Mountainbikes im Test: 10 Hardtails ab 1.200 Euro (Modelljahr 2016)

MTB-Test: 10 Hardtails ab 1200 Euro


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Hardtail-Test
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Bulls Copperhead 3 RS
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MountainBIKE Centurion Backfire Pro 800.27
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MountainBIKE Cube LTD SL 27,5"
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MountainBIKE Drössiger HTA650B 3
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Es muss nicht das 5000-Euro-Fully sein. Auch relativ preiswerte, wartungsarme und moderne Hardtails mit angesagten 27,5"-Laufrädern machen richtig MTB-Freude: flott bergauf, verspielt auf dem Trail und durchaus potent bergab.
Zu den getesteten Produkten

„Scott Comp Racing.“ „Marin Bobcat.“ „Scott Windriver.“ „Giant Stonebreaker.“ „Ein Alu-MTB aus dem Baumarkt.“ „Irgendein Wheeler.“

Die Kurzumfrage in unserer Test- und Chefredaktion zeigt, alle haben wir unsere Bike-Passion auf einem Hardtail, einem Rad mit ungefedertem Heck, entdeckt. Und auch wenn wir heute meist auf vollgefederten Fully-Sänften (auch der Redakteur altert ...) über die Trails schweben, ist unsere Hingabe zum Hardtail ungebrochen. Sei es der eleganten Optik wegen, sei es aus Nostalgie.

Das Hardtail bricht das immer komplizierter werdende Mountainbike perfekt herunter: Es ist robust und ehrlich, ist cool und „erdig“ zugleich. Aber es spricht nicht nur Emotionales und Verklärtes fürs starre Hinterteil. Sondern profane (wirtschaftliche) Vernunft.

Ein Hardtail ist, verglichen mit einem gleich ausgestatteten Fully, ungleich preiswerter und dennoch leichter. Es ist wartungsärmer, damit weniger zeitfressend und günstiger im Unterhalt. Und – jetzt wieder das Gefühl – es ist steifer und viel direkter im Handling als ein Fully. Es fährt sich sportlich-knackig und macht dank maximaler Agilität dennoch Spaß. Es lässt einen den Untergrund spüren, es lehrt einen, den Trail zu lesen – spannend!

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Hardtails sind sorglos, preiswert und schick

Hardtails sind also erste Wahl für Einsteiger. Aber auch passionierte Tourenbiker bis hin zum Alpencrosser schwören auf deren Sorglosigkeit. Und unzählige Hobby-Marathonisti auf das attraktive Gewichts-Preis-Verhältnis. Und die Stars im olympischen Cross-Country-Rennen auf den ungebremsten Vortrieb. Gut, die Letztgenannten sitzen auf hochgezüchteten 10 000-Euro-Rennfeilen.

Wir aber wollten wissen, ab welchem Preis ein Hardtail auch wirklich Sport, Spaß und Spannung garantiert. Und nicht zur bösen Überraschung wird.

Früher haben wir dazu meist 999-Euro-Hardtails getestet – eine Preisklasse, in der heute nur MTBs aus dem Online-Direktversand wirklich geländetauglich sind. Daher haben wir für diesen Test den Rahmen von 1199 bis 1499 Euro gesteckt. Dennoch: Von 16 eingeladenen Herstellern sagten nur zehn zu. Der Rest sah sein Bike als nicht konkurrenzfähig genug an.

Ein solider Rahmen bildet die Grundlage

Was aber macht die Geländetauglichkeit aus? Zunächst muss die Basis stimmen. Da ist die Auswahl nicht groß: Klassisch geschnittene Rahmen in sogenannter Diamantform aus Alu sind gesetzt, Carbon-Frames kosten mehr.

Schick sehen sie auf den ersten Blick alle aus, die Qualitätsunterschiede enttarnen unsere Labormessungen. So wiegen nur die Rahmen von Bulls (Bulls Copperhead 3 RS), Focus (Focus Black Forest Lite 27) und Ghost (Ghost Kato X 6) unter/um 1800 Gramm – mehr sollte es jedoch auch in dieser Klasse nicht sein. Das Kreidler Dice SL 27,5" 2,0 erstaunt mit barocken 2163 g, besitzt im Gegenzug einen exorbitant hohen Steifigkeitswert. Aber: Auch das „weichste“ Bike im Test (Drössiger HTA650B 3) ist immer noch hochsteif.

