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Spotguide: Monte Grappa
Der letzte Gipfel
Wie ein Âmonumentales Bollwerk thront der Monte Grappa über der Ebene von Venedig. Hier erwartet die Mountainbiker ein grandioses ÂTourenrevier – mit grausiger Vergangenheit.
Wie leicht uns Mountainbikern doch das Wort „Militärstraße“ über die Lippen kommt. Kein Wunder, erschließen diese doch meist in spektakulärem Zickzack raue Bergflanken, deren Durchquerung ohne sie ein bloßer Wunschtraum wäre! Kein Gedanke daran, dass der süße Bike-Spaß einst als bitterer Ernst konzipiert war. Und am Monte Grappa fiel der ganz schön blutig aus.
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Dieser Spätherbstmorgen ist wie geschaffen zum Trübsalblasen. Außer uns befindet sich keine Menschenseele auf dem Wanderparkplatz inmitten der Buchenwälder. Stattdessen wabert der dichte Nebel gespenstisch durch das Valle di San Liberale. Die kurze Abfahrt talauswärts gerät zum Blindflug und lässt uns frösteln.
Ein Glück, dass uns die elend steile Asphaltrampe hinauf zur Madonna del Covolo schnell auf andere Gedanken und die Körpersäfte in Wallung bringt. Auf dem Vorplatz der Kirche angekommen, zweifeln wir dann aber an der geistigen Gesundheit unseres Tourguides. „Da geht‘s rauf“, konstatiert Local Massimo Santarelli mit unverkennbar venezianischem Zungenschlag. Eine mit Felsen durchzogene, steile Bergflanke droht über unseren Köpfen.
Sie bietet den Stoff für eine perfekte Mountainbiker-Wette: Am Abend nach einer Tour ziehst du ein Foto der Direttissima am Monte Grappa aus der Tasche und behauptest, du könntest dort mit dem Bike hochfahren. Und zwar tutto completo im Sattel. Kaum ein Mountainbiker würde einen Cent auf dich setzen. Jedoch: Ein Paar gute Beine und die nötige Technik vorausgesetzt, wäre die Wette praktisch im Sack. Denn die „Mulattiera del Covolo“ zieht mit vielen haarscharfen Kehren hinauf – zwar mit grobem Geröll gespickt, aber doch als gleichmäßig angenehmer Zehnprozenter.
Als wir die Waldgrenze erreichen, gibt sich der Nebel geschlagen. Auf einmal stehen wir an der Küste eines träge wogenden Wolkenmeeres, über dem sich ein strahlend blauer Herbsthimmel spannt. Uns wird klar, wem wir diesen Spaß zu verdanken haben: Oben auf dem Gipfelgrat leuchtet in gleißendem Weiß das „Santuario“ des Monte Grappa – eines der größten Kriegerdenkmäler der Welt. Die Nekropole hat ein Ausmaß von gut 500 Metern, gebaut wurde diese Stadt der Toten 1935 aus dem feinsten Carraramarmor. Die architektonische Feder Mussolinis ist unverkennbar. Ein monumentaler Bau, durch und durch faschistoid. Aber auf seltsame Weise der Tragödie angemessen, die sich auf diesem Berg abgespielt hat.
Anfang November 1917 stand Italien haarscharf davor, im Ersten Weltkrieg als Verlierer unterzugehen. An der Südostfront hatten die Truppen Österreich-Ungarns am Isonzo in Slowenien den Durchbruch erreicht. Die italienischen Soldaten flüchteten und gaben aus Furcht vor einer Umgehung im Rücken auch die zuvor hart umkämpfte Dolomitenfront auf. Die Offensive der Österreicher wurde erst am Fluss Piave durch den massiven Artillerieeinsatz aus den verbunkerten Stellungen vom Gipfel des Monte Grappa gestoppt.
Damit war klar, dass dieser riesige Klotz eine zentrale Rolle in der Endphase des Ersten Weltkriegs einnehmen sollte. Der Grappa war der letzte Gipfel der Alpen vor der venezianischen Tiefebene – der letzte Gipfel, den die Italiener noch hielten. Fiele er, wäre eine Besetzung ganz Norditaliens durch die Österreicher nicht mehr zu verhindern. Da dies beiden Seiten bewusst war, wurde erbittert gekämpft. Ähnlich wie im französischen Verdun. Letztendlich unterlag Österreich-Ungarn. Der Monte Grappa wurde zum Mythos.
90 Jahre intensiver Almwirtschaft haben die Spuren dieser Tragödie weitgehend verdeckt. Aber wer beim Biken ein wenig genauer hinsieht, dem fallen unweigerlich Gräben auf, die einst sicher nicht der Entwässerung dienten. Dazu Hänge mit Golfballmustern aus flachen Trichtern, Schützenlöcher im Fels an den Seiten der Maultierpfade – und über alledem thront unübersehbar das Mahnmal für zigtausende Tote, die hier oben zu beklagen waren – 12 600 sind dort oben begraben. Zurück blieben auch die Militärrouten. Ein riesiges System aus Schotterstraßen, Maultierpfaden und Trails, das den gesamten Berg überzieht wie ein riesiges Spinnennetz und wenige Biker-Träume unerfüllt lässt.
Wir verbringen eine ausgiebige Panoramarast mit dem vergeblichen Versuch, die Dolomitengipfel zu zählen, die sich gen Norden hin unwirklich klar aus dem Nebelmeer erheben. „Zwei kleine Gegenanstiege gibt es noch“, kündigt Massimo an. „Aber von zwölf Kilometern abwärts sind gerade mal die letzten 400 Meter geteert.“ Der Rest der Strecke bietet alle Zutaten für einen erstklassigen Bike-Rausch.
Finale furioso
Gleichmäßig zieht ein gepflasterter Weg vom Rifugio abwärts. Eine Tragepassage führt zu einem System aus Singletrails, das sich trickreich an beiden Seiten eines Grates entlangschlängelt. Dann eine Spitzkehre und ein reifenbreiter Pfad durch eine steile Wiesenflanke, gefolgt von einer Vollgasorgie über einen breiten Schotterweg. Im Anschluss ist noch mal körperlicher Einsatz gefragt: Der Trail quert eine senkrechte Felswand von gut 400 Metern Höhe. Das Nebelmeer, an dessen Grenze wir nun haarscharf balancieren, kann die Respekt einflößende Ausgesetztheit nur wenig dämpfen. Kilometerweit geht es am oberen Rand des Val di Lastègo entlang, unter uns ein gigantisches Amphitheater.
An der lieblichen Malga Vedetta biegen wir rechts ab und genießen das „Finale furioso“ dieser Traumtour. Die Einheimischen nennen die Strecke „Salto della capra“, den Ziegensprung. Nur wenig breiter als ein Freeride-Reifen mäandert eine Pfadspur durch eine steile Bergflanke. Ein flowiger Trail wie aus dem Bilderbuch mit weiten Kurvenradien, durch die man es so richtig laufen lassen kann. Als der Weg im Wald verschwindet, wird es schwieriger. Aber dem Spaß auf diesem Sinkflug von mehr als 900 Höhenmetern tut das keinerlei Abbruch. Wir sind uns einig: Der Krieg, für den diese Wege gebaut wurden, war grausam – für uns Biker sind die Trails allerdings ein grandioses Geschenk.



