Mountainbikes im Test: 18 Race-Hardtails der Oberklasse

18 Race-Hardtails aus Carbon im Test


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Test Race-Hardtails
Foto: Daniel Geiger

 

MountainBIKE Bergamont Revox MGN
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE BMC Teamelite TE01 29 XX1
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE BMC Teamelite TE01 29 XX1
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Cannondale F29 Carbon Team
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Ring frei für die schnittigsten, die schärfsten, die schnellsten Hardtails der Saison. Gleich 18 Race-MTBs im Preisbereich zwischen 5.000 und 7.000 Euro ließ MountainBIKE gegeneinander antreten. Mit dabei: vier brandneue 27,5"-Modelle.
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Drei, zwei, eins, los! Die mit Adrenalin vollgepumpte Truppe jagt los, Staub wirbelt auf, Lenkerende kratzt an Lenkerende, Zuschauer johlen, der Fight beginnt. Wer je in Albstadt oder OPffenburg den Start eines Weltcups live erlebt hat, kann sich der Faszination des MTB-Rennsports nicht mehr entziehen! Und auch Hobbyrennen erfreuen sich steter Beliebtheit.

Einmal in einem Marathon in der Spitzengruppe fahren, ein 24-Stunden-Race solo finishen, bei einem Etappenrennen an die eigenen Grenzen stoßen – das sind Träume und Herausforderungen für viele Biker. Wohl dem, der dazu – ob Profi oder Jedermann – das passende Kampfgerät besitzt. Sprich ein rassiges, leichtes, vortriebsgieriges Mountainbike, eines wie die 18(!) Edel-Hardtails in diesem Test.

14 davon mit in der Rennszene dominierenden 29"-Laufrädern, vier im neuen 27,5"-Maß. Motto: Wer baut den unnachgiebigsten, den aggressivsten Cross-Country- oder Marathon-Fighter des Jahres? Sie haben mit Rennsport nichts am Helm? Dann kann Sie dieser Fight Club dennoch fesseln. Denn die aktuelle Generation der Race-Hardtails ist so breitbandig wie nie zu vor! Waren diese Rennfeilen vor drei, vier Jahren noch hypernervöse, brettharte, den Novizen überfordernde Waffen, machen sie heute auch auf einer gemütlichen Tour, ja sogar beim Alpencross richtig Spaß.

Dafür sorgen die im Vergleich zum 26"-Maß größeren, gutmütigeren Laufräder, aber auch die gezielt auf Fahrkomfort hin getrimmten Carbon-Rahmen – ohne dass darunter der Sportsgeist nur ein Jota leidet! Zwischen 5000 und 7000 Euro kosten diese omnipotenten Superhelden. Also fast so viel wie ein kleiner Jahreswagen, was sich schwer mit der eigenen Vernunft in Einklang bringen lässt.

Warum MountainBIKE dennoch in diesem extrem exquisiten Bereich testet? Nicht ganz freiwillig. Aber kurz nach der Eurobike können die meisten Hersteller nur die Highend-Modelle liefern, die Produktion der Kaufklasse läuft erst an, und auch im Handel werden im Winter verstärkt hochpreisige Bikes verkauft.

Um es aber positiv zu sehen: Diese Supersportler setzen die Benchmark für folgende MountainBIKE-Hardtail-Tests, zeigen was der Jahrgang 2014 maximal draufhat. Und: Abseits der Nobelhobel haben alle Hersteller auch noch mindestens zwei günstigere Varianten im Angebot – meist mit demselben Carbon-Rahmen und damit vergleichbarem Handling. Sie können die Ergebnisse also seriös „runterbrechen“.

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Race-Hardtails: Wird 27,5" zur neuen Konkurrenz?

Bleibt vorab noch die wichtige Frage: 27,5" oder 29"? Die Redaktion stellte es den Herstellern frei, welches Laufradmaß (sofern beide vorhanden) sie für den Test wählten. 14 Marken entschieden sich für 29", Giant, Merida, Scott und Storck schickten 27,5". Dies vorab: In der Praxis waren die Unterschiede so enorm, dass MOuntainBIKE das Testfeld auft eilte und 27,5" und 29" separat bewertet.

