16 Bikes bis 2.000 Euro im MTB-Familienduell

Fully vs. Hardtail: Welches Bike macht das Rennen?


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Test: Fully vs. Hardatil
Foto: Daniel Geiger

 

Cube Reaction GTC Team

 

Cube Reaction GTC Team - Deore XT
Foto: Benjamin Hahn

 

Cube AMS 130

 

Cube AMS 130 Pro - Ringlé Naben
Foto: Benjamin Hahn
Fully oder Hardtail? Erneut stellt MountainBIKE die ewig junge Frage im Marken-Direktvergleich. Welche Bike-Gattung setzt sich an die Spitze?
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Pepsi oder Coke? Schalke oder Dortmund? Zappa oder Dylan? Es gibt Fragen, die entzweiten schon Genera­tionen. Auch bei uns Geländerittern sorgt die Diskussion Fully oder Hardtail seit rund fünfzehn Jahren für hitzige Debatten, für Streitereien zwischen Groteske, Grabenkampf und Glaubenskrieg.

Vor genau einem Jahr lud MB daher zum ersten Familienduell: Je acht Hardtails und Fullys der Kaufklasse bis 2000 Euro traten gegeneinander an – bewusst betrachtet aus Sicht des zukünftigen Käufers. Welches Bike ist das bessere, wenn die Kaufentscheidung unmittelbar ansteht, der eigene finanzielle Rahmen eng gesteckt ist?

Das Ergebnis war – auch für die MB-Tes­ter – überraschend: Fünf der acht Duelle entschied das Hardtail für sich, denn viele Fullys enttäuschten mit überholten Geometrien und schwachen Hinterbauten. Schon damals war klar: Dieser Test schreit nach einer Wiederholung! Nun ist die Zeit der womöglichen (Fully-)Rache gekommen.Erneut wählte die Redaktion 16 Bikes von acht Fachhandelsmarken aus.

Die Voraussetzungen: Beide Familienmitglieder müssen den Kategorien Marathon/Tour (Hardtails 100 mm, Fullys um 120 mm Federweg) entsprechen, und zwischen ihnen dürfen maximal 300 Euro Preisdifferenz liegen. Den Preisrahmen steckte MB von 1700 bis 2000 Euro bei den Hardtails und von 1800 bis 2000 Euro bei den vollgefederten Pendants. Übrigens: Sechs der acht Hersteller waren im Vorjahr nicht vertreten.

Und: Das Carbon-Hardtail Cube Reaction GTC durfte als einziges „überragendes“ Bike der 2010er Duelle wieder in den Ring steigen, bekam dabei mit dem Fuji SLM und dem Giant XTC Comp neue Gegnerschaft aus Kohlefaser

Hardtails und Fullys im Direktduell

Vier erfahrene Tester spielten auf der MB-Teststrecke und auf einem selektiven Cross-Country-Kurs in Südtirol die Punktrichter. Wurzelfelder, verblockte Passagen, Steilanstiege – speziell der Parcours in Italien stellte eine würdige Umgebung für die Fullys und eine Bürde für die Hardtails dar. Umgekehrt mussten sich die Fullys auch im „Hardtail-Terrain“ beweisen, lange Asphalt- und Schotteranstiege bewältigen.

Jeder Tester fuhr dabei die Zweirad-Geschwister im direkten Duell hintereinander. Um eine faire Abschlussnote zu erhalten, vergab die Testcrew ihre Punkte zunächst „interdisziplinär“, getrennt nach Fullys und Hardtails. Abschließend wurde jeder Tester zu jeder Familienfehde mit der Kernfrage konfrontiert: „Fully oder Hardtail, welches der Bikes würdest du dir jetzt kaufen?“

Dabei waren im Grundsatz die Vor- und Nachteile der jeweiligen Spezies unumstößlich. In Kürze: Bei nicht zu großer Preisdifferenz wird ein Hardtail stets steifer, leichter, wartungsarmer, besser ausgestattet und direkter im Kraftfluss sein als das vollgefederte Familienmitglied. Auf der anderen Seite sollte das Fullsuspension-Bike gerade dank seiner Vollfederung punkten: Die Bodenkontaktzeit des Hinterrads ist länger, Komfort und Fahrdynamik sind überlegen.

Im Downhill filtert der Hinterbau Lastspitzen heraus, schont somit die Haltemuskulatur des Bikers und erhöht die Fahrsicherheit. Das Plus an Traktion spart zudem bergauf(!) Kraft, da das Hinterrad seltener durchdreht und Bike wie Fahrer beim Überfahren von Hindernissen eine geringere Hub­arbeit verrichten müssen.

Hardtail: Vorteile bei Preis und Parts

Nach Meinung der MountainBIKE-Redaktion überwiegt seit Jahren die überlegene Fahrdynamik des Fullys die unbestreitbaren Hardtail-Vorteile. Doch wie sieht das aktuelle Kräfteverhältnis aus?

An der Ladenkasse triumphiert das Hardtail, ist im Schnitt rund 140 Euro güns­­tiger als das Fully. Am größten ist die Differenz beim Merida-Doppel (300 Euro), am geringsten bei den gleichteuren Bikes von Fuji und Giant. Und: In sechs der acht Fälle ermöglicht diese relativ geringe Preisdifferenz den Hardtails eine bessere Ausstattung.

Nur im Fuji-Duell siegt das Fully: Das Hardtail zollt den hohen Herstellungskosten seines Carbon-Rahmens erheblichen Tribut. Bei Giant verfügt das Hardtail über die qualitativ besseren Anbauteile, das Fully gleicht mittels erstklassiger (Fox-)Federelemente aus.

