Sauerland: Die acht schönsten Touren - mit GPS-Daten

Land der tausend Berge

Im Sauerland erwartet Trailfans ein riesiges Wegenetz. Kein Wunder, dass sich diese Region mitten in Deutschland zur Biker-Hochburg entwickelt hat.

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Sauerland Foto: Manfred Stromberg
Sauerland - Achthunderter Foto: Manfred Stromberg
Sauerland - Wälder Foto: Manfred Stromberg

Acht Top-Touren im Sauerland:

Kyrill hatte für Mountainbiker durchaus auch positive Seiten. So wie hier etwa: Mit pumpenden Lungenflügeln stehen wir auf dem Hohen Eimberg bei Willingen und blicken über das unverstellte Panorama der Sauerländer Hügellandschaft – vor zwei Jahren stand hier noch dichter Wald.

Auch unterwegs treffen Biker immer wieder auf Lichtungen, die zuvor keine waren, auf denen der Orkan regelrechte, inzwischen geräumte Schlachtfelder hinterlassen hat. Oder auf breite Schneisen, welche die monströsen Waldarbeiterfahrzeuge bei den Aufräumarbeiten geschlagen haben. Wenn die Natur auch beginnt, die Wunden zu schließen, so bleiben die Folgen des Jahrhundertsturms vom Januar 2007 allgegenwärtig. Doch eines hat Kyrill nicht geschafft: Es gibt hier nach wie vor zahllose Toptrails, die sich zu spannenden Touren verknüpfen lassen.

Die Bike-Arena Sauerland lockt Biker mit einem der größten ausgewiesenen Wegenetze Deutschlands. 1700 Streckenkilometer und 34 000 Höhenmeter sprechen für sich. Der Clou an der Sache: Die beliebte Urlaubsregion liegt nur wenige Autostunden von den großen Städten im Rheinland und Ruhrgebiet entfernt. Sogar die Nachbarn aus den Beneluxländern pilgern scharenweise in das beliebte Mittelgebirge.

Dabei umfasst das Terrain der Bike-Arena 20 Gemeinden und Städte, die Mountainbikern eine hervorragende Infrastruktur bieten. Bike-freundliche Gastronomie- und Hotelbetriebe gehören in der Region zum guten Ton. Und astrein ausgeschilderte Bike-Routen sowieso.

Wegenetze haben ihre Vorteile, aber auch Nachteile. Während Genussbiker und Forstwegbolzer ihre ungetrübte Freude an den ausgeschilderten Strecken haben, hagelt es bei Singletrailfans Kritik. Doch der Singletrailanteil der Touren lässt sich fast schon beliebig steigern, GPS-Gerät oder aber gute Roadbooks vorausgesetzt. So wie bei unserer heutigen Tour: Nach einigen Kilometern über den welligen Eimbergkamm auf super flowigen Naturtrails sind wir fast froh, mal wieder auf eine Forststraße zu treffen.

Ständiges Auf und Ab ist typisch für die Topographie des „Landes der tausend Hügel“. Die von Misch- und Nadelwäldern geprägte Mittelgebirgslandschaft kommt auf 2711 Erhebungen über 400 Meter. Perfekte Bedingungen also, um sich auf Etappenrennen oder Alpenüberquerungen vorzubereiten.

„Zehn mal 100 gibt auch 1000 Höhenmeter. Aber so verteilt kosten sie viel mehr Kraft als an einem Stück!“ Unser Guide Thomas Schlecking weiß genau, was Höhenmetersammler im Sauerland erwartet. Schließlich sind die Hügel im direkten Einzugsgebiet von Willingen das Heimatrevier des passionierten 24-Stunden-Racers. Dank des schnellen Wechsels zwischen knackigen Abfahrten und giftig steilen Anstiegen hat der ehemalige MB-Redakteur hier schon so manchen persönlichen Höhenmeter-Rekord aufgestellt. „Fürs Intervalltraining ist das Sauerland eben das ideale Revier.“

