Allgäu-Cross: Alle Infos - plus Routenbeschreibung und GPS-Daten

Der wilde Südwesten

Ein Mountainbike-Abenteuer der besonderen Art – diese Drei-Tages-Tour vermittelt die ganze Faszination des Bikens.
Foto: www.immenstadt.de Allgäu-Cross

Drei-Tages-Trip der Extraklasse: Der Allgäu-Cross.

Ein Sonnenstrahl kämpft sich unverhofft durch die dicke Wolkendecke. Die Dinigörgenalpe ist mit einem Male in warmes Licht getaucht. Gleichzeitig branden die Tonströme von Kuhglocken in Wellen hinüber, sind nicht nur zu hören, sondern fast spürbar. Im Allgäu ist heute Almabtrieb. Wie jedes Jahr Mitte September treiben Hirten in Lederhosen und dicken Wolljankern gut 30 000 geschmückte Rinder von den hoch gelegenen Weiden ins Tal und übergeben sie ihren Besitzern.

Allgäu-Cross: In drei Tagen quer durch Oberallgäu, Vorarlberg und Bregenzer Wald

Andi lächelt. So liebt er seine Heimat. Andi Neuhauser wohnt in Kempten. Aber er ist auch Weltenbummler. Als einer der ersten war er nach der Öffnung für westliche Reisende im vom jahrzehntelangen Krieg zerstörten Kambodscha. Bis heute verbringt der Tourenguide jedes Jahr mehrere Wochen in dem Land, hat außerdem ein Faible für Asien, insbesondere Nepal und Burma entwickelt.

Einmal im Jahr jedoch führt er eine dreitägige Tour in seiner Heimat – eine Runde durchs Oberallgäu, Vorarlberg und den Bregenzer Wald. Am liebsten nimmt er Frauen mit auf die Rundreise. „Es dürfen aber auch Männer mit. Die bisher dabei waren, hatten viel Spaß“, da ist sich Andi ziemlich sicher.

Diesmal aber sind nur Frauen mit von der Partie: die drei Allgäuerinnen Sabine, Kathrin und Barbara sowie Hiltrud aus Frankfurt. Für alles haben die vier Mädels gesorgt: Der Urlaub ist genommen, der Babysitter engagiert, das Quartier reserviert. Doch pünktlich zum Allgäuer Alpabtrieb wartet dieser Herbst mit einem verfrühten Wintereinbruch auf, und das Thermometer spuckt nur noch einstellige Gradzahlen aus. Was tun? Weltenbummler Andi und die sportlichen Frauen sind sich schnell einig: „Aufgeben gleich zu Beginn? Kommt nicht in Frage!“

Tag eins ist eigentlich nur ein halber, die 22 Kilometer sind gut in drei Stunden zu schaffen. Start ist in Immenstadt, und der fällt recht gemütlich aus. Durch das idyllische Gunzesrieder Tal pedaliert die illus­tre Reisegruppe hinauf Richtung Hörnerkette. Die moderate Steigung ist ideal für einen Kennenlernplausch. Es dauert nicht lang, und die Juristin, die Architektin, die Wissenschaftlerin und die Friseurmeisterin finden gemeinsame Themen. Doch bald verstummen die Gespräche – es wird einfach immer steiler, und wenig später ist sogar Schieben angesagt.

Der Laune tut das keinen Abbruch. Keine Spur von Sich-beweisen-Müssen liegt in der Luft – eine Unsitte vieler von Männern dominierter Touren. Statt auf die Zähne zu beißen, steht allen ein Lächeln im Gesicht. Schade allerdings, dass sich auf dem Weiherkopf der spektakuläre Rundumblick über die Allgäuer Alpen hinter zähem Nebel versteckt.

Unaufhaltsam dringt feuchtkalte Luft durch alle Kleidungsschichten. Zum Glück ist bald das letzte Wegstück geschafft. Die Gruppe wärmt sich in der Stube des Berghaus Schwaben bei Bolsterlang, dem Etappenziel und ersten Übernachtungsort.

Nebel und tief hängende Wolken beschert auch der neue Tag. Wie zum Trost beginnt er aber mit der Fahrt auf einer schönen Pfadspur am Riedberger Horn. Nach dem Skigebiet Grasgehren taucht die Gruppe unter im touristischen Niemandsland. Ein Trail der wildesten Sorte führt dort hinab ins Rohrmoostal. „Lasst euch Zeit“, sagt Andi gelassen, „hier ist Schieben keine Schande.“ Schon bald rollt die Gruppe unter den Ästen mächtiger Ahornbäume über eine grüne, abgeweidete Wiese.

