Mountainbikes im Test: 14 Race-Hardtails von 4.000 bis 5.000 Euro (Modelljahr 2016)

Test: 14 Race-Hardtails (Modelljahr 2016)


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Race-Hardtails
Foto: Dennis Stratmann

 

MountainBIKE Racehardtails
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Racehardtails
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MountainBIKE Racehardtails
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MountainBIKE Racehardtails
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Wer schnell sein will, muss leiden? Vorbei! Die Race-Hardtails des Jahres 2016 hängen so hart am Gas wie eh und je – bieten aber zugleich enormen Fahrkomfort. MountainBIKE hat 14 Modelle getestet.
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Däng, däng, däng! Hart und laut knallt die Kette gegen die Streben, spitze Stöße vom Untergrund piesacken den Fahrer. Jeder Kieselstein ein Peitschenhieb. Sie lieben genau das? Warum nicht! Mit einem Hardtail, mit ungefedertem Heck, über ein Ensemble von Stöcken und Steinen zu brettern ist halt die ehrlichste Art des Mountainbikens.

Und wenn man dabei auf einem dieser sündteuren, dafür sündhaft leichten und traumhaft schönen 14 Race-Hardtails wie in diesem Test sitzt, dann ist Hardtail-Fahren auch schlichtweg geil. Aber – so viel vorweg – es wird noch besser!

Zunächst sprechen eh viele „harte“ Fakten für die Hardtails: Sie werden immer leichter, steifer, direkter im Handling sowie im Antritt, sorgloser, wartungsärmer und in Relation preiswerter sein als ihre vollgefederten Pendants. Oder banal gesagt: Was nicht dran ist (in dem Fall die Hinterradfederung), wiegt nix, kost’ nix und geht nie kaputt. Und zeitlos sind die eleganten Klassiker eh.

Doch sind sie auch zeitgemäß? Antwort: ja, mehr denn je. Natürlich wird ein Hardtail nie die fahrdynamischen Vorteile – die Traktion bergauf, die Fahrsicherheit bergab – eines Fullys erreichen, aber die jüngste Generation der Carbon-Rahmen bringt einen riesigen Fortschritt: Komfort! Dank Gummipuffern oder Fully-artigen Gelenken, mit vertikal flexenden Sitzstreben, mit biegsamen Sattelstützen.

Aber wie geht Komfort ausgerechnet mit den Ansprüchen der Racebike-Zielgruppe – vom Leichtbauliebhaber ohne Rennambitionen über den Hobby-Marathonisti bis zum gesponserten Cross-Country-Profi – einher? Schließlich prägen diese Kategorie traditionell andere Werte: asketisches Gewicht, brachiale Steifigkeit, alles unterwirft sich einzig dem Vortrieb. Oder?

Dazu Tim Böhme, Leiter Test & Training beim Radlabor Freiburg, selbst einer der weltbesten Marathon-Biker: „Für mich ist der Komfort bei Hardtails höher zu bewerten als die Steifigkeit. Ein komfortabler Rahmen schluckt kleine bis mittlere Schläge, dadurch wird die pedalierende Muskulatur geschont, und man kann länger sitzenbleiben oder im Sitzen mehr Power auf das Pedal bringen. Aber nicht nur beim Treten bringt der Komfortrahmen eine bessere Performance, auch bergab sind die Vorteile spürbar.“

Aber: Gewicht und laterale Steifigkeit, etwa der Verwindungswiderstand im Wiegetritt, dürfen unter den Komfortkonzepten nicht leiden. 14 Race-Hardtails aus Carbon mit 29"-Laufrädern mussten im Labor- und Praxistest beweisen, dass der Mix aus Effizienz und Komfort klappt. Die Preisspanne setzte die Redaktion hoch an: 4000 bis 5000 Euro.

Viel Geld, aber der Bereich, in dem in dieser Kategorie „die Musik spielt“, in dem die magische 10-Kilo-Marke meist locker unterboten wird. Und: Alle Bikes im Test gibt es auch mit preisgünstigerer Ausstattung und oft identischem Kohlefaser-Rahmen. Oder aber mit viel edleren Parts: etwa das Cannondale F-Si Black Inc. für abstruse 11 000 Euro.

Viele Novitäten prägen das Testfeld, die Hardtails von BMC, Bulls, Focus, Ghost, Haibike, KTM, Müsing und Trek sind komplett neu für 2016. Die ebenfalls backfrischen Carbon-Neulinge von Canyon (Exceed) und Simplon (Razorblade SL) waren zu diesem frühen Zeitpunkt nicht serienreif und damit testfähig, das neue Centurion Backfire passte preislich nicht ins Testfeld.