Wie ein schillerndes Kleinod schimmert der Diemelsee durch die Bäume. Es ist ein schöner Sommertag, und doch ist kaum ein Mensch am Ufer zu sehen. „Drüben auf dem Willinger Ettelsberg feiern die Downhiller gerade Party. Gut, dass es hier so schön ruhig ist“, freut sich mein Kumpel Till über die Idylle des südlich von Brilon im tiefen Wald gelegenen Stausees. Unsere Route verbindet die drei größten Hochheiden des Hochsauerlands und verwöhnt Biker mit tollen Panoramen. Im Spätsommer verwandelt die Blüte die Hochheiden in ein Farbenmeer.

Markante Krüppelkiefern mit vom Wind zerzausten Ästen wechseln sich ab mit Teppichen von Wacholder-, Heidel- und Preiselbeeren. Die größte zusammenhängende Hochfläche bildet das Uplandplateau und die Niedersfelder Hochheide. Fahrtechnik-Freaks erwarten hier zig Kilometer an naturbelassenen Pfaden mit spannenden Trail-Passagen und engen Hohlwegen. Zu unserer Freude präsentiert sich das Plateau die meiste Zeit menschenleer.

Auf dem langen Anstieg zum Gipfel des St. Muffert treffen wir wieder auf einen beschilderten Wegabschnitt der Bike-Arena – dank der ausgewiesenen und beschilderten Routen kann man die Karte getrost im Rucksack lassen. Wer ein GPS-Gerät besitzt, lädt sich die Touren auf der Internetseite der Bike-Arena herunter und kann selbst die Wegweiser ignorieren.

Viele der Bike-Hotelbetreiber haben die Zeichen der Zeit erkannt und verleihen die nützlichen Biker-Navis unentgeltlich an ihre Kunden. Das Sauerland-Urgestein Albrecht Saßmannshausen ist von den Möglichkeiten dieser technischen Errungenschaft begeistert: „Die GPS-Geräte sind genial – mit ihnen können wir Locals die ausgeschilderten Routen der Bike-Arena perfekt mit unseren aktuellsten Trail-Touren ergänzen!“ Unkenrufen, im Sauerland gebe es zu wenige Singletrails, ist damit jedenfalls die Grundlage entzogen.

Im wahrsten Sinne des Wortes, denn der wurzelige Untergrund sorgt für Abwechslung und fahrtechnische Herausforderungen zur Genüge. Diese Aussicht begeistert auch mich. „Dem Himmel sei Dank!“ denke ich bei mir und folge dem Track auf dem GPS-Display hin zur dritten flowigen Abfahrt der Tour. Für den bekennenden Singletrail-Jünger Thomas Schlecking ist das ganz normal. Er findet die Trails in den dichten Wäldern rund um Willingen auch ohne GPS: „Wer will, der kommt bei den hiesigen Touren locker auf einen Trail-Anteil von 40 Prozent.“

Die ersten Wanderer an diesem ruhigen Spätsommertag treffen wir erst auf dem nächsten Gipfel. Eine gut gelaunte Rentnertruppe bestaunt wortreich unsere Bikes und Ausrüstung. Die kurze Begegnung ist typisch für das problemlose Miteinander zwischen Wanderfreunden und Geländeradlern: „Schwierigkeiten mit Wanderern haben wir eigentlich nie – die Streckenauswahl der Bike-Arena entzerrt den Tourismus auf den beliebten Routen und umgeht oft gezielt die typischen Wanderwege“, berichtet der erfahrene Touren-Guide Albrecht Saßmannshausen über seine Erfahrungen mit anderen erholungssuchenden Waldnutzern.