Die meisten Rahmen schwächeln dafür beim Komfortwert, der aussagt, wie gut das Starrheck feine Stöße absorbiert und damit die Haltemuskulatur des Fahrers entlastet. Wirklich überzeugt haben uns dabei in Labor und Praxis lediglich das Focus Black Forest Lite 27 sowie das Rose Count Solo 1 27,5". Und: Nur das Ghost Kato X 6 bietet alle aktuell wichtigen Anbaustandards (Postmount-Bremsaufnahme, Umwerfer-Direktaufnahme, Pressfit-Innenlager), eine praktische Steckachse im Heck findet sich nur beim Focus Black Forest Lite 27 und dem Rose Count Solo 1 27,5". Die Zuführung? Bei einigen Bikes (Kreidler Dice SL 27,5" 2,0, KTM Ultra Race 27, Rizer Rival 2.0) optisch und/oder technisch nicht zeitgemäß.

Kurzum: Eine unterm Strich sehr gute Rahmenbasis bieten nur die folgenden Bikes: Bulls Copperhead 3 RS, Focus Black Forest Lite 27, Ghost Kato X 6 und das Rose Count Solo 1 27,5".

Ausstattung und Fahrleistung der Hardtails im Test

Auch in Sachen Parts sind die Unterschiede enorm, speziell bei Antrieb, Schaltung und Bremsen. Worauf ist zu achten?

Beispiel Shimano, größter Hersteller dieser Parts: Seine billigsten MTB-„Gruppen“ heißen Acera und Alivio, tauchen versteckt in diesem Test an fünf Bikes als Bremse (Kennung: M395) auf und sind kaum zu empfehlen. Im Gegensatz zur starken Einsteigergruppe Deore und der nur marginal besseren Mittelklassengruppe SLX – volle Geländetauglichkeit in Sachen Funktion, Gewicht und Haltbarkeit! Noch „geiler“ ist die Oberklassengruppe XT, vor allem in ihrer aktuellen 2016er Auflage, wie sie fast komplett am Bulls Copperhead 3 RS, dem Centurion Backfire Pro 800.27, dem Cube LTD SL 27,5" als auch am Rose Count Solo 1 27,5" verbaut ist.

Stichwort komplett: Alle anderen Hersteller mixen Deore, SLX und (alte) XT-Parts. Nicht immer sinnvoll: So blendet stets ein prestigeträchtiges XT-Schaltwerk über billige Naben und Bremsen hinweg – besser wäre eine komplette Deore-Gruppe.

Auf unserer anspruchsvollen Testrunde garantierten vor allem das leichte Bulls Copperhead 3 RS, das bergabfreudige Cube LTD SL 27,5", das komfortable Focus Black Forest Lite 27 und das ausgewogene Rose Count Solo 1 27,5" den geforderten Sport-Spaß-Spannung-Mix, doch auch alle anderen Kandidaten gefielen mit zumindest „guten“ Fahrleistungen.

Wirklich schlecht sitzt man auf keinem Bike dieser Preisklasse. Umso mehr lohnt es sich, genau die Rahmenwerte und Anbauteile zu vergleichen.

Gewichte der Test-Bikes

Die mit Präzisionswaagen ermittelten Einzelgewichte zeigen, wo die Pfunde stecken. Unter 12 Kilo wiegen nur diese Bikes: Bulls Copperhead 3 RS, Ghost Kato X 6, KTM Ultra Race 27 und das Rose Count Solo 1 27,5". Beim Gesamtgewicht nimmt das Focus Black Forest Lite 27, beim Rahmengewicht das Kreidler Dice SL 27,5" 2,0 den letzten Platz ein. Die schwersten Räder rotieren am Rizer Rival 2.0.

