"Konnte keinen Schlusspunkt setzen": Sabine Spitz macht im XC-Weltcup weiter

Sabine Spitz Cyprus Sunshine Cup 2016
Foto: EGO Promotion/Küstenbrück
Eigentlich hat unsere Redaktion Sabine Spitz zur Bikerin des Jahres 2016 gewählt, weil sie in ihrer letzten XC-Saison Hervorragendes geleistet hat. Und eigentlich sollte 2016 ihr letztes Jahr im XC-Weltcup sein. Doch bei der Preisverleihung zur Bikerin des Jahres kündigte sie kurzerhand ihren Rücktritt vom Rücktritt an.

Letzte Saison im Cross-Country-World-Cup, letztes Olympia-Rennen: Sabine Spitz war 2016 quasi auf Abschiedstour und brachte Spitzenleistungen. Die MOUNTAINBIKE-Redaktion hat sie deshalb zur Bikerin des Jahres 2016 gewählt. Allerdings schien die Geehrte bei der Preisverleihung nicht wirklich zufrieden mit ihrer Saison 2016.

Fazit: Aus dem angekündigten Rückzug aus dem XC-Zirkus und der Konzentration auf Marathon-Rennen wird nichts. Sabine Spitz ist noch nicht fertig. Warum, erklärt sie hier im Interview:

"Konnte keinen richtigen Schlusspunkt setzen"

2016 ging es oft um deinen Ausstieg aus dem XC-Sport und die Zukunft als Marathon-Racerin. Was hat sich dadurch für dich geändert?
Sabine Spitz: Im Moment nicht viel. Ich bin sehr froh, dass ich nach mehr als zehn Wochen Zwangspause endlich wieder aufs Rad steigen kann. Mit dem Ende der Saison 2016 bin ich natürlich nicht sehr glücklich. Das war für mich alles andere als ein versöhnlicher Abschluss. Deshalb bleibe ich dem XC-Sport wohl doch noch etwas erhalten.

Woher kommt der Sinneswandel?
Sabine Spitz: Weil ich noch Lust habe. Das ist mir in den letzten Wochen klar geworden. Mein Leistungsvermögen war über die ganze Saison 2016 sehr gut und es hat Spaß gemacht zu fahren. Ich war im World Cup vorne dabei und lag bei der WM in Nove Mesto bis zum Plattfuß zwei Kilometer vor dem Ziel auf dem dritten Platz. Körperlich hat das trotz Kreuzbandriss gepasst. Gestört haben im Grund nur ein paar technische Probleme und diese unglückliche Schleimbeutelentzündung nach dem Sturz kurz vor den Olympischen Spielen.

Hört sich doch gar nicht so schlecht an ...
Sabine Spitz: Für mich war es aber kein Abschluss, wie ich ihn mir vorgestellt habe. Das hat nichts mit meinem Ego zu tun oder dass ich mir noch etwas beweisen muss. Das ist eher ein Gefühl, dass ich so nicht abtreten will und noch fahren kann. Es ist unbefriedigend, dass ich so gut drauf war, mich aber eine Verletzung daran gehindert hat, zum wichtigsten Rennen topfit zu sein. So konnte ich keinen richtigen Schlusspunkt setzen.

An dieser Stelle wollten wir eigentlich fragen, ob der Sieg bei der Marathon-WM dein großes Ziel für 2017 ist...
Sabine Spitz: Die Frage kannst du trotzdem stellen. Und natürlich ist die Marathon-WM 2017 das große Ziel. Singen liegt bei mir vor der Haustüre und ist eine echte Heim-WM, das ist immer etwas ganz besonderes. An den Hegau habe ich beste Erinnerungen. Ich bin da zweimal bei der Marathon-Europameisterschaft angetreten und zweimal auf dem Podest gelandet. Mir gefällt die Strecke, auf der man wie beim Straßenrennen sehr viel taktieren muss, um im Ziel weit vorne zu landen.




Wie viel nimmst du dir für den XC-World-Cup vor?
Sabine Spitz: Fahren und Spaß haben. Für uns Europäerinnen wird die XC-Saison nächstes Jahr in Sachen Reiseaktivitäten ja eher angenehm. Ich denke ich werde die Rennen in Europa und als Saisonhöhepunkt die Weltmeisterschaften in Australien im September bestreiten.

