29er-Touren-Mountainbikes: 12 Modelle um 3.000 Euro im Test

Zwölf 29er-Tourenfullys um 3.000 Euro im Test


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29er-Tourenfullys im Test
Foto: Daniel Geiger

 

MountainBIKE Bulls Wild Rush 2
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Bulls Wild Rush 2
Foto: Dennis Stratmann

 

MountainBIKE Canyon Nerve AL 29 9.9 SL
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Commencal  Meta AM 2 29
Foto: Benjamin Hahn
Touren-Fullys sind zuverlässige Begleiter, die für Komfort und Vortrieb zugleich stehen. Und was passiert, wenn diese ­Eigenschaften mit denen der 29er-Fullys gepaart werden? MountainBIKE lud zwölf Twentyniner-Touren-MTB um 3000 Euro zum Test.
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Denken Sie an einen amerikanischen Monstertruck. Und jetzt daran, wie diese Walze andere Fahrzeuge überrollt, als wären sie Spielzeugautos. Gratulation: Sie sehen soeben vor dem inneren Auge, wie das 29er-Prinzip beim Mountainbike funktioniert.

Logo, mit einem Twentyniner können Sie nicht über Autos fahren – aber Geröll, Wurzelpassagen sowie steile Kanten überrollen Sie dennoch viel müheloser als mit einem 26-Zoll-Bike. Dazu bieten die „Riesen“-MTB mehr Laufruhe und ein Fehler verzeihenderes Lenkverhalten als die 26"-Pendants.

Verwunderlich, dass trotz dieser die Sicherheit und den Komfort fördernder Eigenschaften bislang fast nur Racebiker– etwa bei den Olympischen Spielen in London – und Hardtail-Fahrer auf 29 Zoll setzten. Dass aber auch Tourenbiker, die einen besonders fahrstabilen Begleiter suchen, eine 29"-Alternative(!) wünschen – zumal als Fully– , war freilich nur eine Frage der Zeit.

Aktuelles Ergebnis: Neun der zwölf Testkandidaten sind Neuentwicklungen für 2013 – auch die europäischen Firmen setzen nun verstärkt auf 29 Zoll. Die weiteren Eckdaten der Testbikes: Federwege von 110 mm bis 130 mm, Preise zwischen 2699 bis 3299 Euro.

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29er-Fullys sind für MTB-Touren prädestiniert

Was die 29er-MTBs gerade für Tourenbiker so attraktiv macht? Durch die höheren Kreiselkräfte stabilisiert sich das Rad und sorgt somit für Laufruhe, die längeren Auflageflächen der Reifen liefern zudem mehr Bodenhalt sowie ein fehlerverzeihendes Lenkverhalten. Hinzu kommt, dass bei Twentyninern das Tretlager wesentlich tiefer positioniert ist als die Radachse, wodurch der Fahrer das Gefühl bekommt, tief im Bike zu sitzen – das schenkt Sicherheit und Vertrauen, gerade wenn‘s bergab einmal steiler und/oder ruppiger wird!

Die Front der 29er-Mountainbikes ist indes recht hoch, ein Punkt, den vor allem CC-Racer immer wieder kritisieren. Für Tourenfahrer bringt eine höhere Front und somit eine aufrechtere Sitzposition hauptsächlich Vorteile. So sorgt diese für weniger Sitzprobleme, da das Körpergewicht mehr auf den Sitzhöckern, weniger auf dem Schambein lastet. Zudem muss die Schulterpartie weniger Stützkraft leisten.

Wer von einem 29er jedoch ein verspieltes Trailbike erwartet, wird enttäuscht. Denn: Die langen Kettenstreben, die aufgrund der größeren Räder nötig sind, liefern zwar bergauf ordentlich Traktion, wirken aber bei schnellen Richtungswechseln sperrig. Der persönliche Fahrstil ist also mitentscheidend für die Wahl 26 oder 29 Zoll – das gilt übrigens für Biker mit 190 cm Körpergröße genauso wie für Biker mit 175 cm.

Drei der neuen 29"-Tourenfullys bieten 110 mm Federweg an Front und Heck. Ein Maß, das diese Bikes nur leicht von den 100-mm-Race-Fullys abhebt. Wer auf der Suche nach mehr Bergab-Potenzial ist, findet etwa bei den Bikes von Bulls, Commencal und Scott Fahrwerke mit 130 mm Hub, die fast auf All-Mountain-Niveau liegen. Alle weiteren Hersteller setzen klassisch auf 120 mm Federweg.

