Gardasee-Umrundung in sechs Tagen

Giro del Garda

Der Reiz des Gardasees liegt in seinen herben Gegensätzen. Diese neue, sechstägige Rundtour ­zwischen schroffem Charme und mediterranem Flair macht ­erneut klar, warum der Lago für viele der Inbegriff des Bikens ist.


Touren um den Gardasee 2 Biker
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Atemberaubende Blicke in die Tiefe sind bei der Gardasee-Umrundung garantiert.
Foto: Achim Zahn

Michaela hat ein gespaltenes Verhältnis zum Lago. „Schon wieder zum Gardasee“, protestiert meine Freundin mit Nachdruck. „Da ist es immer dermaßen steil – und jetzt willst du auch noch sechs Tage außen rum fahren? Ohne mich! So eine schwere Tour hab’ ich noch nie gemacht!“ Michaela hat schon diverse Alpenüberquerungen auf dem Konto, ist eine erfahrene Bikerin. Aber der Lago ist einfach nicht ihr bevorzugtes Terrain.

In sechs Tagen um den Lago

Infos und GPS-Daten zur Gardasee-Umrundung

Im Grunde kann ich sie ja verstehen. Verteufelt steil und oft elend steinig bauen sich die Schotterwege vor Bikers Augen auf, und dazu brennt dir die Sonne auf den Pelz. Aber der Gardasee kann auch anders: Er bietet einsame Winkel, in denen das Zusammenspiel der Naturelemente Bilder ins Gedächtnis brennt und bleibende Erinnerungen schafft.

Die Hauptrouten am Gardasee sind gut frequentiert. Danach aber erwartet Biker die perfekte Einsamkeit.
Foto: Achim Zahn

Die Faszination des Gardasee liegt in seinen herben Gegensätzen. Das zeigt schon seine Lage auf der Nahtstelle zwischen schroffem Norden und südlichem Flair. Während der Umrundung des Sees und seiner angrenzenden Gebirgsketten wird das besonders deutlich. Und diese Aussicht reizt schließlich auch Michaela. Wir starten in Riva.

Schnell lassen wir die westliche Uferstraße „Gardesana Occidentale“ hinter uns, die sich durch 70 Tunnels, über 50 Brücken und unzählige Kurven bis in den Dunst der Tiefebene hinausschlängelt. Denn nur ein Stockwerk weiter oben, entlang der ehemaligen Grenze zwischen dem Kaiserreich Österreich-Ungarn und dem Königreich Italien, locken die schönsten Trails in paradiesischer Ruhe.

Doch dem war nicht immer so. Auf den Straßen über den Monte Tremalzo und den Monte Caplone rollte im Gebirgskrieg der Nachschub für die Front. Fast 2000 Meter misst der Höhenunterschied vom Seeniveau bis auf das Rückgrat des „Alto Garda“. Um diese mit allem Material überwinden zu können, wurden spektakuläre Trassen in den Fels gemeißelt.

Schon der Blick von Pregásina zurück auf die zahlreichen Kehren, über die wir hinaufgekurbelt sind, bleibt unvergesslich. In der Gardadüse zeichnen sich scharf die Segel der Surfer ab, bevor die Seespitze mit der Sarca-Mündung und der Muschel des Monte Brione darüber langsam im Dunst verschwindet. Alles scheint zu verschwimmen, auch der Horizont.

Das ist einer dieser Momente, die den Lago für mich so einzigartig machen. Dieser Blick, und dann dieses Abenteuergelände auf faszinierenden Trails. Oft verschlungen, mal an der Hangkante, mal an steilen Felswänden entlang. Garstige Rampen wechseln mit beschaulichen Geraden, eckige Serpentinen mit flüssigen Kurvenfolgen, bockiges Geröll mit festem Sand.

Michaela kann diesen Genuss gerade nicht nachvollziehen. Während wir uns die erste steile Rampe der Ronda hinauf zum Passo Rocchetta kämpfen, wird ihr Gesicht rot wie eine Tomate. Ist es bloß die Anstrengung oder blanke Wut? Der Lago jedenfalls liegt uns bald zu Füßen.

Die sechstägige Seeumrundung führt hautnah an den Gebirgskrieg heran.
Foto: Achim Zahn

Nach der Stärkung in der Alpini-Hütte oberhalb des Passo Nota kurbeln wir auf der legendären Tremalzo-Straße Kehre um Kehre zum Scheiteltunnel hinauf. Touren-Guru Elmar Moser nennt das helle Schotterband die Schlagader des Alto Garda. Es scheint, als wollten alle ihr Pulsieren spüren. Tourenbiker, Freerider und Marathonis­ti suchen die Ideallinie. Doch nur eine Stunde später sind wir alleine.

