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Val di Susa: Bike-Spot im Piemont - Mit Tourentipps und GPS-Daten

Gipfel, Trails und Hochgefühle

In keinem Revier können Biker so viele Höhenrekorde knacken wie rund um das Val di Susa im Piemont.


Die schönsten Touren im Val di Susa

Infos, Roadbook und GPS-Daten zur Tour auf den Mont Chaberton Infos, Roadbook und GPS-Daten zur Tour auf den Colle Sommeiller Infos, Roadbook und GPS-Daten zur Tour "Fort Jafferau" Infos, Roadbook und GPS-Daten zur Tour auf dem Assietta-Kamm

Zugegeben: Bergab machen die Kehren am Colle del Chaberton deutlich mehr Spaß als bergauf. Es wurde ja schon viel darüber spekuliert, ob der Mont Chaberton – an der Grenze zwischen Frankreich und Italien, zwischen Turin und Gap gelegen – wirklich der höchste Punkt in den Alpen ist, der sich mit dem Mountainbike erreichen lässt. Auch der Punkt, ob es für Moun­tainbiker nun lohnende Herausforderung oder rekordvernarrter Schwachsinn ist, diesem Berg aufs Haupt zu steigen, wird unter Bikern kontrovers diskutiert. Fakt ist, dass am Mont Chaberton eine irrwitzig angelegte Militärstraße vom Talgrund bis hinauf zum fußballfeldgroßen Gipfelplateau mit den berühmten Kanonentürmen führt. Und genau über die haben sich meine Begleiter und ich soeben hochgekämpft. Nun sitzen wir auf 3131 Metern Höhe neben unseren Bikes auf dem legendären Gipfel.

„Freiwillig wäre ich hier niemals mehr hinaufgeradelt“, kommentiert Local Sergio Galicet. Der gestandene Mountainbiker ist im Val di Susa aufgewachsen und lebt dort wieder, nachdem er viel in der Welt herumgekommen ist. Am Gipfel isst er Weißbrot mit Bresaola, trinkt Rotwein und lacht. ­Diese ernsthaften und ambitionierten deutschen Mountainbiker werden ihm wohl immer ein Rätsel bleiben. „Ihr wollt immer auf die höchsten Gipfel und Pässe“, sagt er in seinem tadellosen Englisch. So sind wir halt: Wir haben sogar Spaß an unserem Ehrgeiz, möglichst viel der Strecke strampelnd anstatt schiebend zu absolvieren. Keine Chance hatten wir allerdings auf der deutlich verfallenen Schotterpiste unterhalb des Colle dello Chaberton. Letztendlich sind ­dies aber nur rund 300 Höhenmeter, die auch schiebend in einer guten halben Stunde bewältigt sind. Und danach ist bis hinauf zum Gipfel wieder vieles bis fast alles fahrbar, wenn auch nur mit letztem Einsatz!

Doch oben angekommen ist dies egal. Da ist erst mal das Panorama der Gletscherberge der Dauphiné und des Pelvoux-Massivs. Und dann sind da diese riesigen Türme. Vom Tal betrachtet sehen sie aus wie eine Krone auf dem Haupt des Bergkönigs Chaberton. „Das waren Kanonentürme der italienischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg“, verrät Sergio. Die 13 Kilometer lange Militärstraße von Fenils bis hinauf zum Gipfel war vom italienischen Militär im Ersten Weltkrieg projektiert und kurz vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut worden. Acht Eisenkuppeln mit einem Gewicht von je vier Tonnen transportierten die Alpinis über die 1850 Höhenmeter bis hinauf zum Gipfel. Fast 17 Jahre dauerte die Bauzeit. „Und angeblich reichten acht gezielte Schüsse der Franzosen aus, sie zu zerstören.“

Nun wollen erst mal Höhenmeter vernichtet werden. Steil windet sich der Wanderweg die steile, felsige Flanke oberhalb des Örtchens Clavière an der Passhöhe im Skigebiet von Mont Genevre hinab. Kein Zuckerschlecken! Je nach technischem Können und Mut steigt der eine oder andere öfter oder seltener ab. 400 Höhenmeter tiefer sind wir uns aber alle einig: Wer kernige Trails mag, wird diesen lieben! In Clavière sind wir zurück in Italien. Und das will mit einem Cappuccino gefeiert werden. Sergio jedoch trinkt Bier. Er ist ja kein Tourist. Das Grinsen auf seinem Gesicht stammt dennoch nicht von dem Getränk, sondern von der Trailabfahrt. „Sensationell“, murmelt er. Und da fällt dann auch seine Gesamtbilanz für den Mont Chaberton sehr positiv aus. So ernst ist das also gar nicht mit diesen ambitionierten Mountainbikern vom Alpennordrand. Es macht sogar richtig Spaß.