 

MountainBIKE 0616 Hardtails Gewichte
Foto: MountainBIKE

Lenkkopfsteifigkeiten der Test-Bikes

Eine hohe Lenkkopfsteifigkeit sorgt für ein präzises und direktes Handling – das Bike tanzt quasi nicht aus der Reihe. Werte über 60 Nm/° definiert MountainBIKE auch für schwere Fahrer als ausreichend. Beeindruckend: Alle Aluminium-Rahmen im Test erreichen äußerst gute, teils sogar exorbitant hohe Werte.

 

MountainBIKE 0616 Hardtails Lenkkopfsteifigkeiten
Foto: MountainBIKE

Punktevergabe und Benotung der getesteten Bikes

Jedem MountainBIKE-Radtest liegt eine komplexe Punkteberechnung zugrunde. Um maximale Transparenz und Informationen zu bieten, gibt es die Punktetabelle seit dieser Saison zum Nachlesen. Zusätzlich haben wir die Bewertungskategorien zur 2016er Saison reformiert, die Punktevergabe verschärft – um der aktuellen MTB-Generation gerecht zu werden und diese differenzierter zu beurteilen.

Das bedeutet auch: Es gibt jetzt weniger „überragende“ Bikes, und ein „ gutes“ Bike ist wirklich „gut“. Es bedeutet aber auch: Ein „sehr gutes“ Bike mit beispielsweise 220 Punkten ist spürbar besser als ein ebenfalls „sehr gutes“ Rad mit 200 Punkten.

In Summe maximal 250 Punkte vergeben wir, aufgeteilt in zwölf Bereiche. Ganz wichtig: Die jeweilige Gewichtung, wenn etwa für Downhill 20 oder aber 30 Punkte verteilt werden, ändern wir von Test zu Test. Nur so lassen sich Bikes innerhalb der komplett unterschiedlichen Kategorien bewerten und vergleichen. So ist bei einem Marathon-Bike das Gewicht ungleich wichtiger als bei einem Enduro-Fully. Letzteres muss dafür etwa im Downhill stärker glänzen.

Die Bepunktung der Hardtails in diesem Test ist relativ ausgeglichen, da Allround-Hardtails eben als Alleskönner glänzen sollen. Rund die Hälfte der Punkte (Gewicht Bike, Gewicht Rahmen, Rahmensteifigkeit, Ausstattung, Verarbeitung/Sonstiges) resultiert aus Laborergebnissen oder aus der Analyse unserer Techniker. Die anderen Punkte berechnen sich aus den (hier nicht abgebildeten) Einzelnoten der vier erfahrenen Testfahrer aus dem Praxistest.

Logo, das punktbeste Bike erhält den Testsieg. Zudem vergeben wir einen Tipp für Bikes mit besonders gutem Preis-Leistungs-Verhältnis.

 

MountainBIKE 0616 Hardtails Punktevergabe und Benotung
Foto: MountainBIKE Punktevergabe und Bewertung der Bikes (für Großansicht auf die Grafik klicken)

Der Biketest im Detail

Das Spinnennetz unten zeigt, wo die Stärken und Schwächen des Bikes in Relation zum Testumfeld liegen. Je größer der Ausschlag in eine der acht Richtungen, desto prägender der Charakterzug. Ein Allrounder weist rundum eine große Fläche, ein Spezialist eine verschobene Grafik auf. Die jeweiligen Eigenschaften wie Up- oder Downhill sind meist gegensätzlich angeordnet. So siehst du auf einen Blick, welches Profil das Bike aufweist.

Die Grafik unten zeigt ein eher abfahrtslastiges Bike mit potentem Fahrwerk – keinen wuseligen Sprinter.

 

MountainBIKE 0616 Hardtails Profiler
Foto: MountainBIKE

Und das versteckt sich hinter den Begriffen:

Uphill/Vortrieb: Passt die Traktion? Steigt die Front? Ist die Sitzposition im steilen Anstieg optimal? Ein niedriges Gewicht steigert den Ausschlag im Profil ebenso wie die Rollfreudigkeit von Laufrädern/Reifen.

