Interview: Die Zukunft der Eurobike

Foto: EUROBIKE Friedrichshafen
Die Eurobike steht vor vielen Veränderungen. So wird es 2018 keinen Zuschauer-Tag mehr geben, außerdem findet die Messe schon Anfang Juli statt. Wie geht es weiter mit der größen Fahrradmesse der Welt? Wir haben mit dem Bereichsleiter Eurobike der Messe Friedrichshafen Stefan Reisinger über die Leitmesse gesprochen.

Immer mehr Hersteller bleiben der Messe fern, der traditionelle Termin Ende August ist auf Anfang Juli gerückt: In den letzten Jahren hat sich die Eurobike starkt gewandelt. Wie ändert sich die Messe in den kommenden Jahren? MOUNTAINBIKE klärt diese Fragen mit Stefan Reisinger im Interview.

MOUNTAINBIKE: Die EUROBIKE 2017 ist Geschichte. 2018 findet die Fahrrad-Leitmese erstmals Anfang Juli statt. Ein Termin, der einerseits von der Fahrradindustrie letztes Jahr gefordert wurde andererseits aber dieses Jahr auf der Messe von einigen auch kritisch betrachtet wurde. Welche Resonanz haben Sie von der Industrie auf der Messe erhalten?

Stefan Reisinger: Natürlich ist das ein Thema, das durchaus kontrovers diskutiert wurde – nicht nur auf der Messe, sondern auch schon im Vorfeld – und natürlich ist uns sehr bewusst, dass wir dafür nicht nur Beifall kriegen, sondern dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Das erleben wir bei jeder Entwicklung und Veränderung der Veranstaltung bis sie sich etabliert hat.

Was waren denn für Sie die Beweggründe, bereits im letzten Jahr die Entscheidung für den früheren Termin zu treffen?

Den frühen Termin haben wir deshalb angestrebt, weil wir gesehen haben, dass sukzessive viele große Marken eigene Veranstaltungen durchführten, die sich deutlich vor der EUROBIKE positioniert haben – Ordermessen, Händlermessen, Händler-Ordertage, Hausmessen – alle möglichen Formate sind dabei entstanden. Und all diese Formate führten letztendlich dazu, dass der Spannungsbogen um den Neuheitenwert, den die EUROBIKE viele Jahre hatte, ein wenig nachgelassen hat. Wir haben in den vergangenen Jahren gesehen, dass die eine oder andere große Marke in der Konsequenz als Aussteller und als Teilnehmer ausgestiegen ist und nur noch auf eigene Formate gesetzt hat. Und wir sind einfach der Meinung, dass wir weiterhin die wichtigste Plattform für das Fahrradbusiness aus globaler Sicht sind – und deshalb den Startschuss für eine neue Fahrradsaison setzen müssen. Und deswegen haben wir mit der Industrie zusammen die Entscheidung getroffen, den Termin auf Juli 2018 zu legen. Das haben wir im Übrigen ja nicht jetzt erst angekündigt, sondern schon vor einem Dreivierteljahr, weil wir natürlich auch wussten, dass das ein weitreichende Entscheidung ist und die Industrie sowie alle Marktteilnehmer ausreichend Zeit brauchen, um sich darauf einzustellen. Aber das Ziel des neuen Termins ist, dass wieder mehr von den großen Marken, von den großen Herstellern, die zuletzt nicht mehr bei uns waren, als Aussteller auf die Eurobike zurückkommen. Wir wollen damit auch weiterhin den Zeitpunkt besetzen können, zu dem sich die Branche zum ersten Mal umfassend orientiert und informiert, was im kommenden Jahr relevant wird.

Große Relevanz scheint die EUROBIKE ja nach wie vor zu haben. Schließlich haben ja alle großen Marken die Messe besucht – auch diejenigen, die selbst keinen Stand vor Ort hatten.

Das haben wir auch beobachtet – und zwar mit großer Mitarbeiterzahl. Aber wir müssen eben jetzt schauen, dass es wieder gute Argumente gibt, künftig auch tatsächlich wieder mit einer Standpräsenz auf der Messe zu sein.
Gibt es denn schon konkrete Anzeichen dafür, dass Hersteller nächstes Jahr wieder zurückkehren?

Wir sind da guter Dinge und haben auch viele Gespräche geführt, ohne dass ich jetzt schon konkret sagen kann, wer nächstes Jahr wieder dabei sein wird. Aber es ist unser erklärtes Ziel, dass wir den einen oder anderen wieder einfangen, der jüngst nicht mehr dabei war.

Die zweite wesentliche Änderung für nächstes Jahr betrifft die Festival Days. 2016 zwei Tage, 2017 ein Tag – und 2018 soll die EUROBIKE wieder ganz ohne Endverbraucher stattfinden. Was waren die Beweggründe, die EUROBIKE wieder zur reinen Fachbesuchermesse zu machen?

Wir haben darüber auch intensiv mit der Industrie gesprochen, und da gibt es ganz klar die vorherrschende Meinung, dass der frühe Termin nur funktioniert, wenn die EUROBIKE dann eine reine B2B-Veranstaltung ist. Und das obwohl sicherlich der eine oder andere in der Industrie die Publikumstage gerne genutzt hat und diese natürlich auch das Messekonzept der EUROBIKE in den letzten Jahren rund gemacht haben. Aber es gibt derzeit aus Industrie und Handel die eindeutigen Signale, dass zu dem frühen Termin, wo sich noch viel aktuelle Ware im Markt befindet, die Neuheiten nicht einer so breiten Öffentlichkeit zugänglich sein sollen wie zu dem Termin Ende August, wo die Saison ja weitgehend gelaufen ist.

