Mountainbikes im Test: 10 All-Mountains mit 27,5“-Laufrädern

10 All-Mountains von 4.000 bis 4.500 Euro im Test


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Test All-Mountain-Bikes
Foto: Manfred Stromberg

 

MountainBIKE Alutech Teibun 1.0 V.3
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Alutech Teibun 1.0 V.3
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MountainBIKE Corratec The Opiate FX
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Corratec The Opiate FX
Foto: Benjamin Hahn
Vielseitiges All-Mountain-Fully oder bereits brachiales Enduro? Die neuen 150/160-mm-Fullys mit 27,5"-Laufrädern entfachen die Diskussion um die Grenzen der Kategorie All-Mountain erneut. Eins aber bleibt: Fahrspaß ist garantiert!
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Zehn zumeist brandneue All-Mountain-Fullys – alles Vertreter der Oberklasse von 4000 bis 4500 Euro – lud die Redaktion zum großen Labor- und Praxistest. Letzterer fand auf den fantastischen, teils ungemein anspuchsvollen Trails rund um Latsch im Vinschgau (Südtirol) statt.

Was sich hinter dem Begriff All-Mountain verbirgt respektive verbarg? Vollgefederte Bikes mit zumeist 150 mm Federweg an Front und Bürzel, eingebettet in solide Rahmen mit 26"-Laufrädern und versehen mit einer ausbalancierten Geometrie: Bergab- und Bergaufeignung halten sich mit je 50 Prozent die Waage.

Eben klassische Allrounder im besten Sinne, die auf dem Haus-Trail Spaß machen, die für den anspruchsvollen Alpencross perfekt sind und die – mit leichten Parts – auch ein Marathonrennen ohne Murren über sich ergehen lassen.

Sind All-Mountain-Fullys im Wandel?

Was sich daran nun ändert? Auf den ersten Blick nicht viel, die Federwege sind zwar bei einigen superleichten Carbon-All-Mountains wie dem Cube Stereo und dem Simplon Kuro auf 160 mm angewachsen, liegen meist aber weiterhin bei 150 mm. Jedoch: quasi über Nacht ist das Urmaß der Szene, ist der 26"-Laufradstandard vom Aussterben bedroht. 27,5", auch 650B genannt, sei nun nach Wunsch der Hersteller das Maß der Dinge im 150-mm-Segment.

Warum? In der Theorie rollen die geringfügig größeren Räder (Felgenaußenumfang: 584 mm zu 559 mm) durch den flacheren Aufprallwinkel leichter über Hindernisse und sanfter ab als 26er-Wheels – bei geringem Mehrgewicht und minimalem Steifigkeitsverlust. Zudem liegt das Tretlager in Relation zur Radachse rund 10–15 Millimeter tiefer als bei 26". Dies „bettet“ den Biker besser ins Rad, was Laufruhe und Agilität gleichermaßen steigert.

Doch die Geometrien sind im generellen Wandel. Lagen die Lenkwinkel noch vor zwei Jahren bei moderaten 68°, so sind sie bei neun der zehn Testbikes (Ausnahme Scott) inzwischen bei 67° und flacher angekommen. Das Alutech überrascht gar mit 65° – flunderflach wie ein Downhiller! Profis lieben das, denn es sorgt bei Highspeed für enorme Fahrstabilität.

Und auch den vier MountainBIKE-Testern, allesamt mit einschlägiger Rennerfahrung vom Cross Country bis zur deutschen Downhill-Meisterschaft, blieb auf den Vinschgau-Trails fast die Spucke weg: „Wahnsinn, wie viel Spaß es mit diesen Dampfhämmern bergab macht“, so das meist einhellige Urteil. Bikern mit weniger aktiver Fahrtechnik schenkt es ebenfalls Fahrsicherheit – sie dürften aber Wendigkeit vermissen, zudem werden die „Flachmänner“ bei zu geringem Tempo kipplig.

Kurz zusammengefasst: Durch dezent mehr Federweg, die etwas größeren Räder und die deutlich flacheren Frontpartien bieten die All-Mountains 2014 viel(!) mehr Bergabpotenz als bisher, lassen im Talschuss die bislang klaren Grenzen zu den Enduros (ab 160 mm Federweg) verschwimmen!

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In puncto Radstand und Kettenstrebenlänge haben noch nicht alle Bike-Entwickler das neue Laufradmaß im Griff: Kurze Streben um 430 mm wie bei Rocky, Rotwild und Simplon belassen den Radstand fast auf 26"-Niveau und impfen diesen drei Alleskönnern dann doch das bekannt wuselig-flinke Handling eines 26"-All-Mountains ein. Nötig dafür sind konstruktive Kniffe, wie etwa weit vor dem Tretlager ansetzende Sitzrohre und „unorthodoxe“ Umwerferpositionen.

Mit rund 350 mm langem Heck deutlich behäbiger, ziehen Corratec und Stevens über den Trail. Das legt den Verdacht nahe, dass bestehende Konzepte kurzerhand auf 27,5" aufgeblasen wurden. Speziell das Corratec wirkt im Vergleich zu Rotwild & Co. wie ein Ozeandampfer: sperrig und träge.