Dass sich hier niemand ins Gehege kommt, verdankt die Region auch dem Umstand, dass zwei große Bikeparks bereitstehen. Der enorm populäre Park in Winterberg wird jährlich ausgebaut und ist seit 2006 Austragungsort eines der größten Freeride-Events weltweit: Beim Dirtmasters Festival messen sich neben den Profis vor allem Hobby-Downhiller in verschiedenen Abfahrtsdisziplinen.

Dabei lockt insbesondere das vielfältige Streckenangebot Mountainbiker aus ganz Europa in den Vorzeigepark von Kurs-Design-Guru Diddie Schneider. Ob Downhill-Racer, Enduro- und Freeride-Fans oder sprungwütige Dirtbike-Fahrer – das Gelände in Winterberg macht alle Biker glücklich, die auf lange Federwege und auf Aufstiegshilfen stehen. „Lasst uns nachher in Willingen auf jeden Fall noch die Freeride-Strecke absurfen, die Gaudi sollten wir uns nicht entgehen lassen“, schlägt Hannes vor. Doch nicht nur für den passionierten Freerider ist der anfängerfreundliche Kurs ein besonderes Schmankerl.

Während es die Downhiller und Endurofreaks auf den deftigeren Strecken krachen lassen, finden in den Parks auch „Bike-Normalos“ beste Trainingsbedingungen vor: „Unter Anleitung können sich auch Tourenfahrer langsam an die Hindernisse herantasten. Dabei haben sie jede Menge Spaß und feilen gezielt an ihrer Fahrtechnik“, weiß MB-Fahrtechnikexperte Manfred Stromberg, der hier vor Ort seit Jahren in diversen Kursen Lernwillige betreut.

Was alles möglich ist, wenn man sein Bike perfekt beherrscht, das demonstriert die Szene der Downhiller, die sich hier eingenistet hat. Die schillernden Exoten sorgen auch dafür, dass in den Parks selbst der Bär steppt und in Willingen das Leben im Vergleich zu den Nachbarorten regelrecht pulsiert – trotz seiner überschaubaren Größe gibt‘s hier verdächtig viele Kneipen.

Einmal im Jahr verwandelt sich Willingen gar in den Nabel der Bike-Welt: Bis zu 30 000 Biker pilgern im Frühsommer in das Mountainbike-Mekka an der hessischen Landesgrenze, um zu feiern und Neuheiten auszuprobieren.

Im Rahmenprogramm des Bike-Festivals kämpfen die Racer auf der Marathonstrecke alljährlich um jede Sekunde. Die Racer-Szene geht jedoch mehr als nur einmal während der Saison im Sauerland an den Start: Die lokalen MTB-Vereine richten seit Jahren etablierte Marathonklassiker aus. Bei Rennen wie dem „Shark-Attack“ in Saalhausen oder beim „Sauerland-Marathon“ in Grafschaft wird den Startern nichts geschenkt.

Höhenmeter satt und giftige Anstiege haben dort schon so manchem seine persönlichen Grenzen aufgezeigt. Das dürfte auch der Grund sein, warum die Marathonrennen hier eine geradezu magnetische Anziehungskraft auf Zuschauer und Racer ausüben.

Wir aber genießen den Komfort der neuen Ettelsberg-Kabinenbahn und ziehen uns gleich mehrmals die Freeride-Strecke rein. Eine letzte Fahrt nach oben, ein letzter Blick in die zufriedenen Gesichter der Bikepark-Junkies.

Für uns geht‘s weiter in den letzten Anstieg in Richtung Ettelsberg-Gipfel. Oben angekommen, lassen wir die feierwütige Meute links liegen und lassen lieber unseren Blick noch mal über diese einmalige Landschaft mit ihren zahllosen Hügeln schweifen.

Dann mahnt Hannes zum Aufbruch, denn dieser Tourentag war lang und kräftezehrend. Doch als Hannes als Erster die flowige Abfahrt nach Willingen hinunterdonnert, scheinen alle Anstrengungen wie weggeblasen.

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08.01.2009
Autor: Marc Brodesser
© MOUNTAINBIKE
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