Mountainbikes im Test: 11 MTB-Tourenfullys um 3.000 Euro (Jahrgang 2015)

11 Tourenfullys um 3.000 Euro im Test


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Test Tourenfullys
Foto: Daniel Geiger

 

MountainBIKE Bergamont Contrail 9.0
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Canyon Nerve AL 9.9
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Carver Transalpine CPS 29
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MountainBIKE Centurion Numinis Carbon 2000 29
Foto: Benjamin Hahn
Sie vereinen die perfekten Zutaten für eine genussreiche Tour: 29"-Fullys mit 110 bis 120 mm Hub verbinden Komfort mit Effizienz. Aber wie viel Würze bringen die aktuellen Modelle für rund 3000 Euro in den Alltag?
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Dass für ein gutes, bezahlbares Essen die richtigen, bedacht gewählten Zutaten nötig sind, weiß jeder Koch. Dasselbe gilt für ein Touren-Mountainbike im Kaufklassensegment.

Es müssen nicht die edelsten Komponenten am MTB-Rahmen baumeln, nicht alles muss superleicht sein. Stattdessen stehen auf der Einkaufsliste: stimmig zusammengestellte, sorglose, robuste Anbauteile, ein nicht zu schwerer, aber steifer Mountainbike-Rahmen aus Alu oder Carbon. Übergeordnetes Ziel sind ausgewogene Fahreigenschaften.

Dafür stehen zwei Zahlen: 29" und 120 mm. 29er-Laufräder haben sich bei MTB-Tourenfullys mittlerweile durchgesetzt. Sie machen das Handling zwar träger als bei 26"/27,5"-Mountainbikes und treiben das Gewicht um rund 300 Gramm in die Höhe, sie bieten dafür aber um Längen mehr Fahrkomfort, eine angenehmere Sitzposition und sie rollen – einmal beschleunigt – schneller (MountainBIKE Laufradgrößen-Finder: in wenigen Schritten zur passenden Größe).

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Fotostrecke: 11 Tourenfullys um 3.000 Euro im Test

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MountainBIKE Bergamont Contrail 9.0 Foto: Benjamin Hahn
MountainBIKE Canyon Nerve AL 9.9 Foto: Benjamin Hahn
MountainBIKE Carver Transalpine CPS 29 Foto: Benjamin Hahn

120 mm Federweg vorne/hinten sind ebenfalls etabliert. Im Verbund mit der höheren Fahrsicherheit der 29er-Laufräder, die dank des flacheren Aufprallwinkels besser über Hindernisse rollen als kleinere Räder, bietet ein 120-mm-Fahrwerk in einem 29-Zöller genug Reserven selbst für anspruchsvollere Alpen-Trails.

Gleichzeitig sind diese 120 mm aber auch nicht „zu viel“. Das heißt: Hinterradfederungen dieser Klasse sind oft so effizienzfördernd wie die eines Racefullys, sie bieten Traktion und Komfort, wippen möglichst wenig. An der Front wiederum sorgen 120 mm für eine zwischen Up- und Downhill austarierte Geometrie – schwere, defektanfällige Absenkfunktionen à la Talas sind unnötig!

Tourenfully-Test: Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Test-MTBs

Elf 29"-Tourenfullys der gehobenen Kaufklasse vergleicht MountainBIKE in diesem Test, darunter zehn Bikes aus dem Fachhandel von 2599 bis 3699 Euro und ein Versender-Mountainbike von Canyon, das die Preisspanne mit 2499 Euro nach unten abschließt.

Ein großes Lob vorab: Die elf Kandidaten präsentieren überwiegend – dem Preis angemessen – hochwertige MTB-Parts. Fast überall schalten und rotieren bewährte Antriebskomponenten von Shimano, zumeist als komplette XT-Ausstattung. Nur hier und da regiert der Rotstift, indem funktionell keineswegs schlechtere SLX- und Deore-Parts verbaut sind.

Auch in Sachen Bremsen hat Shimano im Tourenfullysegment inzwischen fast das Monopol inne. So verzögern an neun der elf getesteten Mountainbikes XT-Bremsen (fast alle mit 180/180er-Discs), Centurion setzt beim Centurion Numinis Carbon 2000.29 auf SLX-Stopper, und am Specialized Camber FSR Comp Carbon sorgen deutlich günstigere, aber nicht standesgemäße Deore-Bremsen für Sicherheit.

Deutlich größer sind die Unterschiede in Sachen Laufräder. Wünschenswert sind gleichzeitig leichte wie stabile MTB-Laufräder à la DT Swiss Spline (Canyon Nerve AL 9.9, Carver Transalpine CPS 29, Cube Stereo 120 Super HPC Race 29, Rotwild R.C1 FS 29 Pro). Speziell das Ghost AMR LT 8 LC trägt indes schwer an seinen Rundlingen.

Bei der Bereifung setzen die meisten Hersteller auf bewährte Profile wie auf Schwalbes Tourenklassiker Nobby Nic oder Contis X-King, verwenden aber größtenteils leichte, dünne und damit pannenanfällige Karkassen, was bei Schwalbe das Kürzel LS (Liteskin), bei Conti die Abkürzung RS (Racesport) verrät. Mit entsprechenden Folgen: Beim MountainBIKE-Praxistest in Südfrankreich und im Vinschgau gab‘s Platten en gros. Nervig! Ebenso ärgerlich: wenn keine Vario-Stütze zum Lieferumfang zählt.

