel „vorne steil und kurz, hinten flach und lang“, so ist es nun umgekehrt. Ein moderat-flacher Lenkwinkel um 70° sorgt dafür, dass die Vorteile von 29" wie mehr Fahrsicherheit und Spurtreue erst so richtig zur Geltung kommen. Ein längerer Reach bewirkt, dass der Fahrer besser integriert im Bike „steht“ – auch das bringt bergab mehr Stabilität.

Für die nötige Agilität und Drehfreude ist stattdessen der Hinterbau so kurz wie möglich, teils um/unter 430 mm, gezeichnet. Dazu sind allerdings konstruktive Kniffe wie ein versetztes Sitzrohr oder asymmetrische Streben nötig, damit der Reifen auch bei Matsch und Modder genug Freiheit genießt. Schlussendlich erreicht ein steiler Sitzwinkel von mindestens 74°, dass der Fahrer ergonomisch sinnvoll von oben ins Pedal tritt.

Die Bikes von Cannondale, Cube, Ghost und Trek seien beispielhaft für diesen modernen Schnitt genannt. Die per se höhere Front wird mit extra kurzen Steuerrohren unter 100 mm und negativ montierten Vorbauten abgeflacht. Am Simplon und Merida sind gar Vorbauten mit 17°-Gefälle verbaut – ziemlich gewöhnungsbedürftig.

Top: äußerst hohes Niveau im Praxisvergleich!

In Summe zeigte sich die erfahrene MountainBIKE-Testcrew – vom Marathonisti über den Tourenfan bis zum Enduro-Pro – vom Level der MTBs begeistert. Auf einer höchst selektiven Strecke mit steilem Trail-Uphill, gemäßigten Schotteranstiegen, flowigen Passagen sowie wurzelübersätem, teils verblocktem Downhill imponierte vor allem die Vielseitigkeit der heurigen 29er-Aristokratie.

Neben einigen reinrassigen, fast zu giftigen Race-Hardtails glückt den meisten Kontrahenten der Spagat aus hoher Sportlichkeit für den ambitionierten Marathoneinsatz und entspanntem Dahinsausen. So bieten sich diese Edelflitzer nicht nur für pulsuhrversessene Lycra-Gewandete an, auch für Tourenbiker, die ein unkapriziöses und doch pfeilschnelles Radl für jeden Tag suchen, sind sie eine wunderbare Wahl. Bis hin zum Alpencross, auch wenn dann in puncto Bereifung und Bremsscheibengröße etwas Tuning vonnöten ist.

Auch die Bandbreite der Gangschaltungen ist bei allen Testbikes auf CC/Marathon hin optimiert – und ist ein heiß diskutiertes Thema. Die oft verbauten 1 x 11-Antriebe von Sram sind Trend, sparen enorm Gewicht, funktionieren herrlich unkompliziert und zuverlässig. Aber sie bieten nur elf Gänge und vor allem ein eingeschränktes Spektrum. Für die meisten europäischen Marathonrennen (und für Touren eh) ist 2 x 11 wie bei Shimanos neuer XTR wohl die bessere Wahl, sonst ist die Anschaffung eines zweiten 1-fach-Kettenblatts zum Hin- und Herwechseln Pflicht.

Was für den Hobby-Piloten nicht „geht“, ist die 1-fach-Variante der XTR wie am Felt und KTM. Durch die fein abgestufte Kassette (11–40 Zähne, Sram: 10–42) ist je nach Kettenblatt der Berggang viel zu dick, der große Gang zu dünn – oder es mangelt oben wie unten an einem Gang.

Fazit: Viermal "überragend" im Test

Mit Cannondale, Cube, Scott und Stevens erreichen vier Bikes nach Auswertung von rund 450 Einzelnoten der Tester, Laborwerten und Ausstattungsqualitäten die Note „überragend“ – mit dem hauchdünnen Testsieg für das auf den ersten Blick unspektakuläre, aber federleichte, edel ausgestattete und hinreißend sportliche Stevens. Nur um wenige Punkte verfehlen mit Felt, Ghost, Merida und Trek vier weitere Bikes die Traumnote. Auch das ein Beleg für den anhaltenden Triumphzug dieser Speed-Könige!


Inhaltsverzeichnis


Die Mountainbikes im Test

22.01.2015
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 1/2015