Gottverlassen wirkt das Val di Campo unter dem Monte Caplone. Der alte Kriegsweg scheint direkt in den Abgrund zu führen. Doch dann macht die Trasse gerade noch einen Knick, und es öffnet sich ein in den Fels gehauener Tunnel. Durch einen gro­ßen Spalt in der Decke fällt Licht auf die Fahrbahn. Erst spät abends steigen wir bei einer kleinen Ansammlung von Häusern mit eigenartigen Strohdächern vom Rad. „Sonst schon, nur heute muss ich zum Doktor“, entgegnet mir die nette Signora vom Albergo Cima Rest auf meine Frage nach einem Bett. Doch auch der Padrone vom Rifugio Alpino lo Scoiattolo 100 Meter weiter oben kocht eine feine Pasta. Heute Abend ist das unser beider Rettung.

Am Morgen des zweiten Tages weisen uns uralte Grenzsteine der vergangenen Donaumonarchie den Weg am Torrente Droanello entlang zum krakenförmigen Stausee Lago Valvestino. Die Uferstraße besteht nur aus Kurven. Wir donnern in höchster Schräglage über den Asphalt, bis die schnelle Fahrt am Fuße des Monte Pizzócolo abrupt endet. Unten springen wir zuerst in die Badegumpen des gurgelnden Torrente Toscolano. Die Erfrischung tut gut, denn nun zieht ein steiler Forstweg zum Passo Spino hoch, von dem ein steiniger Weg zum Gipfelkreuz abzweigt.

Oben lockt eine berühmte Aussichtskanzel mit einer Sicht, die vom Apennin bis zum Monte Rosa hinüberreicht. Doch daraus wird heute nichts. Beängstigend schnell schiebt sich eine schwarze Wolkenbank heran. Wir müssen runter. In dieser exponierten Lage brechen Gewitter besonders heftig herein. Heute ging es gut. Ohne nass zu werden, erwischen wir die Fähre nach Torri del Benaco, dem Ziel der zweiten Tagesetappe.

Der Sentiero della Pace führt auf dem ehemaligen Frontverlauf des Ersten Weltkrieges entlang.
Foto: Achim Zahn

Die dunkle seite des Gardasees

Tag drei: Seit wir heute Morgen aus dem Etschtal heraufgekommen sind, rollen die Reifen ausschließlich über Naturboden – 60 Kilometer am Stück, eigentlich Bikers Traum. Doch die Sonne scheint uns gnadenlos auf den Kopf. Und auf der Hochfläche der Monti Lessini werfen nur vereinzelte Sträucher und verkrüppelte Steineichen Schatten.

Weiter drüben in den „Piccole Dolomiti“ ragen Felstürme aus einer horizontalen Einöde, in der die Cima Carega mit ihren 2259 Metern Höhe den höchsten Punkt unserer Tour markiert. Eine wildromantische Landschaft mit einem Schuss Karl May. Doch als wir am Abend völlig ausgedörrt in unserem Quartier am Passo Pertica ankommen, sind wir fertig mit der Welt und fallen scheintot ins Bett.

Der vierte Tag beschert uns die große Schleife über den Monte Pasubio. Die weiten Militärstraßen dort oben bieten optimales Bike-Gelände. Und doch herrscht hier immer eine irgendwie bedrückende Stimmung. Der Sentiero della Pace schlängelt sich 30 Kilometer weit über eine karstig-karge Hochfläche, die im Ersten Weltkrieg Schauplatz erbitterter Gefechte war. Der mit einer weißen Taube markierte Pfad orien­tiert sich am Verlauf der Gebirgsfront, an der sich die Österreicher und Italiener dreieinhalb Jahre gegenüberstanden.

Als Abschluss des Giro di Garda erteilen wir am letzten Tag auch dem Massiv des Monte Baldo unsere Referenz. Vom Gipfel des Altissimo di Nago sieht man aus 2000 Meter Höhe direkt auf die Hafenmole von Riva hinab, eine nicht enden wollende Abfahrt.

Unten im Hotel werden wir vom Herbergsvater – selbst ein passionierter Biker – freudestrahlend empfangen. „Seid ihr über das Forte di Naole zum Monte Baldo hochgefahren?“ Ich schüttele den Kopf. Schmunzelnd wirft er einen Seitenblick auf Michaela. „Ah, mit der Seilbahn. Natürlich. Dort oben gibt es Trails vom Feinsten“. „No, no, Signore, via Piccole Dolomiti e Pasubio”, kontert meine Freundin und zeigt einem verdutzten Hauswirt die kalte Schulter.

Ich stutze, denn ihr Gesicht zeigt deutliche Züge von Zufriedenheit und Stolz. „Schau mal, da oben waren wir“, meint Michaela schließlich beim Blick von der Terrasse auf den Monte Baldo. Und während die letzten Sonnenstrahlen hinter einem Felsbauch verschwinden, beginnen ihre Augen zu funkeln. Es ist ein Blick, der sagt: „Ich komme wieder!“ Klare Sache, denke ich mir: „Der Gardasee-Virus hat einmal mehr voll zugeschlagen.“

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Autor: Achim Zahn

© MountainBIKE : Ausgabe 05/2008

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