Und 26"? Ist in diesem Segment Geschichte! Kein einziger(!) der 18 Hersteller bietet noch ein Racebike im „Urmaß“ an, lediglich Einsteiger-Hardtails rollen noch vereinzelt auf 26" in die Shops. Wer hätte diese Entwicklung vor einem Jahr vorausgeahnt?

Sehr gute Werte auf den MountainBIKE-Prüfständen

Selbstredend besteht in dieser Gewichtsklasse jeder Rahmen aus Carbon, zumeist in Monocoque-Bauweise. Kein anderer Werkstoff bietet einen besseren Kompromiss aus niedrigem Gewicht und hoher Schlagzähigkeit. Plus: Die Konstrukteure können die Rahmen mit entsprechender Faserbelegung belastungsgerecht aufbauen.

So sorgen seitliche Steifigkeiten für Spurtreue und Antrittshärte, vertikale Nachgiebigkeit impft dem Carboni Sitzkomfort und Traktion ein. Um diese Fertigkeiten zu bewerten, wurden die Bikes vor dem Praxistest bis auf den Rahmen „ausgezogen“, im MB-Labor gewogen und vermessen. Auf Prüft ischen nach EFBe-Standard maß MountainBIKE zudem die Lenkkopf- und Tretlagersteifigkeit sowie den Komfort von Rahmen/Sattelstützen.

Und: So unterschiedlich in den Fahreigenschaften (dazu später mehr), so vereint sind 27,5" und 29" bei den Laborwerten. Weder beim Rahmenoder Gabelgewicht noch bei Steifigkeiten oder Komfort lässt sich ein signifikanter Unterschied oder gar ein Vorteil für die „kleineren“ 27,5er erkennen. Im Gegenteil: Cannondale (29") stellt den asketischsten und komfortabelsten Rahmen sowie die leichteste Gabel, Rotwild und Fuji (auch je 29") liefern die höchsten Steifigkeiten.

Überhaupt: Fast alle Probanden zeigen sich austrainiert, sehr gute Rahmengewichte um 1100–1200 Gramm sind die Regel, die Steifi gkeitswerte erreichen sogar vielfach ein überragendes Level. Nur die Fahrgestelle von Conway und Lapierre haben zu viel „Speck“ auf den Kohlefaserrippen, beide wiegen um 1450 Gramm und damit 350–400 Gramm mehr als die Besten – Welten in dieser Kategorie!

Beim Laufradgewicht schlägt dann doch die 27,5"-Stunde. Zwar profitiert Klassenprimus Giant auf der Waage vom federleichten, weniger alltagsfesten Thunder-Burt-Reifen, aber auch generell sind die kleineren Räder nun einmal leichter. In Folge lautet auch beim Gesamtgewicht der Sieger 27,5". Im Schnitt wiegen die „Kleinen“ 8,64 Kilo, die „Großen“ 9,19 Kilo.

MountainBIKE-Test: aus dem Labor auf den Trail

Nach dem Labortest war es an vier erfahrenen MountainBIKE-Testern – vom Marathon-Pro über den Hobbyracer bis zum Tourenfan –, weitere Unterschiede in der Praxis herauszufahren. Dafür ging es zunächst ins Trail-Paradies Brixen, wo auch die Bilder auf diesen Seiten entstanden. Anschließend prügelte jeder Tester jedes Bike über die „hauseigene“ MountainBIKE-Cross-Country-Strecke.

In kurvigen Passagen wurden Geometrie und Handling beurteilt, lang gezogene Schotter-Uphills luden zu Zwischenspurts ein, um den Vortrieb zu bewerten. Schließlich zeigte ein steiler, ruppiger Uphill ebenso wie ein grober Trail-Downhill, welches Bike ruhig und traktionsstark die Spur hält – und welches buchstäblich aus der Reihe tanzt.

