Mountainbikes im Test: 14 Tourenfullys um 3.000 Euro

14 Tourenfullys um 3.000 Euro im Test


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Test Tourenfullys
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mountainBIKE Cube Stereo 120 HPC Race 29
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mountainBIKE Ghost AMR Lector 2978 E:i
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mountainBIKE Ghost AMR Lector 2978 E:i
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mountainBIKE Lapierre Zesty TR 529
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Raus aus dem Alltag, rein in die Natur: MountainBIKE hat 14 Fullys getestet, die sich für die Hausrunde ebenso eignen wie für den Alpencross oder einen Marathon. Mit dabei: Bikes in 26, 27,5 und 29 Zoll.
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Einfach mal raus. In die Natur, an die frische Luft, mal off-line sein. Den Fahrtwind im Gesicht und das Laktat in den Muskeln spüren. Einfach biken eben! Enduro-Spaß hin, Race-Action her – die „schlichte“ Tour stellt nach wie vor die wahre Seele des Bike-Sports dar.

Das sehen auch die MountainBIKE-Leser so: Bei einer aktuellen Umfrage gaben 90 Prozent der Befragten an, dass „draußen in der Natur zu sein“ für sie einer der absoluten Hauptgründe ist, aufs Bergrad zu hüpfen.

Aber welches Bike ist für die regelmäßige Alltagsflucht das beste? Nicht leicht zu sagen, denn das Angebot ist riesig: vom Hardtail bis zum Fully, von 100 mm Federweg bis zu 200 mm, von 26"-Laufrädern bis zu neuerdings 27,5" und 29". Wer auf den Komfort und die Fahrsicherheit eines vollgefederten Bikes setzt und einen Allrounder sucht, für den kommen jedoch nur zwei Kategorien in Frage: All-Mountain-Fullys mit 150-mm-Fahrwerken oder Tourenfullys mit 110–130 mm Federweg.

Letztere sind mehr auf Effizienz bergauf geeicht und eignen sich sowohl für die flotte Hausrunde als auch für den Alpencross oder einen beherzten Ausflug ins Marathon-Getümmel. Hand aufs Herz: Wie hoch ist der Anteil an richtig viel Federweg fordernden Trail-Metern auf Ihrer Lieblingstour?

14 Alleskönner lud MountainBIKE zu diesem Test, das Gros mit 120-mm-Fahrwerken. Dabei war es den Herstellern überlassen, ob sie einen Tourer mit 29"- oder, sofern vorhanden, mit 26"/27,5"-Laufrädern antreten ließen. Acht Firmen wählten die großen, sechs die kleineren Rundlinge. Den Preisrahmen steckte MountainBIKE von 2999 bis 3499 Euro ab – das schreit nicht nach Schnäppchenalarm, ist aber die Klasse, in der im Handel „die Musik spielt“.

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So viel Tourenfully gibt es fürs Geld

Was der Käufer dafür erwarten darf? Als wichtige Basis einen erstklassig verarbeiteten MTB-Rahmen, der bei sechs der 14 Testbikes sogar aus teurem Carbon besteht, bestückt mit wertigen Federelementen von Fox oder Rock Shox. Schaltung, Antrieb und Bremsen sollten mindestens auf Niveau von Shimanos Mittelklassengruppe SLX liegen, noch besser sind XT- oder Sram-X9-Parts.

Während nicht alle Fachhandelsmarken dieses Level durchgehend halten, setzen die drei sogenannten Versendermarken noch einen drauf: Canyon, Radon und Rose vertreiben ihre Räder direkt über das Internet, sparen sich so den „Umweg“ über den Fachhändler – und damit Kosten.

Der Käufer wiederum freut sich über Edel-Parts vom Schlage Shimano XTR oder Sram X0 sowie über die teuersten Federelemente von Fox. Eine Probefahrt bieten die Direktvertriebler aber, wenn überhaupt, nur direkt am Firmensitz an, auch Erstmontage und Service liegen mehr oder weniger in der Hand des Kunden.

Um die Langstreckenqualitäten der Tourenfullys zu überprüfen, wurden diese von vier erfahrenen MountainBIKE-Testridern auf der Schwäbischen Alb und im Schwarzwald auf abwechslungsreichen Runden gefahren, die alles boten, was das Tourerherz begehrt: lange Schotteranstiege, knackige Trail-Uphills, schnelle wie knifflige Downhills.

Vorab wurden die Allroundfullys von MountainBIKE-Werkstattleiter Haider Knall gewogen, vermessen, zerlegt und auf den Prüftisch gespannt – mit teils überraschenden Ergebnissen. So trennen die Kontrahenten in Sachen Gewicht Welten: Voll renntauglich sind die unter 2600 Gramm leichten Kohlefaserrahmen von Scott und Specialized, wohingegen Stöckli (3480 g) und vor allem GT (3810 g) weit über dem Schnitt von rund 3000 Gramm liegen.