Nochmal zurück zur Saison 2016. War Rio anders als die Spiele in Athen, Peking oder London? Irgendwie entspannter, weil es der Abschluss war?
Sabine Spitz: Rio war leider sehr viel anders für mich und wegen meiner Verletzung alles andere als entspannt. Bei den Olympischen Spielen davor lief die Sache viel gelassener ab, nach einem genauen Plan. Normalerweise kann ich Nervosität vor großen Wettkämpfen lange ausblenden und erst am letzten Tag vor dem Rennen geht die Anspannung nach oben. In Rio war sie dagegen von Anfang an extrem groß, weil ich nie wusste, wie es ausgeht, was passiert. Ich habe jeden Tag auf die Freigabe von den Ärzten gewartet und gehofft, dass es gut wird. Das war extrem frustrierend und eine wahnsinnige mentale Belastung mit vielen schwierigen Momenten.

Bist du mit dem Ausgang zufrieden?
Sabine Spitz: Ich bin zufrieden, dass ich gefahren bin und den Umständen entsprechend auch ein gutes Rennen gezeigt habe. Hätte ich das nicht gemacht, wäre der Frust in Rio noch größer gewesen.

Ist rund um Olympia wegen der Verletzung die Frage aufgekommen, ob du den Startplatz an eine andere Fahrerin übergibst?
Sabine Spitz: Diese Option wurde nie an mich herangetragen, im Gegenteil: Weder vom DOSB, noch vom BDR wurde das mir gegenüber thematisiert. Man hoffte, dass ich starten kann. Ich glaube auch nicht, dass eine kurzfristig eingeflogene Ersatzfahrerin wesentlich bessere Erfolgsaussichten gehabt hätte. Ohne Vorbereitung vor Ort wäre es bei dem Starterfeld nahezu unmöglich gewesen, in die Top Ten zu fahren.

War der Rennausgang überraschend? Wir hätten ja nicht auf Jenny Rissveds gewettet.
Sabine Spitz: Für mich nicht. Ich hatte Jenny Rissveds auf dem Schirm, weil sie in den letzten Rennen vor Olympia schon sehr gut unterwegs war. Von Maja Wloszczowska weiß man auch, dass sie sich auf wichtige Wettkämpfe punktgenau vorbereiten kann. Ich hätte Annika Langvad stärker eingeschätzt und wunder mich auch, warum Gunn-Rita Dahle nicht so gut zurecht kam. Bei Jolanda Neff dagegen hatte ich da vorher schon so ein Gefühl, dass sie vielleicht zu viel will. Vielleicht wäre es für sie besser gewesen, wenn sie sich auf ihre Kernsportart Mountainbike konzentriert hätte.

Jenny Rissveds ist noch recht jung, Jolanda Neff auch. Müssen wir uns auf ein episches Duell wie Absalon-Schurter bei den Männern einstellen?
Sabine Spitz: Durchaus möglich, aber wir haben bei den Damen - im Gegensatz zu den Männern - eine ganze Reihe von Siegfahrerinnen. Annika Langvad schätze ich physisch sogar stärker ein als Jolanda Neff oder Jenny Rissveds. Die sind aber technisch besser, was man auch nicht unterschätzen darf. Wenn du in den Abfahrten lockerer unterwegs bist, erholst du dich besser und hast wieder mehr Kraft für die nächsten Anstiege. Da es bei uns Frauen so viele Spitzenfahrerinnen gibt, sind unsere Rennen derzeit fast spannender als die Herren-Rennen.