Beim Pläneschmieden wird klar, dass der Urlaub zu kurz ist. Die Tourenmöglichkeiten der Region sind so zahlreich, dass sie Mountainbiker beinahe überfordern. Im Val di Susa und seinen Nebentälern haben sich neun Gemeinden rund um Bardonecchia zu der Radregion „Alpi Bikeresort“ zusammengeschlossen. Dazu gehören mehrere Lifte mit Bike-Transport samt angeschlossenen Bikeparks. Dazu Bike-Schulen, Bike-Hotels und ein unglaublich ausgedehntes Wegenetz. Erstaunlich deshalb, dass die Region in Deutschland noch immer relativ unbekannt ist. Zumal sich nirgends in den Alpen auf dem Mountainbike dermaßen schnell Höhenmeter sammeln lassen. Und Höhenmeter-Grenzen knacken.

Beispiel Colle Sommeiller: Auch diese Tour bringt Biker über die 3000-Meter-Marke. Und dank der gemäßigten Neigung der Schotterpiste ist die Strecke tatsächlich komplett fahrbar. Die Passhöhe selbst wird in den Karten zwar mit 2993 Metern angegeben, aber ein breiter Weg führt von dort hinauf zum immer kleiner werdenden Gletscher. Bis in die siebziger Jahre wurde hier ein kleines Sommerskigebiet betrieben. Eine Ausnahme: Die meisten spektakulären Routen in diesen Bergen verdanken Biker kriegerischen Auseinandersetzungen.

Ein weiterer Leckerbissen militärischen Ursprungs ist die Assietta-Grenzkammstraße. Vom Colle delle Finestre aus nehmen wir die höher gelegene Schotterpiste, die sich mit wunderbaren Tiefblicken direkt am Kamm entlangschlängelt. Über lange Kilometer führt die Strecke beeindruckend ausgesetzt über Trockenmauern, die wie an den Fels geklebt wirken. Dazwischen die Überreste von Militäranlagen. Tafeln auf Italienisch erläutern ihren einstigen Zweck. Zum Beispiel die „stazione eliografico“: Von dort wurde einst mit einem Lichtbrechungsapparat übers ganze Tal kommuniziert.

Die „Galleria di Saraceni“ hat nichts mit plündernden Arabern zu tun, obwohl sie nach ihnen benannt ist. „Vielleicht hat der Tunnel die Menschen an die Sarazenen erinnert. Gebaut wurde er aber von den Alpinis um 1930“, berichtet Sergio. 840 Meter lang ist der Stollengang und liegt auf der Militärstraße, die zum Forte Pramand und weiter hinauf zum Gipfel des Jafferau führt. In angenehmer Steigung führt die Schotterpiste bergauf. Ins Schwitzen geraten wir an diesem trockenen Südhang dennoch. Doch im Tunnel fühlen wir uns wie in einem Kühlschrank. „Achtung, es ist nass da drin. Eine Regenjacke lohnt sich“, hatte Sergio schon zuvor gewarnt. Obendrein ist es stockdunkel, kein Vergleich zu einem normalen Straßentunnel. Das Schwarz scheint die Strahlen unserer Lampen aufzufressen. Der alte Pfad außen um den Tunnel herum ist dennoch keine Alternative, denn der ist teilweise abgerutscht, eine Kletterpartie über die Felsen wäre lebensgefährlich.

Deutlich abgekühlt geht es weiter. Bergauf natürlich, und erst nach strammen
26 Kilometern erreichen wir den höchsten Punkt – die große Fortanlage des Monte Jafferau mit Panorama vom Feinsten. Die richtige Belohnung erwartet uns aber in Form der Abfahrt über den wilden Trail am Südosthang des Berges, wenngleich der ohnehin nur fußbreite Pfad an wenigen Stellen abgerutscht ist und uns zum Schieben zwingt. Uneingeschränktes Vergnügen bietet die Abfahrt ab dem Fort Foens: Den alten Karrenweg segeln wir freudig hinab bis zum Weiler Suppas. Hier sitzt eine ganze Partie italienischer Ausflügler vor ihren Wochenendhäusern und trinkt Rotwein. Sport ist ihre Sache nicht, wie wir schnell feststellen. Da freut es uns, dass sie umso interessierter die Berichte unserer Touren anhören. „Und wohin fahrt ihr morgen?“ wollen sie wissen. Morgen geht‘s nach Hause. Da müssen wir versprechen wiederzukommen. Und das machen wir doch gerne ...

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Autor: Verena Stitzinger

© MountainBIKE : Ausgabe 12, 11/2008, 2008

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