Eurobike-Award 2017: Diese Produkte sind ausgezeichnet

Wobei natürlich die Öffentlichkeit ja auch über Medien entsteht – und die werden ja auch zu dem neuen Termin so schnell wie es geht von den Neuheiten berichten.

Absolut, da bin ich voll bei Ihnen und deswegen ist das ein Stück weit natürlich auch inkonsequent. Allerdings ist es ein Unterschied, ob man etwas im Internet oder auf Bildern in Zeitschriften sieht, oder ob ich ein Produkt anfassen, fahren und erleben kann. Da kann man nochmal eine gewisse Unterscheidung machen. Allerdings war es in den letzten Jahren ja sogar so, dass über die verschiedenen Kanäle auch schon lange vor der EUROBIKE die Neuheiten publiziert worden sind. Dadurch dass viele Hersteller schon vor der EUROBIKE ihre Neuheiten gelauncht haben sind natürlich viele der Neuheiten schon lange vor der Messe Ende August im Markt bekannt gewesen. Wir bauen darauf, dass der frühere Messetermin dazu beitragen wird, dass die EUROBIKE ihre Funktion als als Internationale Börse der Neuheiten wieder zurückerhält.

Glauben Sie nicht, dass die Gefahr besteht, dass der Neuheitenzyklus sich noch weiternach vorne verschiebt – und die Fachmedien künftig schon, bevor die eigentliche Saison begonnen hat, über die Neuheiten des Folgejahrs berichtet?

Diese Gefahr ist sicherlich nicht auszuschließen, aber ich glaube daran, dass der neue EUROBIKE-Termin dieser Gefahr entgegenwirkt. Wobei es zwei Punkte zu beachten gibt: Der klassische Modelljahreszyklus löst sich ohnehin mehr und mehr auf. Viele Hersteller sind ja bereits dazu übergegangen, neue Produkte dann vorzustellen, wenn sie damit fertig sind - völlig unabhängig davon, ob die Saison gerade anläuft oder dem Ende entgegen geht. Und zum anderen glaube ich wiederum, wenn wir weiterhin über den klassischen Modelljahreszyklus reden, dass es schon nach vorne eine natürliche Barriere für den Handel gibt, um sich mit Neuheiten zu beschäftigen. Weil irgendwann überholt man sich ja sonst tatsächlich selbst.

Letztes Jahr hatte man nach der Messe den Eindruck, dass die Industrie den neuen Termin vehement gefordert hat. Dieses Jahr hat sich das oft schon wieder angehört. Insbesondere, das Ausschließen der Endverbraucher stieß in den Gesprächen mit uns bei vielen auf Unverständnis. Wie bewerten Sie das Feedback aus der Industrie?

Es ist nicht so, dass es eine einzige Industrie- oder eine Handelsmeinung gibt, sondern das ist eine Gemengelage. Das macht es auch für uns schwierig, die richtigen Schlüsse zu ziehen und Dinge in die richtige Richtung zu lenken. Aber grundsätzlich ist es schon so: Es war schon mehrheitlich und ganz klar der Wunsch von der Industrie auf den Endkundenkontakt bei der EUROBIKE zu diesem frühen Zeitpunkt zu verzichten. Wobei ich persönlich glaube, dass das nur ein Zwischenschritt sein kann. Und die Frage, ob mit oder ohne Endverbraucher, wird man sich jedes Jahr wieder neu stellen müssen. Die Welt dreht sich wahnsinnig schnell weiter. Die Entwicklungen, die im medialen Bereich passieren und die Geschwindigkeit der Informationen und wie diese nach draußen dringen lassen es nicht zu, sich auf den Standpunkt zu stellen, dass es im Juli nie wieder einen Publikumstag geben kann. Ganz im Gegenteil: Mich würde es nicht wundern, wenn wir relativ bald schon genau in der Richtung wieder Initiativen und Vorstöße erleben werden und wir dann auch mittelfristig wieder das Publikum dabei haben.

Bei vielen Endverbrauchern stößt die Entscheidung, auf die Festival Days zu verzichten, auf Unverständnis, weil die EUROBIKE die einzige Möglichkeit war, sich so umfassend über neue Produkte im direkten Kontakt mit Herstellern zu informieren. Können Sie deren Enttäuschung nachvollziehen?

Ja. Für viele Enthusiasten ist die Eurobike sicherlich ein Saisonhöhepunkt. Was man aber auch ganz klar sehen muss, ist, dass sich die Gewichtung in den letzten Jahren verändert hat. Die Eurobike war natürlich viele Jahre die Freakshow für die sportlichen Biker, hat auch diesen Mountainbike-Boom mittransportiert auch voran getrieben. Wenn man jetzt aber mal auf das große Ganze guckt, dann hat sich die letzten Jahre auch einen neue Entwicklung ergeben und die rückt das Fahrrad als neues Mobilitätsprodukt und als Autoersatz sowie als Lösung von Verkehrs-, Umwelt- und Gesundheitsproblemen immer mehr in den Mittelpunkt. Ich glaube, da sprechen wir mittlerweile auch eine ganz andere Zielgruppe an. Das sind viele Menschen, die sehr viel pragmatischer unterwegs sind. Und dann natürlich auch andere Marken und andere Themen, die dadurch im Fokus stehen. Deshalb hat sich der Markt und auch die Funktion der EUROBIKE die letzten Jahre sehr stark erweitert.

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29.09.2017
Autor: Jens Vögele
© MOUNTAINBIKE