Mountainbikes im Test: 14 Tourenfullys um 3.000 Euro (Modelljahr 2016)

Test: 14 Tourenfullys um 3.000 Euro


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Test Tourenfullys
Foto: Daniel Geiger

 

MountainBIKE Cannondale Habit 4
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Canyon Nerve AL 9.0
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Cube Stereo 120 HPC Race
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Drössiger XMA650B 1
Foto: Benjamin Hahn
Die aktuellen 120-mm-Tourenfullys bringen den Rock ‘n‘ Roll zurück auf die MTB-Piste. Warum die neue 27,5"-Alleskönner-Kategorie boomt und welches Mountainbike den größten Flow bietet, das zeigt dieser Test.
Zu den getesteten Produkten

Flow bezeichnet das als beglückend erlebte Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit, die wie von selbst vor sich geht.“ So sagt’s Wikipedia. Wir Mountainbiker kennen das Gefühl natürlich viel besser. Wenn man eins ist mit der Natur, dem Bike, mit sich. Was es dazu braucht?

Für das Gros der Bergradler müssen es keine knallharten Trails, keine meterhohen Drops, keine angsteinflößenden Steilstücke sein. Die „klassische“ MTB-Tour über gemäßigte Pfade, über lange Schotterauffahrten, durch reizvolle Landschaften reicht völlig aus, um dem Alltag so richtig schnell zu entkommen.

Aber klar, ein gescheiter Untersatz gehört zum Genuss dazu. Ein MTB, das auf ideale Weise Effzienz und Komfort bergauf, Fahrsicherheit und -spaß bergab sowie Langlebigkeit und Sorglosigkeit kombiniert – eins der 14 Tourenfullys zwischen 2.600 und 3.500 Euro aus diesem Vergleichstest!

Neben zumeist robusten Alu- oder Carbon-Rahmen bieten diese vollgefederten Mountainbikes 120 mm Federweg (in Ausnahmen auch 130 mm) an Front und Heck, in der Regel von tadellosen, hochwertigen Fox- oder Rock-Shox-Federelementen bereitgestellt.

Das ist genug, um auf langen Strecken hohen Fahrkomfort und bergauf viel Traktion zu genießen – und um bergrunter nicht beim ersten anspruchsvolleren Trail absteigen zu müssen.

Auf der anderen Seite ist es nicht zu viel. Klar haben All-Mountains (140–150 mm) und Enduro-MTBs (160–170 mm) bergab noch mehr Potenz.

Sie wiegen jedoch bei gleichem Preis rund zwei Kilo mehr, ihre langhubigen Fahrwerke neigen stärker zum Wippen, ihre flach-langen Geometrien sind oft nicht berghochfreundlich – und für Einsteiger und weniger Versierte teils schwer zu beherrschen.

Kurz und knapp: 120-mm-Fullys bieten für sehr, sehr viele Mountainbiker den besten Kompromiss.

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27,5 Zoll: Für die meisten Biker der beste Kompromiss

Obwohl sich diese Erkenntnis bei Touren-Mountainbikern längst durchgesetzt hat, definiert sich das Segment gerade wieder neu. „Schuld“ haben einmal mehr die Laufradgrößen. In den letzten Jahren gaben 29"-Bikes im Bereich bis 120 mm Federweg klar den Ton an. Aber bei allen Vorteilen – maximale Laufruhe, tolles Rollverhalten, hohe Fahrsicherheit, viel Komfort –, für viele blieb mit den Riesenrädern eins buchstäblich auf der Strecke: der Spaß.

Hier setzt die jüngste Generation der Allrounder an, die (wieder) auf kleineren Laufrädern/Reifen rollt: auf 27,5" für mehr Agilität, Temperament und Drehfreude. Um das Ganze werbetechnisch zu befeuern, hat die MTB-Industrie gleich einen neuen Namen fürs Kind: Trailbike.

Das klingt hip und jung. Für MountainBIKE bleiben es aber vielseitige Tourenfullys. 29er mit mehr Fokus aufs Streckemachen, 27,5er mit mehr Gewicht auf einem spielerischen Handling – egal ob auf dem Trail, dem Karrenweg oder der Schotterpiste.

Einige Hersteller haben das ständige Anpreisen der gerade angesagten Laufradgröße selbst satt und lassen dem Kunden die Wahl. Cube, Drössiger, Merida, Stevens und Trek bieten ihre hier getesteten 120-mm-Fullys in beiden Laufradmaßen an, bei Canyon und Scott hat das 29er-Pendant weniger Federweg.

Gut: Im Zuge des „Trail“-Trends entwickeln sich die Geometrien der Bikes zum Positiven. Die Ingenieure haben von ihren angesagten 27,5"-Enduros gelernt und das Erfolgsrezept auf die 120-mm-Fullys übertragen. Viele der Testbikes besitzen flache Lenkwinkel (ca. 68°) und ein längeres vorderes Rahmendreieck in Verbindung mit einem kurzen Vorbau (60–80 mm).

Das integriert zum einen den Fahrer besser, sprich tiefer ins Bike, als es bei früheren 26"-Tourenfullys der Fall war, zum anderen sorgt es für Spurtreue fast auf 29er-Niveau. Das hintere Rahmendreick ist fast immer kurz gezeichnet, mit steilem Sitzwinkel – für Wendigkeit und eine ideale Tret- und Kletterposition.