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BMC und Trek: Soft- statt Hardtail

So sind es die Newcomer von BMC und Trek, die für Aufsehen sorgen. Beide sind mehr Soft- als Hardtail, treiben den Komfortgedanken auf die Spitze. So sorgt beim BMC ein in die Sitzstreben integrierter Elastomerdämpfer für rückenschonendes Rasen.

Am Trek ist es ein Gelenk, das das Sitzrohr vom Knotenpunkt Oberrohr/Sitzstrebe entkoppelt und damit flexen lässt. Eine Technik, die Trek seit drei Jahren am Rennrad Madone einsetzt. Siege bei Paris-Roubaix und der Flandernrundfahrt inklusive – sie scheint nicht langsam zu machen. Auch Focus verfolgt ein ähnliches Konzept, jedoch ohne Gelenk.

Um den Rahmenkomfort belegbar zu machen, wendet MountainBIKE ein Prüfverfahren an, bei dem die vertikale Nachgiebigkeit von Rahmen und Sattelstütze gemessen wird. Streng genommen sagt der ermittelte Wert mehr über den Sitzkomfort aus, die Flexibilität im Stehen beurteilten vier erfahrene Testfahrer nach den Prüffahrten, unter anderem mit einer anstrengenden Abfahrt über Wurzelteppiche und Steingärten.

Und? BMC und Trek ragen in Labor wie Praxis heraus. Tester Thomas Schmitt: „Wenn das BMC jetzt noch knarzen würde, wär’s echt ein Fully.“ Übertrieben, klar, aber das Teamelite fährt sich wirklich unfassbar komfortabel. Und es gibt (fast) keine Nachteile. So sind die BMC- und Trek-Rahmen nicht die leichtesten im Feld – es brillieren Focus und Bulls –, aber bei weitem nicht die schwersten.

Auch in Sachen Lenkkopfsteifigkeit erreichen beide sehr gute Werte. Lediglich bei der Tretlagersteifigkeit schwächelt das BMC. Hobby-Marathonisti werden dies kaum merken. Und Profis? Laut BMC setzen die Teamfahrer um Superstar Julien Absalon sogar den weichsten der drei erhältlichen Elastomere ein – MountainBIKE wählte die mittlere Härte. Alle Steifigkeitswerte und Gewichte der Testbikes gibt's hier zu sehen.

Wem nun vor lauter Weichmacherei die Essenz des Rennfahrens, der knackige Vortrieb, der Siegeshunger fehlt, der sei beruhigt: Die 2016er Hardtails, auch die „Softies“, streben so stramm voran wie eh und je. Nein, sie sind gar schneller geworden. Moderne Geometrien mit steilem Sitzwinkel und längerem Reach rücken den Biker ergonomisch sinnvoll nach vorne, der Tritt erfolgt bei den meisten Testbikes ideal von oben ins Pedal, selbst bei steilsten Anstiegen steigt die Front nie.

Zumal die Traktion am Heck fast durchwegs für Hardtails fantastisch ist: Hier profitieren die Bikes von den besseren Überrollfähigkeiten der 29"-Laufräder (im Vergleich zu 26" und 27,5" werden diese weniger etwa durch Steinchen gebremst; MountainBIKE-Laufradgrößenfinder: in wenigen Klicks zur passenden Größe). Und erneut vom Thema Komfort – es schließt sich der Kreis. So drückt ein flexibles hinteres Rahmendreieck den Hinterreifen förmlich an den Boden, während ein zu steifes Heck den Pneu springen lässt. Bergauf wie -ab gilt also: Komfort schafft Sieger!

Nur warum stehen dann nicht die Komfortwunder von BMC und Trek ganz oben in der Punktetabelle? Nicht, weil sie sich nicht fantastisch fahren würden. Im Gegenteil, alle Testfahrer waren vom Fahrkomfort als auch vom Handling der Soft tails hellauf begeistert, wählten Teamelite und Procaliber fast geschlossen zu ihren persönlichen Favoriten.

Es sind jeweils Schwächen in der Ausstattung, die zu viele Punkte in der Endabrechnung kosten. So geht der Sieges-Schampus an das drittkomfortablste Bike, das Focus Raven. Hauchdünn (noch knapper geht’s kaum) gefolgt von den zwar noch schnelleren und leichteren, aber eben nicht ganz so flexiblen, mehr eindimensionalen Rennfeilen von Bulls und Ghost.



07.12.2015
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 12/2015