Den zweiten Teil der Frage hast du übergangen...
Sabine Spitz: Bei mir geht es im Moment erst mal darum, wieder hundertprozentig fit zu werden. Wegen meiner Schleimbeutelentzündung sitze ich erst seit einer Woche wieder auf dem Rad. In den letzten Monaten habe ich viel Kraft und Muskulatur verloren. Das muss ich jetzt so schnell wie möglich kompensieren. Je schneller mir das gelingt, umso besser kann ich dann die Saison-Vorbereitung bestreiten. Aber ich bin guter Hoffnung, dass ich das hinbekomme und ich nächstes Jahr wieder die eine oder andere gute Platzierung erreichen kann

"Zu technische Strecken sind kontraproduktiv"

Du bist seit Jahren die beinahe unangetastete deutsche Spitzenfahrerin. Warum hast du so wenig Konkurrenz?
Sabine Spitz: Gute Frage. In Deutschland fehlt vielleicht ein bisschen die Leistungsdichte. In der Schweiz zum Beispiel hat der MTB-Sport eine ganz andere Verankerung in der Gesellschaft, so dass einfach viel mehr Schüler Mountainbike fahren beziehungsweise fahren wollen. Damit ist die Grundausbildung im Kinder- und Jugendalter schon auf eine wesentlich breitere Basis gestellt. Außerdem haben die Schweizer mehr Trainer, die als Aktive selbst Spitzensportler waren und die Kleinen technisch auf ein höheres Niveau bringen können. In Deutschland fehlt die Breite an Athleten schon im Nachwuchsbereich. Außerdem gehen zu viele Talente beim Sprung von den Nachwuchsklassen in die Eliteklasse verloren. Vielleicht müsste der BDR da an seinen Förderprinzipien und der Kaderselektion mal arbeiten.

Du hast gerade schon angedeutet, dass die Fahrerinnen in immer jüngerem Alter mit dem Biken beginnen. Hat das den Wettkampfsport verändert?
Sabine Spitz: Als ich 93/94 angefangen habe, war unser Sport noch stark vom Straßenradsport oder der Querfeldein-Szene geprägt. Mountainbike-Wettkämpfe waren damals Rennen über Wiesen und in Wäldern, bei denen eher konditionelle Fähigkeiten im Vordergrund standen und weniger die Fahrtechnik. Das hat sich mittlerweile deutlich verändert. Die Strecken sind wesentlich anspruchsvoller geworden. Damit müssen die Sportler heute zurecht kommen. Den jungen Sportlern fällt das leichter. Sie haben schon im Kindesalter ihre Fahrtechnik auf dem Mountainbike spielerisch entwickelt, was ihnen mehr Gefühl und Sicherheit für das Bike gibt. Als Kind lernt man solche koordinativen Fähigkeiten einfach besser als ein Erwachsener.

Die Strecken sind anspruchsvoller geworden. Könnte das dem Sport helfen, aus seiner Nische zu kommen?
Sabine Spitz: Das ist ja die Frage, vielleicht zementiert sich die Nische dadurch erst. Wir selbst haben als Biker natürlich viel Spaß auf kniffligen und flowigen Naturrennstrecken im Wald. Lange technische Passagen sind aber auch sehr selektiv, so dass sich das Feld oft schon früh auseinander zieht und damit die Spannung verloren geht. Für den XC-Sport halte ich das eher kontraproduktiv, weil er damit für die Medien langweilig wird. So bekommt man keine Sendezeiten. Auch dass das meiste im Wald stattfindet, halte ich hinsichtlich der Vermarktung für problematisch. Die teilweise kritisch beurteilten künstlichen Strecken wie in Rio oder London sind also gar nicht so schlecht für den Sport.

Aber schwere Strecken sind doch spektakulär!?
Sabine Spitz: Eine leichtere Strecke kann auch spektakulär sein und umgekehrt. Letztlich kommt es auf die richtige Dosierung an. In Bad Säckingen ist uns das glaube ich ganz gut gelungen. Als Streckenbauer muss man darauf achten, dass sie ausgewogen ist, und nicht zu extrem auf spektakuläre und technisch schwere Passagen setzt. Ein Aspekt ist auch, dass wir Sportler eh schon sehr viel riskieren und ohne Protektoren unterwegs sind. Außerdem ist für die Medien ein knapper Rennausgang viel spannender als eine maximal spektakuläre Strecke. Fernsehbilder und Fotos sind zweidimensional, da sieht man den Schwierigkeitsgrad oft gar nicht. Und eine Strecke unter voller Belastung über eine ganze Renndistanz zu fahren, ist auch nochmals ein anderer Blickwinkel, der oft beim Streckenbau vergessen wird.

Trainings-Tipps von Sabine Spitz:

25.11.2016
Autor: Benjamin Büchner
© MOUNTAINBIKE