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La Thuile: Tourenspot mit Mont-Blanc-Blick

Sommer vorm Balkon

Eisiges Vergnügen mitten im Sommer! Nirgendwo in den Alpen kommen Mountainbiker der Gletscherwelt so nahe wie in La Thuile im italienischen Aostatal.


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Da steht er und leuchtet. Atemberaubend strahlt der mächtige Gletscher im sanften Licht des sonnigen Vormittags. Na, da bedanken wir uns doch für diese Premium-Audienz bei König Mont Blanc. Geschenkt gibt’s die natürlich nicht: Wer den 4810 Meter hohen Monarchen aus dieser Perspektive genießen will, muss hoch hinauf übers italienische Aostatal, etwa zum Colle della Croce.

Das kostet zwar nicht zu knapp Muskelkraft und Schweiß, doch bei dieser Tour hat uns sogar das Bergauftreten richtig Spaß gemacht! Denn die Route scheint wie geschaffen für Mountainbiker. Vom Örtchen La Thuile geht es zum Einrollen erst mal acht Kilometer und 500 Höhenmeter gemächlich auf Asphalt bergauf, und nach einer Schotterpisten-Episode durch Lärchenwald wartet ein Trail vom Feinsten.

Gerade einmal schulterbreit windet sich ein alter Militärweg am Hang entlang. Erst stöhne ich noch, und sogar Markus befürchtet: „Oje, das werden wir ja wohl nicht alles schieben müssen?“ Schließlich sind es laut Karte noch rund 400 Höhenmeter bis zur Passhöhe. Doch schnell weicht die Sorge: Alles fahrbar! Der Pfad ist zwar schmal, steigt aber so angenehm bergan, dass wir fröhlich pustend im Sattel bleiben.

Der einzige Nachteil: Zum Schauen bleibt keine Zeit, der ausgesetzte Weg fordert volle Konzentration. Pausen werden so im Doppelsinne lohnend: Verschnaufen und Panorama genießen. Schließlich eröffnet der Steig Ausblicke auf hunderte Gipfel, viele davon mit Hauben aus Eis und Schnee. Einer davon liegt im Osten: das Matterhorn!

Viel näher liegt der Lac d´Arpy unterhalb. Weil Wochenende ist, wandern Heerscharen von italienischen Familien dorthin zum Picknick. Wie in einer Modelleisenbahn-Landschaft sieht ihr Treiben aus. Oben, auf unserem Pfad, herrscht zum Glück absolute Stille.

Also weiter, dem Ziel entgegen. Doch ein Felssturz versperrt den Weg. Wir tragen die Bikes darüber hinweg und erreichen bald die Passhöhe, die den Blick freigibt auf die berühmten Bergriesen: die Aiguilles des Glaciers, den Dent du Géant und ganz rechts die Grandes Jorasses. Dazwischen und mit über 4800 Metern alle überragend der Mont Blanc. Oder auf Italienisch: Monte Bianco.

Mit der Sprache ist das hier im Aostatal nicht so einfach. Rein rechtlich gehört es zu Italien, zweite offizielle Amtssprache ist aber Französisch. Dies liegt in der interessanten Geschichte dieser Region mit ihren vielen wichtigen Alpenübergängen zwischen Genfer See und Turin begründet.

Dieser Zwischendrin-Status hat die Suche nach einer eigenen Identität gefördert, und so entstammt das Streben nach Autonomie im Aostatal einer langen Tradition. Einst war es bevölkert vom Stamm der Salasser, die sich wie alle Kelten durch ihre tiefe Abneigung gegen zentralisierte Macht und militärische Organisation auszeichneten.

Dennoch konnten die Römer, die im zweiten Jahrhundert ganz Europa unterjocht hatten, bestimmte Alpenpässe lange nicht unter ihre Kontrolle bringen. So ergab sich eine groteske Situation: Mitten im Römischen Reich, das sich von England bis Afrika erstreckte, hielten in diesen Tälern unbesiegte Alpenvölker die Stellung.

24. v. Chr. unterlagen die Salasser zwar der Übermacht und wurden versklavt, auf lange Sicht jedoch blieb das Aostatal autonom: 1191 wurden von den Savoyern in der „Carta delle Franchezze“ äußerst liberal die Selbstverwaltungsrechte besiegelt. Lange gehörte das Aostatal zum französischen Kulturbereich. Das endete erst im Jahr 1860 mit der Gründung des Königreichs Italien.

Die Savoyerkönige übereigneten Teile ihres Stammlands an Frankreich. Und die Menschen im Aostatal wurden die einzige Französisch sprechende Bevölkerungsgruppe in Italien. Kein Wunder, dass das „valdostanische“ Französisch etwas gewöhnungsbedürftig klingt. Im Kulturreiseführer wird es als „lokale Variante des Vulgärlateins, versetzt mit Einflüssen des Altprovenzalischen und der französischen Hochsprache“ geführt.

