Mountainbikes im Test: 11 Tourenfullys um 2.500 Euro

11 Tourenfullys um 2.500 Euro im Test


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Test Touren-MTB
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MountainBIKE Bergamont Contrail 8.4
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MountainBIKE Bergamont Contrail 8.4
Foto: André Schmidt

 

MountainBIKE Canyon Nerve AL 9.9
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MountainBIKE Canyon Nerve AL 9.9
Foto: André Schmidt
Sie suchen einen neuen Traumpartner? Der mit Ihnen durch dick und dünn geht, sensibel ist, Sicherheit und Vertrauen schenkt? Dann könnte dieser MountainBIKE-Test von elf Sorglos-Tourenfullys der Beginn einer Liaison fürs Leben sein!
Zu den getesteten Produkten

Was MountainBIKE unter dem Begriff Tourenfullys abseits der Werbeprosa versteht? Erst mal einen maximal 13 Kilo schweren MTB-Allrounder, der dem Urgedanken des Mountainbikes verpflichtet ist: raus aus dem Alltag, rein in die Natur, entspannt und schmerzfrei über lange Schotterpisten zum Gipfel pedalieren, sicher und komfortabel auf nicht zu furchterregenden Trails wieder runterschwingen.

Und es geht um Mountainbikes, die im besten Sinne simpel sind: circa 120 mm „fixer“ Federweg ohne endlose Setup-Orgien. Fahrwerke, die ohne diverses Schalterumlegen oder Knöpfchendrücken bergauf nicht wippen, bergab feinfühlig sind. Schaltungen und Bremsen, die ohne viel Wartung einfach „nur“ funktionieren.

Vor allem sind in dieser bei den MountainBIKE-Lesern extrem beliebten Preisklasse um 2500 Euro aber Bikes gefordert, die schlicht ihr Geld wert sind. Hier zählt die wahre Leistung, weniger das Image (Noch mehr 2014er Tourenfullys im Test: 14 Modelle um 3.000 Euro). Und das nicht nur für eine Saison, sondern auf lange Sicht. Gesucht ist der treue Freund für unzählige Kilometer, der Traumpartner für die Tour d‘Amour!

Dabei war der Weg zu dieser Treuegemeinschaft nie so verzweigt wie in dieser Saison. Vor allem die plötzliche Verdreifachung der angebotenen Laufradgrößen sorgt beim Kunden für Verwirrung und Unverständnis – bis hin zur Verweigerung. So liegt das über 30 Jahre bewährte 26"-Maß zum Verdruss vieler Bikefans im Sterben – nur noch ein Testrad (Rose) rollt auf dem Urmaß.

Zu den seit zwei, drei Jahren etablierten 29"-Rädern gesellen sich nun die 27,5"-Wheels – beide Größen sind mit je fünf Bikes im Test. Der 27,5"-Standard basiert dabei auf einem uralten französischen Maß („650B“) für Lastenräder und soll das Beste aus zwei Welten mixen. Also etwa die höhere Laufruhe, das bessere Überrollverhalten und die zentralere Sitzposition der Twentyniner mit der Agilität, der Steifigkeit und dem geringen Gewicht der 26-Zöller.

Die bisherige Praxiserfahrung zeigt jedoch, dass die 27,5"-Bikes deutlich näher am 26"- denn am 29"-Fahrgefühl sind. Sie sind – vor allem dank ihrer besseren Fahrerposition – die „minimal besseren 26er“. Ob dies die Ablösung eines Traditionsmaßes wirklich rechtfertigt, steht auf einem anderen (Werbe-)Blatt ...

Für MountainBIKE haben indes kleine wie große Laufräder im Tourensegment absolut ihre Berechtigung. Aber: Beim MTB-Kauf sollten Sie sich nicht von den Philosophien der Hersteller oder den fast religiös geführten Diskussionen im Internet fehlleiten lassen. Wählen Sie die zu Ihnen(!) passende Laufradgröße nach Ihren Vorlieben aus, speziell anhand Ihrer Körpergröße und Ihres Fahrstils.

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Labor und Praxis – so hart testet nur MountainBIKE

Bevor die elf Tourenffullys zum Praxistest in den Schwarzwald reisten, stand der Gang ins MountainBIKE-Labor bevor. Dort wurden die Bikes zerlegt und in Einzelteilen gewogen. Danach nahm Laborchef Haider Knall die Geometrien und die Rahmensteifigkeiten nach Vorgabe des renommierten Prüflabors EFBE auf.