Downhill: Ein sicheres Handling ist das A und O, damit ein Bike bergab performt. Dazu fließen die Federung sowie einige Parts wie das Cockpit, die Reifen oder die Bremsen in das Downhill-Profil ein.

Ausstattung: ... umfasst sämtliche Parts wie Schaltung, Antrieb, Federelemente, Laufräder, Reifen oder Anbauteile à la Sattel, Griffe, Cockpit. Aber wir bewerten auch gelungene und innovative Detaillösungen.

Rahmen/Fahrwerk: Ein top gemachter Rahmen mit geringem Gewicht, hohen Steifigkeiten und spürbarem Fahrkomfort bildet die Basis für das perfekte Bike.

Laufruhe: Hohe Spurtreue bringt Sicherheit bergab, kann unter Umständen aber ins Träge kippen, speziell wenn der Profiler einen geringen Ausschlag zeigt in Sachen Wendigkeit.

Wendigkeit: Je wendiger ein Bike, desto agiler, spielerischer lässt es sich bewegen. Ein Ausschlag nur in diese Richtung (ohne hohen Ausschlag bei Laufruhe) lässt jedoch auf Nervosität schließen.

Stabilität: Liegt der Fokus bei Rahmen und Parts weniger auf Leichtbau, sondern auf Solidität, steigt der Ausschlag der Grafik. Der Gegenpart ist Leichtbau.

Geringes Gewicht: Niedriges Rahmen-, Parts- und Gesamtgewicht lassen auf ein spritziges, leichtfüßiges, in der Ebene wie im Uphill ausgezeichnetes Bike schließen.

Das Testprozedere

Auswahl: Vor jedem Test suchen wir in langen Diskussionen die Testbikes aus. Kriterien sind unter anderem der Preis oder der Einsatzbereich – Ziel ist ein homogenes, faires Testfeld. Die Bikes werden bei den Herstellern angefordert, müssen zwei Monate bei uns bleiben, ehe sie retourniert werden.

Für diesen Test haben wir 16 Hersteller angefragt, gleich sechs sagten ab! Ohne nähere Angaben von Gründen wollten Bergamont, Fuji, Giant, Lapierre, Müsing und Radon nicht am Test teilnehmen oder sahen das von uns angefragte Bike in dieser „scharfen“ Preisklasse als nicht konkurrenzfähig genug an.

Praxistest: Jeder Biketest wird von einem Testleiter sowie drei erfahrenen Testern/Redakteuren durchgeführt. Auf einem zur Kategorie passenden, selektiven Rundkurs wird jedes Rad von jedem Tester mindestens einmal gefahren. Danach notieren die Fahrer ihre Noten und Eindrücke in acht Bereichen – etwa in Sachen Vortriebseffizienz, Downhill oder Handling. Nach Ende des Praxistests werden alle Bikes gemeinsam besprochen und die Noten auf ungewöhnliche Abweichungen hin überprüft.

Diesen Hardtail-Test führten wir auf einer abwechslungsreichen und sehr aussagekräftigen Strecke in der Nähe von Stuttgart durch.

Labortest: Alle Bikes werden gewogen und dann in ihre Einzelteile zerlegt. Die Rahmen werden (wie Gabeln und Laufradsätze) einzeln gewogen, danach vermessen. Alle Gewichte sowie die Daten in den Geometrie-Skizzen sind keine Herstellerangaben, sondern von uns ermittelt. Die Ausstattung wird notiert und mit den Herstellerangaben verglichen. Anschließend vermisst unser Laborchef Haider Knall auf Prüfständen des renommierten EFBE-Instituts die Steifigkeiten sowie den Rahmenkomfortwert der Hardtails. Diese Werte fließen wie die Gewichte und die Ausstattung in die Bewertung ein.

 

MountainBIKE 0616 Hardtails Labortest
Foto: Drake Images MountainBIKE-Laborchef Haider Knall auf einem Prüftstand des EFBE-Instituts.

23.06.2016
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 06/2016