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Waal-Heimat
Hier lacht die Sonne und das Biker-Herz! Seine unzähligen Bewässerungspfade – Waalwege genannt – machen den Vinschgau zum besten Trailrevier der Alpen.
Acht Top-Touren im Vinschgau
- Infos, Routenbeschreibung und GPS-Daten zur Obervinschgau-Runde (Tour 1)
- Infos, Routenbeschreibung und GPS-Daten zur Pfaffenseen-Tour (Tour 2)
- Infos, Routenbeschreibung und GPS-Daten zur Matscher Raubritter-Tour (Tour 3)
- Infos, Routenbeschreibung und GPS-Daten zur Tour "Gustav Thöni" (Tour 4)
- Infos, Routenbeschreibung und GPS-Daten zu Tour "Laaser Sonnenberg" (Tour 5)
- Infos, Routenbeschreibung und GPS-Daten zur Tour am Morterer Leger (Tour 6)
- Infos, Routenbeschreibung und GPS-Daten zum Sundowner am Sonnenberg (Tour 7)
- Infos, Routenbeschreibung und GPS-Daten zur Tour um Kastelbell (Tour 8)
Wer in den Urlaub fährt, kann vor Ort immer wieder dieselbe Beobachtung machen: Irgendwie scheinen die Einheimischen selber nie so richtig wahrzunehmen, dass sie in einem Paradies leben. Da beginnt etwa fast jeder Tag des Jahres mit Sonnenschein – „ist hier ganz normal, nichts Besonderes“.
Wenn der Ferienort dann noch von den feinsten Trails umgeben ist, erwartet man als Mountainbiker absolute Begeisterung. Stattdessen: „Ja, schön ist‘s bei uns!“
Im Vinschgau ist das nicht anders: Den Vinschgern fällt es offenbar schwer, die magnetische Anziehungskraft richtig einzuschätzen, die ihre Heimat speziell auf Mountainbiker nördlich der Alpen ausübt.
Sein legendär warmes und trockenes Klima und sein schier unerschöpflicher Trailreichtum machen den Vinschgau einmalig unter den Bike-Revieren. Wo sonst im Gebirge beginnt die Bike-Saison Mitte März in der Windjacke, um Mitte Oktober im kurzen Trikot noch lange nicht zu Ende zu sein?
Wo sonst ließe sich ernsthaft behaupten, dass kilometerlange Singletrails auf Tour nicht die Ausnahme, sondern die Regel sind? Durch diesen Mix setzt sich der Vinschgau an die Spitze der Mountainbike-Reviere der Alpen und könnte sich auch international einen Platz in den Top Ten sichern.
Könnte, denn das Potenzial der Region ist noch bei weitem nicht ausgeschöpft. Offenbar braucht es den Blick nach draußen, um die einzigartigen Möglichkeiten zu erkennen, wie der Bikeguide Martin Gruber aus Goldrain bei Latsch entdeckt hat.
„Ich bin jetzt über 20 Jahre Mountainbiker. Aber ich musste erst an den Gardasee oder nach Tirol fahren, um zu verstehen, was wir hier haben!“ Krass verblockte Trails sind eine Seltenheit, Regen auf Tour die absolute Ausnahme. Stattdessen Flow pur auf butterweichen Wegen, natürliche Anlieger, schnelle Drops. Kurz: episches Soulriding auf Trails, die hier „Waalwege“ heißen und die man abgesurft sein muss, um zu verstehen, dass sie Diamanten für den Bikesport sind.
Aber ungeschliffene: In anderen Gegenden werden wie selbstverständlich offizielle Bike-Routen ausgewiesen und mit Wegweisern beschildert. Da stehen Tour-Informationen online, nicht selten gleich inklusive GPS-Tracks und Roadbooks.