Generell liegt das Ausstattungsniveau im Vergleich zu 2010 trotz leicht gestiegener(!) Preise niedriger. Höhere Lohnkos­ten in Asien, gestiegene Zölle für Frachtcontainer und ungünstige Wechselkurse sind schuld, dass bei den Hardtail-Antrieben nur selten das berühmte Shimano-XT-Logo aufblitzt, stattdessen die (funktionell erstklassige) SLX-Gruppe dominiert.

Noch eine Ausstattungs-Liga tiefer spielen die Fullys, an fünf Bikes ist etwa die gruppenlose, nicht hohlgeschmiedete, schwere Shimano-M552-Kurbel verbaut. Die „Güte“ der Radnaben (Hardtail wie Fully) liegt oftmals noch unter Deore-Niveau, am Specialized Camber muss der Käufer sogar mit Alivio-Schalthebeln vorlieb nehmen. Immerhin: Die Billig-Shifter funktio­nierten gar nicht mal schlecht ...

Auch im Labor gewinnt das Hardtail

Wenig überraschend: Auch auf den MB-Laborprüfständen lässt das Hardtail dem Fully keine Chance. Im Schnitt wiegen die Hardtail-Rahmen fast 1400 Gramm weniger als die gefederten Pendants – logo, Federbeine und Lagerungen der Fullys tragen „schwer“ auf.

Zudem drücken die drei Carbon-Rahmen von Cube, Fuji und Giant mit jeweils rund 1250 Gramm den Hardtail-Schnitt deutlich nach unten – bei den Fullys ist Aluminium in dieser Preisklasse Standard. Zusammen mit den hochwertigeren, zumeist leichteren Parts bringen die Hardtails als Komplettrad im Schnitt fast zwei Kilo weniger auf die Waage!

Die meisten Gramm liegen bei Cube und Specialized zwischen den Kontrahenten: Jeweils fast 2,5 Kilo trennen Fully und Hardtail. Am geringsten fällt die Differenz bei Merida aus: Das Fully Twenty-One wiegt nur 880 Gramm mehr als das Hardtail Twenty-Nine. Auch das verwundert kaum: Letzteres rollt – nomen est omen – auf schwereren 29“-Rädern.

In puncto Steifigkeiten dominieren die Hardtails erneut, speziell am Lenkkopf wirken die Unterschiede auf den ersten Blick frappierend. Aber: Dies liegt u. a. an der stärkeren Verwindung des hinteren(!) Rahmendreiecks auf den Prüfständen, in der Fahrpraxis fällt dies weit weniger auf – lediglich der Steuerkopf am Scott Spark verfehlt den grünen Bereich knapp. Das beste Verhältnis aus Steifigkeit und Gewicht erringen die drei Carbonis, mit dem Cube Reaction als Spitzenreiter.

Glückt die Revanche auf dem Trail?

Ganz klar, die „Messrunden“ gehen erwartungsgemäß an die Hardtail-Gebrüder: Sie sind allesamt günstiger, meist besser ausgestattet, leichter und steifer. Im Vergleich zum Vorjahr vergrößern die Hardtails, speziell beim Gewicht, sogar den Vorsprung.

Und auch in der Praxis geben zunächst die „harten Jungs“ den Takt vor. Da, wo Traktion im Uphill kaum eine Rolle spielt, auf Asphalt- oder fein gefegten Schotteranstiegen, punktet das leichtere Bike, das Hardtail. Mehr noch: Die Rennmaschinen von Cube, Giant und Specialized brennen Bestzeiten auf den Boden, dass es den schweren Fullys nur so schwindelt.

Doch kaum wird das Terrain gröber, schlägt die Stunde der vollgefederten Traktionsmonster. Und wie! Bergauf agieren alle Kinematiken auf hohem Niveau und generieren am Hinterrad satten Grip – ohne wirklich störende Antriebseinflüsse wie Wippen oder Pedalrückschlag.

Auch im Downhill zeigen die Fullys ihren Hardtail-Geschwistern stolz das vollgefederte Hinterteil. Trotz einiger sehr schwächlicher Bremsen: Die in der Regel flacheren Geometrien (Ausnahme KTM) sowie die modernen, potenten 120-mm-Fahrwerke erlauben höhere Geschwindigkeiten, bieten Komfort und Sicherheit. Kein Vergleich zum Vorjahr, als die Hälfte der Fullys mit barocken, zu steilen Geo­metrien und Hinterbauten am Rande der Arbeitsverweigerungen negativ auffiel!

Auf absolutem Höchstniveau planiert indes nur das Giant-Trance-Fahrwerk mit ausgereifter Kinematik und Fox-Federelementen den Trail. Speziell bei KTM, Merida und Scott beschränkt der verbaute DT-M210-Stoßdämpfer die Performance. Dieser spricht zwar feinfühlig an und offeriert bergauf genug Grip, geht bei schnellen Schlägen aber spürbar auf Block.

Dennoch: Unterm Strich glückt den Fullys die Revanche! Bei vier der acht Duelle votierte die MB-Crew pro Vollfederung, drei Mal lautet das Urteil „unentschieden“. Nur bei Merida gewinnt das Hardtail (einstimmig): Kein Wunder, das Twentyniner-Hardtail hält in puncto Traktion beinahe mit den Fullys mit!

Per se beglücken im Hardtail-Vergleich neben Testsieger Cube die Rennfeilen von Giant und Specialized sowie das formidable 29“-Merida. Bei den Fullys glänzen die Trail-Rocker von Giant und Specialized sowie Allrounder Cube.



Die Bikes im Test:

24.05.2011
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 05/2011