Mountainbikes im Test: 13 All-Mountains um 3.000 Euro

13 All-Mountain-Bikes um 3.000 Euro im Test


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All-Mountain-Test
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MountainBIKE Bergamont Threesome SL 9.4
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MountainBIKE Canyon Spectral AL 8.0
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MountainBIKE Centurion No Pogo Ultimate 2.27
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Centurion No Pogo Ultimate 2.27
Foto: Benjamin Hahn
Potent bergab, ausdauernd bergauf und voll auf Fahrspaß geeicht – All-Mountain-Fullys sind die wahren Alleskönner unter den Mountainbikes. Wir haben 13 Modelle getestet - elf davon mit Laufrädern in 27,5 Zoll und zwei 26"-Modelle.
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Quo vadis, All-Mountain? Wohin geht die Reise der wohl meistverkauften Mountainbike-Kategorie? Diese Frage stellte MountainBIKE im ersten All-Mountain-Fully-Test des Jahres – und sie ist brennender denn je!

Neue Laufradgrößen, stark veränderte Geometrien und Federwege, die erstmals seit vielen Jahren mal wachsen, mal schrumpfen – das Angebot mit dem auch aus Werbegründen beliebten Kürzel „AM“ ist für den Endkunden so unüberschaubar wie nie.

Grund genug, die auftauchenden Fragen mit diesem Test der All-Mountain-Kaufklasse (13 Bikes von 2600 bis 3300 Euro) zu beantworten. Denn eines ist klar: Die laut Umfrage beliebteste Kategorie der MountainBIKE-Leser ist nach wie vor in puncto Fahrspaß schlicht der Hammer. Kein Wunder also, dass so ein Trail-Tänzer auf dem Wunschzettel unzähliger Biker weit oben steht.

Warum das so ist, ist schnell geklärt: All-Mountains bilden wie keine andere Kategorie den Urgedanken des Mountainbikens ab. Überall rauffahren, überall runterkommen, Freiheit und Natur genießen, mit den Anforderungen des Geländes spielerisch fertig werden – das ist All-Mountain!

Dazu braucht es ein Bike, dessen Up- und Downhill-Eignung zu je etwa 50 Prozent gleich verteilt ist und das dank robustem Rahmen und langlebiger Parts auch schonungslose Ritte über grobes Gardasee-Gestein frei von Defekten hinnimmt – ohne dass das Gesamtgewicht zu weit über die 13-Kilo-Marke steigt.

Zudem ist ein Fahrwerk mit circa 150 mm Federweg die Regel, das bergauf mit Effizienz und Traktion, bergab mit Komfort und Fahrsicherheit überzeugt. Gefordert ist also ein absolutes Alleskönner-Bike. Für jeden Tag. Für jeden Trail. Für jeden Biker.

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Löst 27,5" das Urmaß der Szene ab?

Die Basis für diese Tausendsassas unter den MTBs bildeten dabei jahrelang 26"-Laufräder. Vorbei! Zumindest fast. Quasi über Nacht hat sich die Bike-Industrie einem „neuen“ Standard zugewandt: 650B (eigentlich eine uraltes französisches Radgröße) oder vereinfacht 27,5" sei nun das Maß der Dinge.

Und so kommt’s, dass elf der 13 Testbikes auf 27,5"-Rädern rollen, nur Ghost und Radon bleiben 26" (noch) treu. Einige wenige Hersteller wie Specialized warten weiterhin ab – wollten aber auch kein 26"-Bike mehr in diesen Test schicken. Ganz anders Giant: Der größte Radhersteller der Welt ist so sehr vom „Zwischenmaß“ überzeugt, dass er wieder Abstand vom gerade erst etablierten 29"-Standard nimmt.

Wie und warum es zu diesem Laufradchaos kam, müssen nun die Marketingabteilungen (er)klären – den Kunden dürften mehr die wahren Vor- und Nachteile von 27,5" interessieren. Beide sind im Vergleich zu 26" eher gering. Die geringfügig größeren Räder (Felgenaußenumfang: 584 mm zu 559 mm) rollen durch den flacheren Aufprallwinkel einen Tick besser über Hindernisse, halten das Tempo stabiler und mindern Überschlagsgefühle im Steilen.

Umgekehrt sind sie etwas träger zu beschleunigen und im Handling. Am stärksten (positiv) spürbar: Der Fahrer sitzt auf einem 27,5er besser im Bike, da das Tretlager in Relation zur Radachse 10–15 mm tiefer liegt. Was dies alles unter dem Strich bedeutet? Wer bis dato mit 26" glücklich war, dürfte dies auch mit 27,5" sein. Die Vorund Nachteile sind zwar spürbar, aber das Rad ist buchstäblich nicht neu erfunden worden.

Indes: Der vermeintlich größte 27,5"-Nachteil – ein höheres Gewicht – bestätigt sich in diesem Test kaum. So haben die beiden 26-Zöller von Ghost und Radon zwar beim Laufradgewicht knapp die Stollen vorne, ihre Rahmen wiegen dafür mehr als der Testdurchschnitt.

Apropos: Dieser liegt für die 13 Alu-Frames bei 3250 Gramm und damit auf dem (nicht überragenden) Niveau der Vorjahre. Bei Ghost und Drössiger klettert die Waage gar über die 3,5-Kilo-Marke, bei Cube und Norco bedrohlich in deren Nähe. Positiv heraus ragt einzig der Canyon-Rahmen, der mit 2870 Gramm der leichteste und zudem der zweitsteifste im Test ist.