Wie angedeutet sind die Unterschiede zwischen den Laufradgrößen enorm. Die 27,5"-Racer erinnern stark an die vergangene 26"-Generation, preschen ungemein spurtstark und spritzig voran, ziehen traumhaft agil ihre Kreise und tänzeln leichtfüßig über den Trail. Also ein klarer Punktsieg? Mitnichten, bergab wendet sich das Blatt.

Wer nicht gerade über die brillanten Fahrtechnik-Skills eines Nino Schurter, amtierender CC-Weltmeister aus der Schweiz, verfügt, ist mit einem Twentyniner nicht nur sicherer, sondern auch schneller wieder im Tal. Und in puncto Traktion bergauf zeigen die Riesenräder ebenfalls, wo der Hammer hängt!

Wer mit welcher Laufradgröße am besten fährt? Für MountainBIKE-Testchef André Schmidt gelten folgende Faustregeln: „Je kleiner der Fahrer bzw. je aggressiver die Fahrweise, desto besser ist 27,5". Für 29" gilt dies umgekehrt: Racer über 170 cm und/oder mit einer weniger aktiven Technik profi tieren stärker – speziell auf weniger verwinkelten Marathon-Strecken.“

Doch auch innerhalb der Laufradgruppen unterscheiden sich die Rennfeilen im Handling, vor allem die 29"-Riege. Dort tummeln sich messerscharfe Podiumsaspiranten mit engem Einsatzbereich genauso wie erfreulich spielerisch beherrschbare, voll alltagstaugliche Allrounder. Studieren Sie also die Testbriefe genau, um das perfekt zu Ihnen passende Hardtail – ob 27,5" oder 29" – zu finden.

Fast so spannend wie das Duell der Laufradgrößen ist 2014 der Kampf um den optimalen Antrieb. Dabei haben im ewig jungen Duell Shimano vs. Sram aktuell die Amis die Oberhand: Nur Focus und Fuji schalten und walten mit der edlen, aber nicht mehr ganz taufrischen XTR-Gruppe, der Rest setzt auf Sram XX, X0 oder XX1.

Womit wir mitten drin sind im Kampfgeschehen: 11 oder 20 Gänge? Exakt die Hälft e der Testbikes kommt mit Srams XX1 und damit nur einem Kettenblatt, kombiniert mit einer riesenhaft en 10–42er-Kassette. Im Renneinsatz funktioniert dies prächtig, Verschalter am Umwerfer sind passé, die Gänge rasten traumhaft exakt ein. Wer mit seiner Rennflunder aber mal über die Alpen crossen will oder aber meist eine schnelle Hausrunde mit nur leichten Steigungen fährt, kommt nicht umher, noch mindestens ein weiteres Kettenblatt zu ordern – und er muss ständig umbauen.

Bleibt noch ein letzter legendärer Fight: Fox oder Rock Shox? Quantitativ hat erneut der Sram-Konzern die Oberhand: Abseits der unvergleichlichen Lefty-Einarmgabel im Cannondale federn elf der 18 Bikes vorne mit der berühmten SID-Gabel, nur sechs mit einem Weichmacher aus dem Fuchsbau.

Qualitativ herrscht auf dem Punktzettel der MountainBIKE-Richter Gleichstand: Die SID ist ein paar Gramm leichter, spricht überraschend sensibel an, neigt jedoch bei harter Gangart zum „Durchrauschen“ – speziell im mittleren Federwegsbereich steht die Fox 32 Float etwas stabiler im Ring.

Fazit:

Die aktuelle Racebike-Generation bietet einen heißen Mix aus Sport und Alltagstauglichkeit – vor allem mit 29"-Laufrädern. Die neuen 27,5"-Renner zwirbeln noch eine Spur schärfer über den Trail, verlangen aber nach einem aktiven Fahrstil.


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17.12.2013
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 12/2013