E-MTBs im Test: 7 E-Mountainbikes zwischen 3.400 bis 4.700 Euro (Modelljahr 2015)

Im Test: 7 E-Mountainbikes


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E-MTB-Test
Foto: Björn Hänssler

 

MountainBIKE Bergamont Contrail C MGN
Foto: Det Göckeritz

 

MountainBIKE Centurion Numinis E 2000
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MountainBIKE Focus Thron Impulse Premium 1.0
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MountainBIKE Giant Full-E+ 1
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E-Mountainbikes erobern allmählich die Trails. Doch sind die E-MTBs tatsächlich für den Einsatz im Gelände geeignet? MountainBIKE hat sieben E-Fullys im Labor- und in der Praxis getestet.
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Mountainbikes mit E-Motor lassen aktuell im Fachhandel die Kassen klingeln. Die Zielgruppe ist dabei so vielschichtig wie das Mountainbike selber. Natürlich sind rüstige Rentner darunter, auch Menschen mit Handicap oder einfach geringer Ausdauer – aber auch immer mehr junge MTB-Fans lassen sich elektrifizieren!

Auf unserer Schwester-Webseite www.e-mountainbike.com informieren wir Sie ausführlich und exklusiv über das Thema E-Mountainbike.

Ob entspannt zur Arbeit pendeln, gezielt die Fitness trainieren, steile Aufstiege im Eiltempo hochjagen oder das E-Bike einfach als Shuttlehilfe einsetzen, um den Lieblings-Trail gleich fünf Mal zu fahren, E-Mountainbikes machen es möglich. Manchen sind diese E-MTB-Moddelle aber ein Dorn im Auge. Die Debatte um E-Mountainbikes wird unter Bikern teilweise hochemotional geführt.

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E-Fullys machen mehr Sinn als Hardtails

E-MTBs wiegen 20 Kilo und mehr. Viel Gewicht, das durch Motor, Akku und verstärkte Rahmen bedingt ist. Diese Masse will buchstäblich abgefedert werden, um die Haltemuskulatur des Mountainbikers nicht zu foltern: E-Fullys sind fürs Biken im Gelände besser geeignet als Hardtails. Aus diesem Grund testet MountainBIKE sieben vollgefederte Bikes, im Detail Tourenfullys mit Federwegen von 100 bis 127 mm am Heck.

Darunter befinden sich zwei 29er sowie fünf 27,5"-E-Bikes zu Preisen zwischen 3400 und 4700 Euro. MountainBIKE wählte E-MTB-Modelle mit Mittelmotor, da die zentrale Position des Antriebs im Gegensatz zu Antrieben am Vorder- oder Hinterrad ein ausgewogenes Handling begünstigt.

Vier der sieben Testbikes setzen auf den Bosch-Performance-Line-Motor. Das Giant Full-E+ 1 und das Haibike SDuro Fullnine RX sind mit einem Yamaha-Sync-Drive-C-Motor ausgestattet. Am Focus Thron Impulse Premium 1.0 (Derby Cycles) wurde der eigenentwickelte Motor Impulse 2.0. verbaut.

Alle E-Mountainbikes geben lediglich dann Motorleistung frei, wenn der Fahrer pedaliert, und brechen die Unterstützung bei 25 km/h ab. Somit sind die Bikes auch abseits der Straße erlaubt. Die Nennleistung liegt bei allen Modellen bei 250 Watt.

Alle Antriebe im Test erlauben per Remote am Lenker, die Unterstützungsstufe zu wählen. Bosch bietet vier Stufen, die anderen beiden Anbieter jeweils drei. Eine niedrigere Unterstützungsstufe bedeutet gleichzeitig weniger Akkuverbrauch, eine höhere mehr.

Die Reichweite hängt somit hauptsächlich von der eigenen Wahl ab, aber auch von Faktoren wie Körpergewicht, Rollwiderstand, Untergrund, Gegenwind, Geländeart, Anfahrhäufigkeit und Lufttemperatur – bei Kälte sinkt die Kapazität. Auch die Nennkapazität (Stromspeichergröße) des Akkus hat Einfluss.

Der stärkste – und zugleich schwerste – Akku ist am Focus Thron Impulse Premium 1.0 verbaut, dann folgt der Stromspeicher des Giant Full-E+ 1. Das Haibike SDuro Fullnine RX und die Bosch-motorisierten Bikes liegen gleichauf.

Die Technik der Test-Bikes im Detail

Während der Fahrt sollte der Fahrer wissen, wie voll der Akku ist. Hierfür bieten die Bikes Multifunktionsdisplays. Das teure Bosch-Nyon-Display am Scott zeigt auf einem iPhone-6-großen Display die Reichweite. Hinzu kommen eine (grobe) Navigation sowie Trainingsdaten wie Watt, Puls oder Kalorienverbrauch und einiges mehr.

In der Regel kommt der Bosch-Motor mit einem Intuvia-Display, das den Mountainbikes zwar nicht via GPS ans Ziel leitet, aber wie das Nyon sehr genaue Infos über die Reichweite bietet. Es errechnet den aktuellen Verbrauch und zeigt kilometergenau an, wie lange der Akku noch hält, wenn das Streckenprofil und der Fahrstil so bleiben.

Das wirkt beruhigend, denn die angegebene Restreichweite sinkt in Anstiegen drastisch wegen des hohen Stromverbrauchs, rechnet sich aber in der folgenden Abfahrt wieder automatisch nach oben.

