Welches Bike liegt im Gewichts-Ranking ganz vorne, welches bei den Testnoten? Jetzt mit neuen 2012er-Modellen. mehr ...
All-Mountain-Fullys: Acht Modelle im Familienduell
Family Affair
Vier Edel-All-Mountains, vier günstige Pendants und die entscheidende Frage: Welches bietet mehr fürs Geld? Zu den getesteten Produkten
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Es lebe der Trail! Jener handtuchbreite Naturpfad, der sich mal sanft schlängelnd, mal grimmig und steil um den Berg windet. Der mal kurz und knackig, mal episch ausgebreitet das ganze Biker-Glück in seinen Bahnen bündelt. Und es lebe das All-Mountain-Fully. Jenes perfekt zum Trailsurfen geeignete Bergrad, jener – nomen est omen – Alleskönner.
Doch was bedeutet All-Mountain wirklich und vor allem, welches Bike ist für mich das beste? Das Edelmodell mit leichtesten Nobelteilen oder das grundsolide Modell der Kaufklasse? Heiße Liebe oder doch eher Vernunftehe?
Um diese Fragen zu beantworten, lud MountainBIKE vier renommierte Hersteller ein, ihr jeweils teuerstes All-Mountain und eines um 2000 Euro gegeneinander und gegen die Konkurrenz antreten zu lassen. Tagelang jagte die MB-Crew die 140-mm-Fullys dann über die Traumtrails des Luberon in der Provence: ein All-Mountain-Revier aus dem Bilderbuch! Damit nicht genug, auf der MB-Teststrecke bei Stuttgart mussten die Bikes ihre Allwettertauglichkeit unter Beweis stellen.
Mit dabei die komplett überarbeiteten Klassiker Canyon Nerve AM und Cube Stereo, das brandneue Rose Granite Chief und das aus dem Vorjahr bewährte Lapierre Zesty – bei den Topmodellen mit neuem Carbonhinterbau.
Dabei also zwei Versender- und zwei Händlerbikes mit den damit verbundenen Vor- und Nachteilen. Das klare Plus für den Kauf im Fachhandel ist die direkte Betreuung durch den Händler – Probefahrt, Erstmontage und Inspektion inklusive. Der Direktvertriebler kann in der Regel aggressiver kalkulieren, bietet mehr Bike fürs Geld – eine Probefahrt ist aber meist nur am Hauptstandort möglich, die Beratung erfolgt via Internet oder Telefon. Zudem muss der Kunde „Sekundärkosten“ wie den Versand beachten.
All-Mountain – Das Bike für alles
Zurück zur immer präsenter werdenden Kategorie All-Mountain. Erstmals gaben in der letzten MB-Leserbefragung die meisten Leser an, sich in der 140-mm-Klasse heimisch zu fühlen. Aus gutem Grund, schließlich stellen diese Allzweckwaffen die goldene Mitte dar: bergauf so antriebsneutral wie ein Tourenbike, bergab fast so potent wie ein Enduro, auf dem Trail so wieselflink wie ein Cross-Country-Fully. Egal, ob flotte Hausrunde, Alpencross oder technischer Trailride – mit einem All-Mountain haben Sie immer das richtige Bike dabei. Ein gutes Gefühl!
Generell haben die Hersteller ihre Hausaufgaben gemacht: Kettenstrebenschutz, breites Cockpit, Schnellspanner für voll versenkbare Sattelstützen – Schnitzer im Detail erlaubt sich selbst bei den günstigen Modellen keiner. Auch große Bremsscheiben, bei Canyon und Rose vorne sogar 200 mm, sind Standard ebenso wie Reifen mit 2,4“ Breite. Bei denen gefiel den MB-Testern speziell die „Canyon-Kombi“ mit Fat Albert vorne und Nobby Nic hinten, jeweils mit Snakeskin-Flankenschutz. Lediglich Lapierre fällt mehrfach aus der Rolle, setzt auf dünne Rennreifen, 160er-Scheiben im Heck und beim Topmodell gar auf schmale Race-Laufräder. Zudem lässt sich beim Zesty 914 die „geknickte“ Thomson-Stütze nicht voll versenken. Das alles unterstreicht den enorm leichtfüßigen Charakter des Franzosen-Fullys, führt in Sachen Allroundtauglichkeit aber zu Abzügen.
Doch worin unterscheiden sich die preiswerten Modelle von ihren edlen Brüdern, und wie wirkt sich das in der Praxis aus? Die gute Nachricht vorweg: Beim Herzstück eines jeden Fullys – dem Rahmen samt Kinematik und darauf abgestimmtem Federbein – setzen Canyon, Cube und Rose auch beim Preis-Leistungs-Modell auf die Technik der Topvariante. Sehr löblich, denn so stimmt die Basis, und ein späteres Komponenten-Upgrade lohnt! Beim günstigen Zesty kommt statt des Carbonhinterbaus Aluminium zum Einsatz. Ohne Funktionseinbußen: Der Rahmen ist zwar schwerer, aber dafür steifer als der des 914. Da stört es eher, dass Lapierre im 314 einen abgespeckten Fox-Float-Dämpfer ohne Plattform oder Lockout verbaut.
Deutlichere Abstriche in der Kaufklasse gibt es an der Gabel-Front: Nur Canyon verbaut jeweils die Fox Talas RLC, Lapierre spezifiziert eine minimal abgespeckte Fox Float, Cube und Rose setzen auf Gabeln von Rock Shox: Während die Revelation im Stereo K18 einen ähnlich guten Job macht wie die Talas im Topmodell, verändert die Pike im Granite Chief 2 stärker die Fahreigenschaften. So bürgen die Stahlfederelemente zwar für superbes Ansprechverhalten, lassen sich aber nur durch einen Federtausch ans Fahrergewicht anpassen. Zudem drückt die etwas in die Jahre gekommene Forke kräftig auf die Waage.