Im Schnitt brachten die Testbikes 12,96 Kilo auf die geeichte Waage und würden damit eine Grundvoraussetzung erfüllen. Erstaunlich: Die vermeintlich schwereren 29er siegen beim Gesamt- wie beim Rahmengewicht über 26"/27,5"! Das liegt am einzigen Carbon-Frame im Test (Bergamont, 2622 g), vor allem aber an den 27,5"-Rahmen von Drössiger, Ghost und KTM, die um 3500 g wiegen – eine Menge Alu in diesem Segment und Wasser auf die Mühlen der 27,5"-Kritiker.

Oder anders gesagt: Die länger auf dem Markt befindlichen 29er-Rahmen wirken fabrikationstechnisch ausgereifter. In puncto Rahmensteifigkeit gibt es keine signifikanten Unterschiede zwischen den Laufradgrößen. Alle Bikes schaffen den grünen Bereich, am knappsten das Scott, am souveränsten das Ghost – beides 27,5er.

Doch wie schlugen sich die Traumpartner in spe unter den Fittichen erfahrener MountainBIKE-Tester? Auf langen Schotterpisten, technischen Natur-Trails und mit kleinen Drops und Anliegern gespickten Abschnitten? Die erfreuliche Nachricht: Alle elf Bikes absolvierten die Praxisprüfung mindestens mit „sehr gut“.

Vor allem in den Bereichen Fahrsicherheit und Komfort sind die Fortschritte der Kategorie bemerkenswert. Waren Tourenfullys vor Jahren eher aufgeblasene Cross-Country-Bikes mit nervösgiftigem Handling und extrastraffem Fahrwerk, so offenbart die 2014er Generation viel mehr Potenz und damit Fahrspaß – speziell bergab. Was Specialized (29"), Cube und Ghost (je 27,5") im Downhill auf den Trail brennen, hat sogar ausgewachsenes All-Mountain-Niveau – also ein Segment, das in der 26"-Ära bei 140 mm Federweg gerade erst mal anfing.

Zu verdanken ist dies den in den vergangenen zwei Jahren deutlich optimierten Geometrien – immerhin ein positiver Nebeneffekt des erwähnten Laufradchaos. So stehen die Lenkwinkel im Vergleich zu früher nun deutlich flacher, was Spurtreue im Groben und Laufruhe bergab steigert. Gleichzeitig impfen kurze Kettenstreben und ein im Vergleich zur Radachse niedriges Tretlager (die größeren Laufräder machen’s möglich) den Bikes Agilität und Drehfreude ein.

Mini-Downhiller sind die Tourer damit aber noch lange nicht. Die nun sehr steil gezeichneten Sitzwinkel (74–75°) rücken den Fahrer weiter nach vorne „über“ das Innenlager, begünstigen so eine optimale Trittposition gerade an steilen Stichen. Das macht zudem in dieser Federwegsklasse absenkbare Gabeln à la Fox Talas überflüssig, da die Front brav am Boden bleibt – keep it simple!

Dazu passen die ausgereiften Hinterradfederungen, die den Spagat aus Antriebsneutralität (kein Wippen, kein Pedalrückschlag) einerseits und Traktion, Komfort sowie Fahrsicherheit andererseits zumeist prima meistern. Nur die supersensiblen Hinterbauten von Drössiger, Rose und Scott pumpen vor allem bei starkem Kettenzug spürbar – hier ist das Einschalten der Wippunterdrückung am Federbein Pflicht, was bei Rose und Scott zum Glück via Lenkerfernbedienung erledigt wird.

Sorglos, wartungsarm, nicht zu schwer – so sieht die optimale Ausstattung für eine ungetrübte Liebe zum Tourenfully aus. Erneut gebührt dem Gros der Testbikes Lob! Fast alle schalten und walten mit zigfach bewährten Antriebskomponenten von Shimano auf SLX- oder XT-Niveau, meist mit 2 x 10 Gängen bei 29" und 3 x 10 bei 27,5". Beides macht Sinn, wichtig ist für Tourenbiker indes ein kleiner Klettergang – den nur Centurion, Cube, Drössiger, KTM, Scott und Specialized dank 22er-Kettenblatt bieten.

Der Rest kommt mit 24er-Blatt – vor allem bei 29"-Bikes arg stramm. Auch bei den Bremsen sei ein kleines Hohelied auf Shimano erlaubt: Egal ob Deore, SLX oder XT, alle Japan-Stopper bieten top Performance ohne nerviges Schleifen oder Klingeln. Auch die Avid-Vierkolben-Stopper überzeugen, nur die Formula-Bremse am Specialized fällt etwas ab.

Aufpassen muss der Kunde beim Thema Reifen. Viele Hersteller verbauen weniger pannensichere Race-Pneus, einige mogeln zudem Reifen mit harter, billigerer Gummimischung unter – bei Schwalbe etwa zu erkennen am Zusatz „Performance“ statt „Evo“.



Die Mountainbikes im Test

09.05.2014
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 04/2014