Letzteres glänzt dafür mit exorbitant hoher Steifigkeit. Zu nachgiebig im Labor wie teils auch auf dem Trail sind Simplon und Stöckli. Auch die Carbonis von Scott, Specialized und Trek erreichen nur knapp den bei mindestens 60 Nm/° Lenkkopfsteifigkeit angesiedelten „grünen Bereich“ – Biker oberhalb der 90-Kilo-Marke sollten auf jeden Fall Probe fahren!

Übrigens: Den Unkenrufen zum Trotz erzielen die 29"-Rahmen im Schnitt bessere Steifigkeitswerte als die 26"/27,5"-Modelle. Die in der Praxis teils spürbare höhere Verwindung liegt nämlich primär an den Laufrädern selbst: Die kleineren Rundlinge sind durchschnittlich um 10–15 Prozent steifer als die „Big Wheels“ – und dennoch leichter.

Das mit 14,3 Kilo viel zu pfundige GT ausgeklammert, gewinnen die „Kleinen“ auch die Gesamtgewichtswertung dann recht deutlich. Canyon, Scott und Radon wiegen keine 12 Kilo oder gar teils deutlich drunter, während das leichteste Twentyniner (Cube) „nur“ auf 12,5 Kilo kommt.

Auch in der Praxis macht sich dies bemerkbar. Vor allem die drei genannten Leichtgewichte brausen der Konkurrenz in der Ebene und im leichten Bergauf lässig davon. Allerdings sind die 26"/27,5"-Tourer auch per se die charakterstärkeren Testbikes, die mehr an den Grenzen zu den benachbarten Kategorien kratzen als die fast alle ähnlich einzuordnenden Twentyniner.

So verhehlen Radon, Scott und Stöckli ihre Race-Gene nicht, machen auch als Marathon-Bike eine bella Figura. Canyon, GT und Simplon indes sind dank ihrer 27,5"-Räder, ihrer hungrigen Fahrwerke – teils mit 130 mm Federweg – und ihrer bergablastigen Geometrien mit flachen Lenkwinkeln wahre Trail-Artisten, die so manches All-Mountain strubbelig fahren würden.

Überragende Fahrsicherheit der 29er-Testbikes

Doch auch mit den 29"-Fullys lässt es sich dank fantastischer Traktion nicht nur vorzüglich klettern, sondern im anspruchsvollen Gelände auch ordentlich kacheln. Im Schnitt liegen die Riesenräder gar noch satter und vor allem sicherer auf dem Trail – sind dabei aber weniger verspielt und drehfreudig als ihre kleinen Konkurrenten. Dennoch zeigen die wunderbar gelungenen Geometrien von Lapierre, Rocky Mountain, Specialized und Trek, dass sich 29"-Laufräder und ein agil-wendiges Handling nicht ausschließen müssen.

Im Gegenteil: Diese vier Fullys lassen sich auch von weniger versierten Fahrern spielend ums Eck drücken, verwöhnen aber mit der 29er-typischen Laufruhe und mit viel Komfort. Sie sind sich dennoch unsicher, welche Laufradgröße die passende ist? Dann kann Ihnen der „MontainBIKE-Laufrad-Finder“ helfen. Sie müssen nur fünf Fragen zu Ihrem Fahrstil, Ihren Bike-Vorlieben und Ihren bevorzugten Strecken beantworten – in Kombination mit Ihrer Körpergröße ergibt dies die Empfehlung der Redaktion.

Zurück zum Thema Komfort: Für diesen sorgen fast alle der verbauten Kinematiken im hohen oder sehr hohen Maße. Nur der eigenständige „Pathlink“-Hinterbau am GT wurde von den Testern als etwas zu straff und weniger feinfühlig kritisiert. Die Hinterradfederungen von Cube und Specialized sind zwar auch keine Sensibelchen, gehen aber stets aktiv mit und schlucken grobe Brocken willig weg.

Bergauf steht Effizienz im Lastenheft: Der Hinterbau soll möglichst wenig wippen oder gar wegsacken, dennoch Traktion generieren. Cube, Radon, Rotwild, Simplon und dem elektrisch geregelten Ghost-Heck glückt dieser Spagat perfekt. Rocky Mountain, Rose und Scott hingegen pumpen mehr (Wiegetritt) oder weniger stark – hier ist die Wipp unterdrückung („Plattform“) am Federbein Pflicht, die bei Rose und Scott dankenswerterweise via Lenkerfernbedienung schnell zuschaltbar ist.

In der Endabrechnung gewinnen wie so oft zwei der vielseitigsten Bikes: Das Cube begeistert 29er-Fahrer mit starker Ausstattung, effektivem Vortrieb und unaufgeregt-sicherem Handling. Fans der kleineren Laufräder fi nden im edlen, leichten, wuseligen Canyon einen Traumpartner sowohl für epische Touren wie für die fröhliche Trail-Hatz.



Die Mountainbikes im Test:

06.02.2014
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 02/2014