Bergab zeigen die 27,5er-All-Mountains also ihren Vorgängern keck das Hinterrad. Und bei der für den All-Mountaineer genauso wichtigen Uphill-Plackerei? In Sachen Geometrie gibt’s wenig zu meckern. Mit Ausnahme von Alutech und Santa Cruz weisen alle Testbikes modern steile Sitzwinkel um 74–74,5° auf. In der Praxis bedeutet dies, dass der Fahrer zentral auf dem Bike sitzt, ergonomisch sinnvoll „von oben“ ins Pedal tritt und im Steilen viel Druck auf die Front ausübt.

Das macht mit der leicht besseren Traktion der 27,5"-Laufräder sogar die früher verpflichtende Vario-Federgabel überflüssig. Cube und Simplon bieten noch eine solche Absenkfunktion – die Tester ließen sie unbenutzt, selbst in Trail-Anstiegen mit über 20 Prozent Steigung. Dennoch: Wirklich „sehr gut“ und besser kraxeln nur Cube, Rotwild, Scott und Simplon empor.

Stereo und Kuro profitieren von ihren Carbon-Rahmen, R.X1 und Genius vom „tourigen“ Aufbau etwa mit schmalen Reifen. Beim Rest der Kandidatenschar hemmen eine abfahrtslastige Geometrie (Alutech, Santa Cruz), eine zu dicke Übersetzung (Corratec), schwere Laufräder/Reifen (GT), eine nicht wippfreie Hinterradfederung (Rocky) oder schlicht hohes Gewicht (Santa Cruz, Stevens) den Elan teils deutlich.

Gewichtige Unterschiede auf der MountainBIKE-Waage

Apropos: Die Unterschiede auf der geeichten MountainBIKE-Waage sind heftig! 12,7 Kilo (Cube, Scott) wiegen die leichtesten Testräder, während das Santa Cruz mit 14,4 Kilo „zuschlägt“ – Welten in einer Allround-Kategorie angesichts der zünftigen Preise. Auch beim Rahmengewicht liegen die Kontrahenten weit auseinander.

Die mit rund 2500 g traumhaft leichten, dafür nicht ganz so steifen Carbon-Frames von Cube und Simplon (Tabellen: Gewichte und Steifigkeiten aller 10 getesteten All-Mountains) überragen die Konkurrenz, die mit über 3700 g pfundigen Alu-Rahmen von Corratec und Stevens wirken wenig zeitgemäß. Immerhin: Wer einen erzstabilen und „bocksteifen“ Untersatz sucht, wird hier fündig.

Neben Geometrie, Rahmengewicht und -steifigkeit entscheidet das Fahrwerk über die Güte der Rahmenbasis. Sechs Testräder federn mit einer Viergelenker-Kinematik mit virtuellem Drehpunkt und sogenanntem „Horst-Link“ bzw. einer Spielart (Rocky) davon. Corratec und Santa Cruz verbauen „VPP“-Varianten, ebenfalls mit virtuellem Drehpunkt.

GT setzt auf eine komplexe Eigenkonstruktion, Scott auf einen abgestützten Eingelenker, wie immer vom Lenker aus in drei Modi – offen, gestraffter Federweg, blockiert – wählbar. Auch die anderen Bikes bieten am Federbein eine Art Wippunterdrückung für effizientes Pedalieren, teils ebenfalls per Lenker-Remote aktivierbar wie bei Rocky und Stevens. Die beiden haben’s auch bitter nötig, im offenen Zustand schaukeln deren Heckpartien sonst wie die Bounty auf hoher See ...

Bergab werkeln fast alle Federungen auf hohem Niveau, nur das Corratec-Heck empfanden die Tester als leblos, die GT-Federung als arg straff. Auch das Alutech agiert kaum komfortabel, die progressive Kennlinie passt aber zum Charakter des Teibun.

Dramatischer als die Unterschiede am Hinterteil sind die an der Front. Fox 32 und Rock Shox Revelation, die ehemals dominierenden All-Mountain/Tour-Gabeln mit 32-mm-Standrohren, haben hauseigene Konkurrenz bekommen.

Fox 34 und Rock Shox Pike bieten mit wuchtigeren Standrohren höhere Steifigkeit, sprechen feiner an, schlucken freudiger und stehen stabiler im Hub. Wie die Bikes wildern die beiden Forken im Enduro-Segment, sind formidable Frontarbeiter für diese Grenzgänger-Bikes. Und dabei wiegt die Pike kaum mehr als ihre dünne Schwester!

Sind die neuen 27,5"-All-Mountain-Bikes nun besser als ihre 26"-Vorgänger? Ja und nein. Bergab setzen sie für Trailbikes mit 150-mm-Fahrwerk de facto neue Maßstäbe! Sie kratzen dabei nicht nur am Enduro-Thron, Alutech, Stevens & Co. sind (Mini-)Enduros, teils sogar Profi-Geräte für die boomenden Enduro-Rennen (Alutech, Cube).

Bergauf und im weniger anspruchsvollen Gelände schaffen es aber nur die sehr leichten oder die extradrehfreudigen Vertreter – wie Rocky, Rotwild und Simplon –, auch All-Mountain-Einsteiger mit der für diese Kategorie eigentlich typischen Agilität und Spielfreude zu beglücken.


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Die Mountainbikes im Test:

10.01.2014
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 01/2014