Rekuperation, also die Wiedergewinnung von Energie etwa beim Downhill, bieten die Mittelmotoren im Test nicht. Yamahas Display am Giant Full-E+ 1 und dem Haibike SDuro Fullnine RX informiert anhand einer Balkenanzeige über die Akku-Kapazität. Eine genaue Berechnung der Reichweite in Kilometer findet – anders als bei Bosch und auch Impulse – nicht statt.

Neben dem Motor sind auch an E-MTBs Parts wie Schaltung, Bremsen oder Federelemente entscheidend für den Fahrspaß. Centurion und Trek verbauen eine 1 x 11-Schaltung von Sram, erreichen somit die am Bosch-Motor größtmögliche Bandbreite, da vorne nur ein Kettenblatt Platz hat.

Der schmaler bauende Yamaha-Motor erlaubt es, eine 2-fach-Kurbel zu montieren – zu finden am Haibike als 2 x 10-Schaltung. Alle weiteren Hersteller verbauen 1 x 10-Antriebe von Shimano mit geringer Gangspreizung.

Schwachpunkt am E-MTB: die Bremsen

Bremsen, die an leichten MTBs eine gute Bremswirkung erzielen, sind an E-Mountainbikes womöglich unterdimensioniert. Am Bergamont Contrail C MGN und dem Trek Powerfly FS 9+ befinden sich Shimano-XT-Bremsen mit 180-mm-Rotor vorne/hinten, das Haibike SDuro Fullnine RX ist mit einer 203er-Scheibe an der Front ausgestattet – das ist ausreichend.

Spürbar schlechter verzögern die Shimano-Deore-Stopper am Giant Full-E+ 1 und dem Scott E-Spark 710. Am besten stoppt die Vierkolbenbremse Magura MT5 am Focus Thron Impulse Premium 1.0, die dem hohen Gewicht der E-Bikes am ehesten gerecht wird.

Bei den Federgabeln/Dämpfern gibt es nichts zu meckern: Es kommen die bewährten Tourengabeln Rock Shox Reba (Centurion Numinis E 2000, Haibike SDuro Fullnine RX) und Fox 32 (Focus Thron Impulse Premium 1.0, Scott E-Spark 710), die All-Mountain-Gabel Rock Shox Revelation (Giant Full-E+ 1, Trek Powerfly FS 9+) und sogar eine steife Enduro-Gabel Pike von Rock Shox (Bergamont Contrail C MGN) zum Einsatz. Am Heck sind Pendants der jeweiligen Federungshersteller am Werk.

Die Geometrien sind denen von Tourenbikes ähnlich. Einzig der Hinterbau fällt länger aus. Das liegt an den Einbaumaßen der Motoren. Längen von 450 mm am Focus bis hin zu extrem langen 490 mm am Scott E-Spark 710 und dem Haibike SDuro Fullnine RX hat das MountainBIKE-Labor ermittelt.

Zum Vergleich: Ein 29"-Fully ohne Motor hat in der Regel ein 430 mm langes Heck. Ein langes Heck bedeutet in der Praxis meist hohe Richtungsstabilität und Bergauftraktion, geht aber auf Kosten der Wendigkeit.

Die E-MTBs im Labor- und Praxistest

Im Labor unterzog MountainBIKE die sieben E-MTBs einem Reichweitentest. Der verwendete eChecker-Prüfstand ermittelte anhand von drei Streckenprofilen die Reichweite.

MountainBIKE fuhr die E-Fullys auf seinen Standard-Teststrecken mit erfahrenen Testern. Kehren, Sprünge und steile Uphills verlangten den Bikes das Übliche ab. Ernüchternd: Bereits während der ersten Fahrt streikte der Motor des Haibike SDuro Fullnine RX.

Ebenso fiel der Yamaha-Motor am Giant Full-E+ 1 nach einigen Testfahrten aus. Beide MTB-Hersteller reagierten prompt und sorgten für Abhilfe. Haibike tauschte den Motor, Giant sandte ein Ersatzbike.

MountainBIKE verzichtet aktuell darauf, diese beiden E-MTBs zu bewerten, da sie den Test nicht beenden konnten. Stattdessen müssen Giant und Haibike nun im Langzeittest zeigen, ob sie MTB-Bedingungen standhalten. Aktuell laufen die beiden Kanditaten problemlos. Ein Statement beider Hersteller finden Sie hier.

Doch wie urteilten die Tester über die auch für sie teils ganz neue Mountainbike-Erfahrung? Kurzum: Alle waren beeindruckt vom hohen Spaßfaktor der E-Fullys. Besonders bergauf.

Selbst verblockte Uphills sind mit den E-Bikes (je nach Übersetzung) locker fahrbar – und lassen das Herz trotz Unterstützung kräftig hüpfen. Geht’s gemächlich auf Schotter und Asphalt empor, gilt: Genauso wie ein unmotorisierter Mountainbiker darüber entscheidet, wie schnell er den Berg hochtritt, wählt der E-Biker, wie schnell und mit welcher Unterstützungsstufe er pedaliert.

Vorurteile, quasi mit Ruhepuls empor zu schweben, sind im Nu entkräftet. Auch im Downhill erwiesen sich die Testbikes als voll geländetauglich. Vor allem die durch langen Radstand und hohes Gewicht enorme Laufruhe beeindruckt – auch bei nominell wenig Federweg und trotz der teils enttäuschenden, zu schwachen Bremsen.



14.07.2015
Autor: Chris Pauls
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 7/2015