Ausstattung und Gewicht entscheiden

So weit, so gut. In Sachen Ausstattung – und damit in Sachen Gewicht – tun sich in diesem umkämpften Preissegment aber erstaunliche Gräben auf. Und das, obwohl die Redaktion die traditionell bestens ausgestatteten Versender-Mountainbikes von Canyon, Radon und Rose eine Preisstufe niedriger bestellt hat.

Neun der 14 Bikes schalten mit der neuen Shimano-XT-Gruppe: in der Regel in 2 x 11 Gängen, dank des 11-40er-Ritzelpakets mit ausreichend Bandbreite auch für den Alpencross. Da die 2016er XT noch nicht abwärtskompatibel ist – also mit günstigeren Shimano-Gruppen kombinierbar –, gibt es diese Hammergruppe lupenrein. Oft ist gar noch die preisgekrönte XT-Scheibenbremse mit 180-mm-Rotoren an Bord.

Kurzum: XT, das ist das Optimum und Maximum in dieser Klasse. Bei folgenden Bikes stammt jedoch maximal das Schaltwerk aus der (alten) XT-Gruppe: Cannondale Habit 4, Lapierre Zesty XM 417, Rocky Mountain Thunderbolt 730 MSL, Scott Spark 730 und Trek Fuel EX 8 27.5.

Den Rest bildet ein oft kruder Mix aus Shimano-Deore-Teilen und soliden Race-Face-Parts. Das muss funktionell nicht viel schlechter sein, selbst die Billigbremsen am Rocky Mountain Thunderbolt 730 MSL und dem Trek Fuel EX 8 27.5 verzögern sicher – bei einem Durchschnittspreis von 3000 Euro kann und muss man aber mehr erwarten.

Zumal die Hersteller noch an anderen Stellen sparen. Als da wären: Reifen mit preisgünstigerem Aufbau (bei Schwalbe: „Performance“ statt „LS“ oder „TLE“) oder teils bleischwere Laufräder mit minderwertigen Naben. Auch fehlt bei sechs Bikes in diesem Test die in dieser Preisklasse und Kategorie obligatorische Vario-Sattelstütze. Immerhin: Fast alle besitzen angenehm zu greifende Schraubgriffe, bequeme Sättel, solide Cockpits und die ein oder andere gelungene Detaillösung.

Doch Raum zum Tuning bleibt allerorten. So unterbietet alleine das Scott Spark 730 die 12-Kilo-Marke – allerdings ohne Vario-Stütze. Mit „Sattellift“ erreichen nur das Canyon Nerve AL 9.0, das Cube Stereo 120 HPC Race, das Radon Skeen 120 9.0 und das Rose Ground Control 2 ein angemessenes Gewicht von rund 12,5 Kilo.

Auch die Laborwerte hinterlassen ein teils zweifelhaftes Bild. So wiegen die vier Carbon-Rahmen (Cube Stereo 120 HPC Race, Focus Spine C Pro, Rocky Mountain Thunderbolt 730 MSL, Scott Spark 730) erwartungsgemäß weniger als 2800 Gramm, weisen aber teils überraschend schlechte Lenkkopfsteifigkeiten auf.

Auf der anderen Seite sind einige der Alu-Rahmen (vor allem beim Drössiger XMA650B 1, dem Lapierre Zesty XM 417 und dem Simplon Kibo 275 Alu Pro 22) sehr schwer. Den besten Kompromiss? Schafft das Canyon Nerve AL 9.0. Der Alu-Rahmen des Canyon Nerve AL 9.0 wiegt kaum mehr als die Carbonis, besitzt jedoch hohe Steifigkeiten und ist top verarbeitet.

Auch in der Praxis ist es das Canyon Nerve AL 9.0, das in allen Tour- und Traillagen die ausgewogenste und ausgereifteste Darbietung zeigt. Es ist leicht und spritzig im Antritt, traktionsstark sowie geschickt im Uphill, herrlich verspielt auf sanften Trails und trotz der eher kurzen Geometrie dank des exzellenten Fahrwerks sicher-satt im Groben – der Star im Flow-Zirkus!

Ebenfalls Applaus bekommen die vielseitigen Tourenfullys von Cube (Cube Stereo 120 HPC Race), Focus (Focus Spine C Pro), Merida (Merida One-Twenty 900), Simplon (Simplon Kibo 275 Alu Pro 22), Stevens (Stevens Jura ES) und Rose (Rose Ground Control 2).

Mehr ins Charakterfach drängen einerseits die schweren, bergabverliebten Bikes von Cannondale (Cannondale Habit 4), Lapierre (Lapierre Zesty XM 417) und Trek (Trek Fuel EX 8 27.5), andererseits das rassig-schnelle Scott Spark 730. Dem schwach ausgestatteten, dennoch wunderbaren Rocky Mountain Thunderbolt 730 MSL gebührt die inoffizielle Auszeichnung als „Testers Liebling“.



07.01.2016
Autor: André Schmidt
© MountainBIKE
Ausgabe 01/2016