Beim Centurion Numinis Carbon 2000.29 und dem Specialized Camber FSR Comp Carbon mangelt es sogar an einem Schnellspanner an der Sattelstütze. Hier wird ganz klar an der falschen Stelle gespart, weil jeder echte Mountainbiker nachrüsten wird. Und dass er ein echter Mountainbiker ist, das zeigt schon die Bereitschaft, 3000 Euro hinzublättern.

Strenge Tests im Labor, harte MTB-Trails in der Praxis

Bevor es mit den Mountainbikes ins Gelände ging, wurden die elf Tourenfullys auseinandergebaut und gewogen. Im Schnitt wiegen die 29"-Bikes 12,5 Kilo und unterbieten damit den Schnitt der vergangenen Jahre – klasse!

Erwartungsgemäß haben die Carbon-Rahmen in Sachen Gewicht die Nase vorn. Die vier Kohlefaser-Rahmen im Test wiegen rund 2500 g, das Centurion Numinis Carbon 2000.29 und das Cube Stereo 120 Super HPC Race 29 unterbieten diese Marke mit gut 2200 g noch einmal deutlich und liegen auch im Gesamtgewichts-Ranking mit rund 11,6 Kilo weit vorne – beim Cube Stereo 120 Super HPC Race 29 sogar inklusive Dreifach-Kurbel und Vario-Stütze!

Die „guten“ Alu-Rahmen im Test legen maximal 3000 g in die Waagschale, die Alu-Konstrukte des Carver Transalpine CPS 29 und des Drössiger XMA 29 2 sind mit 3500 g klar zu schwer – das Übergewicht kann auch die feine Ausstattung der beiden MTB-Modelle nicht mehr ausbügeln.

Nach dem Wiegen vermaß MountainBIKE-Werkstattleiter Haider Knall alle Bikes und checkte die Lenkkopfsteifigkeit auf den Prüfständen. Gut: Alle getesteten MTB-Modelle erreichen die von MountainBIKE als unkritisch betrachtete 60 Nm/°-Grenze. Das Cube Stereo 120 Super HPC Race 29 und das Specialized Camber FSR Comp Carbon eher knapp, und das Canyon Nerve AL 9.9 kommt einem Spitzenwert von 100 Nm/° nahe.

Gespannt waren die MountainBIKE-Tester, was die Bikes beim Praxistest auf den vielseitigen Trails in Apt und in Latsch zu bieten hatten: Von Schotterpiste bis zum steilem Stich berghoch, vom Flowtrail bis zum verblockten MTB-Trail bergab hatten die Mountainbikes all jenen Anforderungen zu genügen, die zum Alltag eines Tourenfullys zählen. Dabei erwiesen sich die meisten Mountainbikes dank ihrer ausgereiften 29"-Geometrien als wahre Alleskönner.

So erfreuen etwa das Canyon Nerve AL 9.9, das Cube Stereo 120 Super HPC Race 29, Rotwild`s R.C1 FS 29 Pro und das Trek Fuel EX 9 29 im Uphill durch effiziente, traktionsstarke und wipparme Hinterbauten – sind bergab aber kaum einen Deut schlechter. Neue Würze in den Touren-Alltag bringen Räder wie das herrlich verspielte Specialized Camber FSR Comp Carbon. Wer ganz gezielt Wert auf Sicherheit in der Abfahrt legt, kommt indes am Ghost AMR LT 8 LC, dem Stevens Jura ES und dem Drössiger XMA 29 2 nicht vorbei – mit Einbußen im Uphill.

Tourenfahrer verlangen nach Komfort, schließlich verbringen sie viele Stunden am Stück im MTB-Sattel. Schön, dass fast alle Mountainbikes diesen Hunger stillen. Nur die eher rennorientierten MTB-Modelle (Centurion Numinis Carbon 2000.29 und Carver Transalpine CPS 29) zwingen dem Fahrer eine eher straffe Federung mit gestreckter Race-Position auf. Andererseits macht das Centurion Numinis Carbon 2000.29 Appetit auf Marathonstarts.

Fazit: Cube Stereo 120 Super HPC Race 29 als Testsieger in einem starken Testfeld

Erfreulicherweise belegt der Test, dass die aktuellen Tourenfullys um 3000 Euro alles mitbringen, was für eine genussreiche MTB-Tour nötig ist. Sie sind im Schnitt gegenüber den Vorjahresmodellen leichter geworden und verdienen sich nicht nur deswegen reihenweise „sehr gute“ Noten in diesem Test. Das vielseitige Cube Stereo 120 Super HPC Race 29 überzeugt ganz besonders und lässt nahezu keine Wünsche offen – knapp gefolgt vom Preis-Leistungs-Tipp namens Canyon Nerve AL 9.9.

Auch der Rest des Feldes muss sich nicht verstecken, glänzt mit hoher Sportivität (Centurion Numinis Carbon 2000.29, Carver Transalpine CPS 29, Rotwild R.C1 FS 29 Pro), verspieltem Handling (Trek Fuel EX 9 29, Specialized Camber FSR Comp Carbon, Bergamont Contrail 9.0) oder einer Extraportion Fahrsicherheit (Ghost AMR LT 8 LC, Stevens Jura ES, Drössiger XMA 29 2). MountainBIKE wünscht guten Appetit!


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08.04.2015
Autor: Max Hilger
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 4/2015