Günstig und leicht – Geht das?
Apropos Gewicht: Per se gilt bei diesem Vergleich: je teurer, desto leichter. Bei ihren Topmodellen erkaufen sich die Hersteller eine schlanke Linie von unter 12,5 kg mit Carbon- statt Alu-Anbauteilen und durch leichtere Laufräder. So lassen sich auf dem Trail die Highend-Modelle durchweg besser beschleunigen als ihre Pendants, wirken spritziger und agiler – am merklichsten ist dies bei Lapierre und Rose. Auf der anderen Seite liegen die „Sparfüchse“ bergab durch das höhere Gewicht oft gar satter als die kompromissloseren Nobelkarossen. Bleibt die Bremsanlage. Entwarnung vorweg: Alle Discstopper taugen je nach Discgröße locker für den All-Mountain-Alltag. Dennoch ist im Gegensatz zu Canyon bei Cube, Lapierre und Rose ein deutlicher Qualitätsunterschied erfahrbar.
Nobelteilchen hin, Übergewicht her – die erstaunlichste Erkenntnis des Tests ist, wie stark sich die vermeintlich ungleichen Brüder im Geiste ähneln. So umgibt etwa das um fast 1600 Gramm schwerere und um 2700 Euro günstigere Lapierre 314 eine ähnlich lässige Trail-Attitüde wie das 914. Wenn auch auf niedrigerem Niveau. Ganz klar: Nicht die Ausstattung, sondern Geometrie, Kinematik und Federelemente machen bei einem Mountainbike den Charakter aus. Von daher sollten Sie, bevor Sie sich für die jeweilige Ausstattungsvariante entscheiden, anhand der MB-Testbriefe Ihren(!) Traumpartner finden.
Eine knifflige Aufgabe, denn gerade die vier Edel-Trailbikes agieren auf beeindruckend hohem Niveau, vermengen fidelen Fahrspaß und sicheres Handling – Verdienst der neuen, ausbalancierten Geometrien mit tiefem Schwerpunkt und zentral ins Bike integrierter Sitzposition. Auch die Kinematiken funktionieren, nicht zuletzt dank der weiter verfeinerten Fox-Dämpfer, immer besser. Ob die Viergelenker von Canyon, Cube und Rose oder der VPP-ähnliche Lapierre-Hinterbau – sie alle sind in der Ebene und bergauf weitestgehend wippfrei, sind frei von störendem Pedalrückschlag und geben viel Federweg frei. Auch das Fox-Problem der Vorjahre – die zu stark gedämpfte Zugstufe – scheint überwunden. Dennoch: Der perfekte Hinterbau ist weiterhin Utopie, alle vier Kinematiken stellen einen (jeweils gelungenen!) Kompromiss dar. So geht bei Canyon und Cube die nahezu optimale Antriebsneutralität einher mit einem nicht ganz so hochsensiblen Ansprechverhalten, wie es etwa bei Rose und Lapierre der Fall ist. Diese neigen dafür an steilen Stichen und bei Drops schneller zum Wegsacken des Hinterbaus.
Am Ende der Praxistests standen bei vier erfahrenen MB-Piloten vier unterschiedliche, subjektive Reihenfolgen auf den Testbögen. Was nicht etwa auf Ratlosigkeit verweist, sondern erneut das hohe Niveau und den Facettenreichtum der All-Mountains unterstreicht. So umgarnt das effiziente Canyon mit spritzigem Handling vor allem sportive Trailjunkies. Das Cube glänzt mit starkem Hinterbau und mächtiger Downhill-Potenz, das Lapierre mit einer für diese Klasse einzigartigen Leichtfüßigkeit bei gleichzeitig enormer Laufruhe. Rose indes – da waren sich die Testfahrer einig – gelingt das ausgewogenste Fully mit veritablem Hinterbau, steifem Rahmen, feiner Ausstattung und in allen Lagen famosen Fahrleistungen. Eben ein echter Alleskönner und daher mit dem Topmodell Granite Chief 8 Testsieger.
Im Quervergleich der 2000-Euro-Fullys liefern sich Canyon und Cube ein Duell Lenkerspitze an Lenkerspitze, mit knappen Vorteilen für das 200 Euro günstigere Versender-Bike. Wem der Kontakt zum Fachhändler wichtig ist, greift dagegen eher zum Stereo. Lapierre und Rose fallen in dieser preisaggressiven Klasse durch die schlechtere Ausstattung ab, beim Zesty kosten diverse Abzüge wie bei Reifen und Bremsen sogar fast die von den Fahrleistungen zweifelsfreie Note „sehr gut“.
Fazit
Liebesheirat oder Vernunftehe – der Kunde hat die Wahl. Und bei Canyon und Cube die Qual, denn Nerve und Stereo überzeugen bereits in der Kaufklasse mit hochsoliden Parts. Während die Canyons eng beieinander liegen, grenzt Cube das edle Topmodell stärker ab – und doch bleiben die Fahreigenschaften ähnlich. Anders sehen die Familienverhältnisse bei Lapierre und Rose aus: Zwar sind auch die Zesty- und Granite-Chief-Geschwister charakterlich verwandt, gerade die Highend-Modelle bieten aber diese Extraportion Fahrspaß, die ein All-Mountain-Fully so auszeichnet.
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