Selbst vier Asse sind wertlos, wenn sie nicht ausgespielt werden. Diese Erkenntnis treibt Martin „Matze“ Gruber seither an. Er begann, den Hoteliers das Know-how zur Verfügung zu stellen, mit dem sie die Klientel der Biker umwerben konnten. „Da war viel Überzeugungsarbeit vonnöten“, erinnert sich Matze.
„Für manche Hoteliers waren Mountainbiker lange Zeit dubiose Gestalten, die mit ihren Bikes die Zimmer verdreckten.“ Als sich die bikenden Gäste zu häufen begannen und damit auch den zurückgehenden Wandertourismus kompensierten, folgte 2005 mit der Gründung der Bike-Schule VinschgauBIKE ein nächster Schritt.
Fünf geführte Trailtouren pro Woche, fixe Shuttle-Linien, ein Mountainbike-Testcenter, Techniktrainings und sogar eine „Sonnengarantie“ bietet VinschgauBIKE seitdem als Service-Leistung an. Nur seine Tour-Informationen und GPS-Daten hält Matze weiterhin unter Verschluss.
„Ich würde die Tracks sofort online stellen“, erklärt Matze seine Zurückhaltung. „Aber es braucht einen positiven Beschluss der Tourismus-Verantwortlichen, dass aus dem Vinschgau eine vollwertige Mountainbike-Region werden soll.“
Wer jetzt befürchtet, dass Biker im Vinschgau unerwünscht sind, liegt voll daneben. Es gibt hier viele bikerfreundliche Hotels, die ihren Gäste entweder Touren als GPS-Tracks auf die Geräte laden oder eigene GPS-Empfänger zur Verfügung stellen. Auch an Karten und Toureninfos kommt man heran, aber eben nur direkt im Hotel oder der Bike-Schule.
Trotz dieser Einschränkungen wissen Tourenfahrer dieses beschauliche und alles andere als überlaufene Revier bereits seit langem zu schätzen. Und wünschen sich, genau wie viele Einheimische, dass es so bleibt und der Vinschgau nicht zum Rummelplatz à la Ischgl im Winter mutiert.
Was passieren kann, wenn Wildwuchs auf gewachsene Strukturen und kulturelle Eigenarten trifft, lässt sich am Beispiel des Sonnenbergs oberhalb von Latsch ablesen. Man muss den Kopf schon reichlich weit in den Nacken legen, um den kleinen Flecken St. Martin im Kofel zu erspähen, der 1100 Meter oberhalb von Latsch am Hang klebt.
Der Ort thront über einer alpinen Steppenlandschaft, inmitten derer auf kleinen, bewässerten Oasen karge Landwirtschaft betrieben wird. Eine Seilbahn führt von Latsch hinauf bis St. Martin, und eine Handvoll Trailvarianten wieder ins Tal – für viele die „Einstiegsdroge“ in das Vinschger Trail-Paradies.
Wer nach einem heißen Ritt durch den Föhrenwald zum ersten Mal auf der Hochfläche der Annaberger Böden ausrollt, meint, die Tour sei praktisch zu Ende. Wenn aber just jener Novize feststellt, dass zwischen den 150 Höhenmetern zum Talgrund selbst bei schärferer Gangart noch eine halbe Stunde Singletrails liegen, ist er in Rekordzeit zum Vinschgau-Jünger mutiert.
Wer diesen Ritt hinter sich hat, will nur noch eines: rauf und gleich noch mal fahren. Doch die Seilbahn nimmt keine Mountainbikes mit. Mit dieser Ausnahme: „Matzes Sundowner Special“-Tour am Montag- und Freitagabend.
Nicht zeitgemäß? Gemessen an andernorts praktizierten Mountainbike-Konzeptionen, die etwa die komplette Ski-Infrastruktur für Mountainbiker zugänglich machen, sicher nicht. Fairerweise sollte man jedoch einrechnen, dass am Sonnenberg viel Porzellan zerschlagen wurde.