Die Wegbeschreibung des Hirten haben wir trotzdem verstanden. Nach einer kurzen Pause im Windschatten der alten Fortanlagen auf dem Colle della Croce geht es hinab. Auf einem Trail zum Jubeln! Die Serpentinen sind allerdings ganz schön eng. Markus setzt das Hinterrad in der Luft um und summt das Lied von den „Good Times“ dazu.

Mit fahrtechnischem Geschick und voll konzentriert sind die steilen Kurven aber auch fast alle mit beiden Rädern am Boden zu meistern. Tatsache, hier lassen sich die guten Zeiten im Leben finden. Vielleicht sogar die besten.

700 Höhenmeter tiefer treffen wir wieder auf das Pass-Sträßchen. Genau zur richtigen Zeit für einen Cappuccino in einem der bunten Liegestühle vor dem Hotel im Weiler Théraz. „Straße fahren wir nicht!“ gibt Markus die Devise für das letzte Stück der Reise aus. Und so runden wir die Tour noch mit einem diffizilen Karrenweg hinab nach La Thuile ab.

Zur Belohnung wartet zum Abendessen eine Pizza – und noch ein paar Tage Mountainbiken rund um den Skiort La Thuile. Die Lifte dort laufen auch im Sommer, und offensichtlich haben die Italiener keinerlei Berührungsängste mit Seilbahnen. Viele Wanderer nutzen die mechanischen Aufstiegshilfen. Vor kurzer Zeit wurden auch Strecken eigens für Höhenmeter-müde Moun­tainbiker präpariert und ausgeschildert.

Aber auch sonst bemühen sich die Touristiker hier um die Radler: Auf beiden Seiten der Grenze ließen sie insgesamt 220 Kilometer Mountainbikerouten ausweisen. Eine beeindruckende Zahl. Dennoch haben wir jede Tour etwas ausgebaut, denn erfahrene Moun­tainbiker sind mit den Vorschlägen tendenziell eher unterfordert.

Das Lift-Angebot betrachten wir zunächst vorsichtig – bei einem Espresso in der Sonne an der Talstation. Doch unsere Zweifel sind schnell ausgeräumt: Die Strecken sind alles andere als überlaufen. Die verstreuten Radler in der Bahn bilden eine interesante Mischung aus Downhillern mit Protektoren und Vollvisierhelmen und Tourenfahrern in engen Trägerhosen.

Es dauert nicht lang, da haben wir einen neuen Freund: Fausto Ferrari mit seinem – wie passend – feuerroten Carbon-Fully. Er freut sich wie ein Grundschüler, dass er uns seine Lieblingsabfahrt nach La Joux hinab zeigen darf. „Tutto fattibile“, schwärmt er. Und Markus bestätigt nach einer Weile: „Wirklich alles fahrbar. Auch die steilen Serpentinen im Wald.“

Da grinst Fausto übers ganze Gesicht. Stolz ist er, der Geschäftsmann aus Mailand mit dem Wochenendhäuschen in La Thuile, dass die Mountainbiker aus Deutschland seine Strecke mögen. Und wir freuen uns darüber zu sehen, wie ein seriöser Mann Mitte fünfzig zum Buben mutiert. „Was für ein schönes Spiel ist doch Mountainbiken“, sagt Markus und versucht, es radebrechend ins Italienische zu übersetzen. Fausto versteht ihn trotzdem und freut sich umso mehr.

Am nächsten Tag stehen wir wieder an der Talstation. Unbeschwert segeln wir bis auf 2320 Meter hinauf, genießen schon aus dem Doppelsessellift den Blick auf den mächtigen Gletscher des Rutor. Mit der Unbeschwertheit ist es zumindest bei mir leicht vorbei, denn der gepflasterte Weg zum Kleinen Sankt Bernhard, vor allem das letzte Stück hinab zur Passstraße und zum Hospiz fordert all meinen Mut.

Der Heilige Bernhard gründete das Hospiz im 11. Jahrhundert. Danach diente es den Pilgern als Herberge. 1897 folgte dann der Botanische Garten in unmittelbarer Umgebung auf Initiative des Abts Chanoux. Rund 1000 verschiedene alpine Pflanzenarten sind dort heute zu sehen.

Doch die Geschichte des Kleinen St. Bernhard reicht noch viel weiter zurück. Das älteste Zeugnis ist ein Steinkreis mit 72 Metern Durchmesser aus der Bronzezeit. Auch die Römer hinterließen ihre Spuren: zwei Gebäudereste und eine Stele zu Ehren Jupiters. Die soll der Legende nach St. Bernhard zerschlagen haben – heute steht dort eine Statue, die den christlichen Heiligen darstellt.

Die Figur blickt in Richtung des Mont Blanc und erinnert uns an unsere Pläne für morgen: Da wollen wir durch das Vallon des Chavannes hinüber ins Val Veny, zum berühmten Glacier des Miages. Immer unterwegs eben, wie es sich gehört für Reisende und Biker.

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Autor: Verena Stitzinger

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