Auch beim Gesamtgewicht markiert das neue Spectral mit 12,7 Kilo einsam die Spitze, lediglich das Scott Genius (12,9 Kilo) kann ansatzweise folgen. Im Schnitt wiegen die Testbikes 13,5 Kilo – und erfüllen damit so gerade eben die Anforderungen an ein All-Mountain dieser Preisklasse. Deutlich zu gewichtig sind Conway, Drössiger und Norco, die mit je über 14 Kilo auf Enduro-Niveau liegen und den Uphill zum Mühsal machen.

Die neuen Geometrien: besser hoch, besser runter

Ein positiver Effekt der neuen Laufradgröße: Die Hersteller waren gezwungen, die Geometrien ihrer Bikes neu zu überdenken. Dabei hegten fast alle Entwickler anscheinend dieselben drei Gedanken. Erstens: Kettenstreben so kurz wie möglich, um ein agiles Fahrverhalten zu erhalten. Zweitens: Lenkwinkel flacher als bisher, um bergab Laufruhe zu gewinnen. Drittens: Sitzwinkel möglichst steil, um effizientes Treten bergauf zu garantieren.

Dass diese Rechnung aufgeht, beweist der Praxistest, den vier erfahrene MountainBIKE-Rider auf einem Kurs im Umfeld des Bikeparks Bad Wildbad sowie auf den legendären Trails am Gardasee durchführten. Testleiter André Schmidt: „Sagenhaft , wie verspielt-agil und dabei spurtreu die meisten Testbikes über den Trail swingen! Zudem machen die optimierten Sitzpositionen eine Absenkfunktion der Gabel selbst an steilsten Stichen überflüssig.“

Vor allem die auch für AMll-Mountain-Novizen spielerisch zu beherrschenden Bikes von Canyon und Rotwild, aber auch die wunderbar geschmeidigen Handlings von Bergamont und Cube sind einfach hinreißend! Nur das Conway fand unter den Testern keine Fans. Mit seiner lang/hohen Geometrie wirkt es wie ein „aufgeblasener“ 26-Zöller.

Und noch eine Folge haben die gewachsenen Laufräder: Da sie per se für mehr Fahrstabilität stehen, ließen einige Hersteller im Umkehrschluss den Federweg schrumpfen. So beackern bei Bergamont, Canyon, Giant, Norco und Rotwild „nur“ 140 mm den Untergrund – statt der vormals bei einem AM üblichen 150 mm. Und? Auch die Gleichung „größeres Laufrad = weniger Federweg“ haut hin, wie die erwähnten Sahne-Handlings von Bergamont & Co. eindrucksvoll zeigen.

Mangelnde Reserven? Monierten die Tester nur bei den Bikes, die wie das Norco zwar äußerst komfortabel agieren, aber aufgrund einer flach-linearen Kennlinie den Federweg zu schnell wegschnupfen. Generell jedoch ist das Niveau der Fahrwerke hoch! Egal ob als abgestützter Eingelenker (Centurion, Scott), mit VPP-ähnlicher Kinematik (Conway, Giant) oder als Viergelenker: Allen Bikes gelingt der Spagat aus Antriebsneutralität und Schluckfreude gut bis ausgezeichnet – wobei Cube, Radon und Rotwild noch ein Stück herausragen!

Dazu passt, dass die Federgabeln in Sachen Komfort zugelegt haben. So tasten die in acht Bikes verbauten Fox-32-Forken den Trail viel sensibler ab als in den Vorjahren. Im verblockten Gelände finden aber auch die Füchse ihren Meister: Die neue Pike von Rock Shox (bei Cube, Radon, Rose) kommt mit ihrer überragenden Dämpfung selbst auf dem einst gefürchteten Sentiero 601 nie an die Grenzen – bei nur minimalem Mehrgewicht.

Auch abseits der Federelemente fanden die MountainBIKE-Tester erfreulich wenig Anlass zur Parts-Kritik. Das Gros der Bikes kommt mit langlebigen Shimano-XT-Komponenten sowie Avid-Vierkolben- oder Shimano-XT/SLX-Bremsen. Wie so oft setzen die drei Versender (Canyon, Radon, Rose) mit hochwertigeren Laufrädern noch einen drauf (die wichtigsten Fragen beim Bike-Kauf im Internet). Dickes Extralob: Bis auf Scott verbauen alle Hersteller eine Vario-Sattelstütze, die an einem All-Mountain-Bike ganz klar Pflicht ist. Das relativiert zumindest in Teilen die angesprochenen höheren Gewichte.

Dennoch ist es am Ende mit dem Canyon das leichteste und somit breitbandigste Bike, das den hohen Allround-Ansprüchen eines AM-Tests voll gerecht wird – Testsieg! Aber auch die top ausbalancierten 27,5"-Bikes von Bergamont, Centurion, Rotwild und Scott glänzen. Und wer ein Mini-Enduro sucht, findet im „wilden“ Cube oder im Rose seinen Traumpartner.

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18 Bilder
MountainBIKE Alutech Teibun 1.0 V.3 Foto: Benjamin Hahn
MountainBIKE Alutech Teibun 1.0 V.3 Foto: Benjamin Hahn
MountainBIKE Corratec The Opiate FX Foto: Benjamin Hahn

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Die Mountainbikes im Test

10.03.2014
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 03/2014