Im Test: Scott Genius LT vs. Liteville 601

Duell der Super-Allmountains 2011

Mit 180-mm-Fahrwerk demonstrieren sie ihre Downhill-Kompetenz, aber mit dem Gewicht eines All-Mountains. Scott oder Liteville – wer stellt den neuen Trail-König?
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Der Gardasee. Ein Mountainbike-Traumrevier, für das sich Biker bisher zwei Bikes wünschten. Eines, das sich über die langen, alpinen Schotterauffahrten hermacht, eines, das die harten, oft steinig-selektiven Downhills frisst. Aber beides vereint in einem Tourer mit Freeride-Federwegen von 180 mm?

Das klang so wahrscheinlich wie unrasierte Beine in einem Weltcup-CC-Rennen. Doch nun kommen mit dem neuen Liteville 601 und dem Scott Genius LT 10 Bikes, die genau diese beiden Wünsche erfüllen – hier der leichtfüßige Tourer im Anstieg, dort der Bolide, der mit seinen gewaltigen Fahrreserven auf harten Abfahrten und bösen Trails jede Situa­tion souverän im Griff hat.

Tests am Gardasee und im MB-Labor

Hört sich verdammt verlockend an, fast zu schön, um wahr zu sein. Doch wer profitiert von Touren-Enduros solcher Couleur? Und: Kann ein Tourenbike funktionieren, das 180 mm Federweg an Vorder- und Hinterrad bietet? Ist so was pedalierbar? Wer braucht so was überhaupt? Fragen genug für MB, um damit die Tragfähigkeit dieses Universalkonzepts von Liteville und Scott in einem tiefgreifenden Test zu überprüfen.

Klar, dass dieser Test am Gardasee stattfinden musste! Erwartungsvoll ging‘s an den Lago, um die Fahrqualitäten in einfachen wie diffizilem Gelände abzufragen. Das Gebiet um den Monte Baldo im Norden des Sees stellte das anspruchsvolle Testgelände. Im Anschluss mussten die beiden Bikes im MB-Prüflabor zeigen, was in ihnen steckt. Nach EFBe-Standard ermittelten die MB-Techniker die Rahmensteifigkeiten, erfassten zudem die Gewichte von Rahmen, Gabel und Laufrädern. Auch die Federkennlinien von Hinterbau und Gabel wurden aufgezeichnet.

Selbes Ziel, unterschiedliche Ansätze

Liteville wie Scott teilen das ehrgeizige Ziel eines möglichst breitbandigen Touren­enduro-Konzepts. Die Wege dorthin sind indes sehr unterschiedlich. Litevilles 601 setzt traditionell auf den Werkstoff Aluminium. Der gekonnte Umgang mit dem Leichtmetall – unter anderem spart das konische 1,5“- auf 1 1/8“-Steuerrohr wichtige Gramm ein – ermöglicht das beachtenswerte Rahmengewicht von 3442 g bei nominell 190 mm Federweg.

Anders als Scott setzt Liteville auf einen klassisch-bewährten Viergelenk-Hinterbau mit „Horstlink“-Drehpunkt vor der Hinterradachse für eine möglichst antriebsneutrale Federkinematik. Clever und smart: Den eigenen Vorlieben und der Strecke entsprechend, kann über das Zahnprofil an der oberen Federbeinaufnahme der Lenkwinkel zwischen sehr flachen 63,7° und steileren 65,2° fixiert werden. Gleichzeitig lässt sich so das Tretlager absenken.

Carbon-Know-how am Scott Genius LT

Carbon ist Trumpf – das gilt für Scotts Genius LT, Nachfolger des populären Enduro Ransom. Der gewichtsoptimierte Carbon-Rahmen nutzt die gestalterischen Möglichkeiten von Kohlefaser-Konstruktionen – Stichwort tiefes Oberrohr für hohe Beweglichkeit. Die Rahmenkonstruktion (inkl. Twinloc-Hebel und Steckachse) ist mit 3120 g spektakulär leicht. Eine Leistung – manches All-Mountain-Chassis ist deutlich schwerer.

Carbon-Skeptiker könnte die Scott-Garantie überzeugen: Drei Jahre Garantie hat der Rahmen auch im Renneinsatz, fünf, geht der Besitzer einmal jährlich zum Händler-Service. Den muskulösen Carbon-Hauptrahmen wertet Scotts Technologie-Highlight auf: Das Twinloc-System kombiniert einen zweistufigen Lenker-Schalthebel mit dem einzigartigen Equalizer-3-Federbein.

Mit einem Klick am Hebel reduziert sich der Hinterradfederweg von 187 mm auf kletterfreundliche 110, ein weiterer Klick, und Hinterbau sowie Federgabel sind komplett blockiert. Auch Scott rundet sein Konzept mit einer cleveren Geometrieverstellung ab: Wer Downhill lieber hört als Uphill, kann eine Metallscheibe an der Feder­beinaufnahme umlegen und fährt fortan mit flacherem Lenkwinkel und zugleich niedrigerem Tretlager.


Die Bikes im Test:

16.11.2010
Autor: Florian Storch
© MountainBIKE
Ausgabe 11/2010