Viel entscheidender für den Charakter der Bikes ist indes die Geometrie. So bietet das Bulls zwar
130 mm Hub, ist aber mit langem Oberrohr und ­schmalem Lenker auf der sportlichen Seite anzusiedeln. Eine gegenteilige Philosophie verfolgt das Specialized Camber, ein kompakter Trail-Flitzer mit nur 110 mm Hub. Ein Grund für dessen agiles Fahrverhalten ist der kurze Hinterbau (448 mm). Das Gros der Bikes liegt bei 450 mm oder darüber. Mit über 465 mm fallen die Kettenstreben von Bulls und Conway besonders lang aus.

Um 3000 Euro liefern die Hersteller Alu-Rahmen, einzig das Camber Comp glänzt mit Carbon-Rahmen. Im Gewichtsranking liegt dennoch der sehr leichte Scott-Alu-Rahmen mit knapp 2800 g vorne. Im Schnitt wiegen die 29"-Rahmen (3211 g) mehr als die 26"-Rahmen des Tourenfully-Tests in MountainBIKE 01/13.

Dies liegt vornehmlich am extrem schweren Commencal-Chassis: Stolze 4400 g wiegt es, bietet aber auch mit Abstand den höchsten Steifigkeitswert. Apropos steif: Alle Rahmen weisen sehr gute Werte im Labor auf und liegen auf 26"-Niveau. Das niedrigste Gesamtgewicht bietet das Canyon Nerve AL 29 mit 12,1 kg. Zum Vergleich: Das ebenfalls 2999 Euro teure Canyon Nerve CF (26", Carbon-Rahmen) wiegt 11,5 kg – auf der Waage ist und bleibt 26 Zoll unschlagbar! Die Hauptschuld daran tragen die schwereren Reifen-Laufrad-Kombis.

In diesem Test reicht das Ranking von leichten 3600 g am Canyon bis hin zu gewichtigen 5100 g am Commencal. Wer mit einem 29er-Fully liebäugelt, sollte also die Laufradgewichte genau analysieren, denn sie sind entscheidend für die Spritzigkeit der Bikes.

29er Tourenfullys: auf die richtige Ausstattung kommt es an

Prima: In puncto Ausstattung bekommt der Kunde für rund 3000 Euro im Segment 29er-Tourenfully vergleichbare Qualität wie der 26er-Fan. Speziell Bulls, Canyon, Conway, Cube und Rose verbauen hochwertige Parts mindestens auf Shimano-XT-Niveau – perfekt für sorglosen Tourenspaß. Specialized verbaut zwar nicht den hochwertigsten Partsmix, bietet aber eine Zweifach-Kurbel mit 22-Zähne-Kettenblatt und somit eine optimale Übersetzung für 29er-Laufräder.

Alle weiteren Touren-MTB kommen mit 24er-Kettenblättern, die zwar mehr Muskelkraft am Berg fordern, aber dennoch für trainierte Biker problemlos fahrbar sind. Verzögerungstechnisch setzen bis auf Conway (160 mm am Heck) alle auf 180er-Discs, Specialized verpasst dem Camber gar eine bissige 200er-Scheibe an der Front. Bis auf Bulls, Conway und Rotwild verbauen alle Hersteller Lenker über 700 mm. Das sorgt für spürbar mehr Kontrolle und zudem für einen guten Hebel im Wiegetritt.

Der Praxistest bringt die Wahrheit ans Licht

Auf der Teststrecke in Finale Ligure, Italien, mussten die zwölf Bikes ihr Können unter Beweis stellen. Die Leichtgewichte von Canyon, Specialized und Rotwild ziehen der Meute bereits auf den ersten Trail-Metern davon. Dank vom Lenker aus zuschaltbarer Plattformdämpfung gewinnt das Nerve die Uphill-Wertung.

Auf dem Trail zeigen sich die Twentyniner-Touren-MTBs von Bulls und Conway aufgrund zu langer Kettenstreben etwas sperrig. Hier rockt das Specialized mit agiler Geometrie, während Rose und Scott mit viel Laufruhe bergab swingen. Noch mehr überzeugt im Downhill nur das Commencal, das für ein Tourenfully-Mountainbike jedoch viel zu schwer ausfällt.

Wer ein Touren-Mountainbike mit breitem Einsatzbereich sucht, sollte sich die neuen 29er genauer anschauen, das zeigt dieser 29"-Tourenfully-Test, selbst wenn Nachteile bei Gewicht und Wendigkeit nicht wegzudiskutieren sind. Egal ob steile oder verblockte Abfahrten, ein 29er-Tourenfully bringt sicherer als jedes 26er ans Ziel. Und auch bergauf beweisen die meisten MTBs im Test, dass sie wahre Alleskönner sind.


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Die 29er-Touren-Mountainbikes im Test:

25.04.2013
Autor: Chris Pauls
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 04/2013