Fünf Alpen-Bikes mit 170 mm Federweg und mehr im Test

Im MountainBIKE-Test: Fünf langhubige Enduros


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Enduro-Test
Foto: Dennis Stratmann

 

Bergamont Big Air MGN
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Bergamont Big Air MGN - Coax Pivot System
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Bergamont Big Air MGN - Vivid-Air-Dämpfer
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Cannondale Claymore 1
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Braucht es in den Alpen wirklich 170 Millimeter Federweg und mehr? MountainBIKE ging der Frage nach und schickte fünf langhubige Enduro-MTBs zum Test.
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Die Testflotte besteht aus Bergamont Big Air MGN, Cannondale Claymore 1, Mon­draker Zenith XR, MTB Cycletech Opium 7 1.0 sowie dem Scott Genius LT 10. Das Mondraker bietet an Gabel und Hinterbau 170 Millimeter Federweg, die Fahrwerke der restlichen Enduros verwöhnen den Fahrer mit 180 bis 185 Millimeter Hub.

Diese Bike-Gattung fühlt sich im Mittelgebirge völlig unterfordert, sucht die harte Gangart, wie es etwa die Alpen bieten – lange materialfordernde Abfahrten genauso wie zähe, technische Anstiege. Und auch der Abstecher in den Bikepark zählt im Schluchtenland zur Pflicht, nicht zur Kür.

Die fünf Testfahrer und ihre zugelosten Bikes absolvieren deshalb sowohl eine anspruchsvolle Enduro-Tour als auch ein liftunterstütztes Trail-Abenteuer. Vorab muss­ten die Räder allerdings noch das übliche MB-Testprozedere mit Praxis- und Labor-Check über sich ergehen lassen. Sämtliche Daten und Informationen zu den Bikes finden Sie in den Testbriefen.

Unser Tourentag startet bei strahlendem Sonnenschein auf einer sanft ansteigenden Forststraße – keine Herausforderung für die Bikes, kein Problem für die Testfahrer. Der Gipfel – das heutige Ziel – befindet sich auf 1998 Meter Seehöhe, exakt 790 Meter über uns. Die Straße zeigt sich allerdings nicht lange familienfreundlich, Steigung sowie Puls der Testfahrer nehmen langsam, aber stetig zu.

MountainBIKE-Trainee Chris Pauls betätigt bei seinem Cannondale bereits die Gabelabsenkung, da er durch die hohe Front und den relativ flachen Sitzwinkel bereits etwas hecklastig am Bike sitzt. Am Claymore lässt sich zudem via Lenkerhebel der Hinterbau deutlich straffer stellen, ohne dabei etwa auf Schotter spürbar an Traktion zu verlieren. Eine sehr praktische Funktion, die Scott mit der ähnlich arbeitenden „Twin-Lock“-Technik bereits seit längerer Zeit bietet.

Kurz vor dem Grat hält der Weg noch eine Sonderprüfung für uns bereit, erinnert dabei mehr an die hochgeklappte Tower Bridge als an eine Alpenstraße. Alle Fahrer senken ihre Gabeln ab, mit Ausnahme von Mondraker-Pilot Thomas Schmitt. Das Zenith besitzt mit dem steilsten Sitzwinkel zwar die bes­te Uphill-Geometrie, die verbaute Fox-Float-Gabel bietet allerdings keine Travel-Funktion. Pech gehabt!

Wir kämpfen uns besser als erwartet bis zum Grat, wo schon die nächste Her­ausforderung auf uns wartet. Ein extrem ausgewaschener und verblockter Trail führt im ständigen Auf und Ab Richtung Gipfel und zapft unsere Kraftreserven an. Zum ers­ten Mal machen sich die schluckfreudigen Fahrwerke richtig bezahlt. Die letzten 50 Höhenmeter zum Gipfel lassen sich nur noch mit getragenem Bike bewältigen. Während sich MB-Tester und -Fotograf Dennis Stratmann das superleichte Scott problemlos auf die Schulter legt, verbrennt Fabian Scholz mit dem zwei Kilo schwereren Bergamont deutlich mehr Kalorien.

Der sensationelle Weitblick rund um das Gipfelkreuz entschädigt für die Mühen und Strapazen, Entspannung macht sich breit. Doch wie Reinhold Messner bereits richtig erkannte: „Der Gipfel ist nur ein Wendepunkt.“ Wenige Höhenmeter unter uns schlängelt sich ein Bilderbuchtrail durch die Almwiesen gen Tal – unsere Abstiegsroute.

Und tatsächlich erweist sich der Weg nicht nur als optischer Leckerbissen, die schnellen, flowigen Kurven fluten die Tester mit Glückshormonen und stimmen zum kollektiven Freudengejaule. Mondraker und Scott spielen ihre enorme Wendigkeit aus, das etwas träge Bergamont verlangt mehr Einsatz vom Fahrer.

Unter der Waldgrenze zeigt sich der Trail von seiner rauen Seite. Enge, mit nassen Wurzeln übersäte Serpentinen wechseln sich mit Steilstufen und anspruchsvollen Bachdurchquerungen ab. Die Sonne hat hier noch einiges an Arbeit vor sich, um den Trail nach den vergangenen Regentagen wieder trockenzulegen.

Die langhubigen Fahrwerke laufen alle auf Hochtouren, sorgen für viel Sicherheit und Komfort und führen uns schließlich – nicht völlig sturzfrei, aber immerhin unverletzt – zurück ins Tal. Im nahe gelegenen Spielberghaus verdünnen wir unser Restadrenalin mit verdientem Après-Bier. Fünf glückliche Gesichter blicken auf eine technisch und konditionell fordernde, landschaftlich fantastische Tour zurück – und genau das definiert Enduro.

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Die 5 Enduro-Bikes in diesem Test:

25.10.2011
Autor: Rainer Sebal
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 10/2011