Auch im Rohrmoos treiben die Älpler im Festtagsgewand die Rinder gen Tal. Die uralte Holzkapelle, das Jagdhaus und der aufsteigende Bodennebel bilden eine Kulisse wie aus dem Bilderbuch. Noch ist aber nicht einmal die Hälfte dieser mit 50 Kilometern bei 1800 Höhenmetern recht happigen Tagesetappe geschafft. Über den Hörnlepass geht es ins Kleinwalsertal und von dort über das Söllereck Richtung Oberstdorf.

In der kleinen Hütte der Alpe Schrattenwang machen die fröstelnden Radlerinnen Mittagsrast. Hiltrud aus Frankfurt versteht zwar nicht, was der bärtige Mann mit Filzhut zu ihr sagt. Aber dafür hat sie ja ihre Allgäuer Bike-Kolleginnen. Eine kleine Übersetzungshilfe, und schon stehen selbst gemachter Käse, Kuchen und warme Suppe auf dem Tisch.

Nach Faistenoy, dem Talort der Fellhornbahn, führt die heutige Tour ein kleines Stück über die Strecke des Oberstdorfer Mountainbike-Marathons. Mit dem traditionsreichen Rennen ist der Name Andi Heckmair verknüpft. Er war vor rund 20 Jahren der erste, der sich auf einen Alpencross wagte. Der erste Übergang der Klassiker-Route von Oberstdorf an den Gardasee ist heute noch bei Bikern gefürchtet: Berüchtigt schmal und felsig führt der mit Leitern und Drahtseilen versicherte Pfad hinauf zum Schrofenpass.

„Was, da soll es durchgehen?“ fragt Barbara ungläubig, als Andi ihr im Grund des Rappenalbtals den Weiterweg beschreibt. Nur ein steiler, felsdurchsetzter Schrofenhang ist zu sehen. „Da bin ich mal froh, dass ich meine Brille nicht aufhabe“, kommentiert Hiltrud mit trockenem Humor. Längst hat sich die 55-jährige Flachlandtirolerin den Respekt der Allgäuerinnen verdient. Zwar hat die Frankfurterin keine Berge vor der Haustür, doch dafür radelt sie unbeirrt täglich und bei jedem Wetter 45 Minuten bis zu ihrem Salon.

Wie viel Kondition das bringt, haben ihre deutlich jüngeren Begleiterinnen schon zu spüren bekommen. Die Felsen geben der Hessin freilich zu denken. Doch nach einstündigem Kampf und mit gegenseitiger Hilfe stehen alle unversehrt auf der Passhöhe. Von dort führt ein ruppiger Trail hinab ins oberste Lechtal – und scheidet die Geister. Barbara erklärt, da sei ihr der gefürchtete Anstieg noch lieber gewesen. Andi dagegen liebt diesen Downhill – über Geschmack lässt sich eben nicht streiten.

Die kleine Walsersiedlung Lechleiten bei Warth am Arlberg, in der die Gruppe übernachtet hat, wirkt am nächsten Morgen wie ausgestorben. Kein Wunder, es hat null Grad – ein Glück, dass alle Skihandschuhe dabeihaben. „Mit der richtigen Ausrüstung macht Biken trotzdem Spaß“, lautet die Devise. Und tatsächlich ist die alte Salzstraße oberhalb des Hochtannbergpasses nach dem Warmradeln auch bei Kälte ein Erlebnis.

Nie zu schwierig, aber immer herausfordernd quert der Weg den Hang und eröffnet den Blick auf mächtige Berge: Der Widderstein, die Mohnenfluh und die Braunarlspitze blicken drohend herab. Wabernde Wolken, mit Schnee überzuckerte Gipfel und Moorwiesen säumen den Weg zum Salobersattel.

Im Bregenzer Wald werden die Berge runder, fast lieblich. Lang zieht sich die Auffahrt bis zum Stockbergsattel, dem letzten Passübergang der Tour. Danach lockt die urige Wirtschaft im Almdorf Schönenbach. Es ist ruhig hier, fast gespenstisch.

Von weit her schallen vereinzelte Rufe der Rinder aus dem Tal. Zuück nach Immenstadt sind es noch 50 Kilometer, doch die Gruppe hat es nicht eilig. Zwar vertreibt die Kälte bald auch die letzten Hartgesottenen – im Moment jedoch ist jeder Augenblick kostbar. Denn die Erinnerung an die Almabtrieb-Symphonie hält auch im längsten Winter warm.

06.02.2009
Autor: Verena Stitzinger
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 03/2009