Von Mountainbikern, wohlgemerkt. Denn die unsägliche „Astronauten“-Episode hat im Vinschgau für Ernüchterung gesorgt und Bikesport-Skeptikern Argumente frei Haus geliefert. Dabei schien 2007 ein großer Stolperstein bereits aus dem Weg geräumt. Nach zähen Verhandlungen hatte die Landesregierung für sämtliche Wege Südtirols eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen.
Dies war eine der zentralen Forderungen des Südtiroler Bauernbundes gewesen. Verständlich, dass die Bergbauern nicht für Freizeitunfälle auf ihrem Grund und Boden zur Rechenschaft gezogen werden wollten. Der Weg zu einer Ausweisung offizieller Mountainbike-Strecken schien frei.
Der „Monte Sole“ wurde just in diesem Moment erstmals in einer großen europäischen Bike-Zeitschrift publiziert. Fakt ist: Kurze Zeit später fielen die „Astronauten“ am Sonnenberg ein.
Scharen von mit Fullface-Helmen und Protektoren bewaffneten Sternenkämpfern vom Planeten Freeride wurden anfangs als Exoten bestaunt, führten sich aber bald auf wie die sprichtwörtliche Axt im Walde. Und noch kürzere Zeit später waren die ansässigen Bergbauern auf der Palme und die Seilbahn für Biker gesperrt.
Wer mit offenen Augen über den Sonnenberg fährt, erkennt sofort, welch immenser Aufwand notwendig ist und welche Mühe es kostet, um in dieser alpinen Wüstenei Landwirtschaft zu betreiben.
Kann man es einem Bergbauern also verdenken, wenn er seine mühsam bewässerte Wiese nicht zur Four-Cross-Strecke missbraucht sehen will oder bei der Durchfahrung seines Hofes völlig zu Recht eine gewisse Rücksichtnahme erwartet?
Dass es die Verantwortlichen dennoch lediglich bei einer Sperrung der Seilbahn beließen, die Trails selbst aber offen blieben, lässt sich als „gelbe Karte“ werten. Schön auch zu wissen, dass die Vinschgauer zwischen verantwortungsvollen, naturbewussten Bikern und schwarzen Schafen, die nach dem Motto „Nach mir die Sintflut“ leben, zu unterscheiden wissen.
Das große MB-Testival im Oktober 2008 hat sicherlich zur positiven Grundhaltung beigetragen. Mit einer Ausnahmegenehmigung waren während des Testivals 150 Tourenbiker vier Tage lang auf den Sonnenberg-Trails unterwegs. Dass es dabei zu keinerlei Problemen kam, zeigt, dass die Interessen von Mountainbikern und Anwohnern durchaus unter einen Hut zu bringen sind. Auch in dieser Hinsicht hat Matze Gruber Pionierarbeit geleistet.
Dass dem „Soulriding“ à la Vinschgau die Zukunft gehört, steht außer Zweifel. Der Soulrider lechzt nach Trails und fährt an Orte, wo er sie findet. Und während man anderswo mit riesigem Aufwand Trails speziell für Biker anlegt bzw. mit schwerem Gerät anlegen muss, sind sie im Vinschgau quasi von Natur aus überreichlich vorhanden. Ein unbezahlbares Geschenk!
Indes mehren sich die Anzeichen, dass wieder alle an einem Ende des Strangs ziehen. Gemeindeübergreifend wird um ein Konzept für eine Mountainbike-Region gerungen, beschilderte Touren und eine Trailkarte stehen im Raum.
Doch auch ohne all diese Maßnahmen lässt es sich ganz wunderbar biken – nur Seilbahn-Freaks kommen eben nicht zum Zug. Zum Ausgleich gibt es die Vinschgerbahn: Die Bahnlinie sorgt dafür, dass Biker beliebig in Touren ein- oder aussteigen können. Und so erschließt sie ein einzigartiges und riesiges Trailrevier vom Reschenpass bis hinab nach Nauders.
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09.07.2009
© MountainBIKE
Autor: Ralf Glaser
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