Kuckucksei: Deutsche Mountainbike-Profis müssen eventuell einen Olympia-Startplatz an Bahnradfahrer abgeben

Die deutschen Mountainbiker müssen evtl. auf einen Olympia-Startplatz verzichten. Stattdessen soll der Bahnradfahrer Robert Förstemann als Mountainbiker im Sommer nach London geschickt werden.

 

Jochen Käß beim BMC Racing Cup in Buchs in der Schweiz.
Foto: tsopanides Jochen Käß beim BMC Racing Cup in Buchs in der Schweiz.

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Besonders bitter wäre dieses Vorgehen für deutsche MTB-Profis wie Jochen Käß (Bild). Der Profi-Biker vom Multivan Merida Biking Team hat noch Hoffnung auf eine Nominierung. Jetzt muss er vielleicht einem als Mountainbiker getarnten Bahnradfahrer den Vortritt lassen.

Neben Jochen Käß hoffen auch andere Mountainbiker auf das Olympia-Ticket. Der dreimalige deutsche Meister Wolfram Kurschat wäre zum Beispiel ebenso ein Kandidat. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) nominiert Athleten für Olympia, der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) macht Vorschläge für diese Nominierungen. Der BDR würde gerne Förstemann aufgrund bessrer Medaillenchancen zu den olympischen Spielen nach London schicken.

Für die Mountainbiker stehen fünf Startplätze zur Verfügung, drei Herren- und zwei Damen-Startplätze. Bislang sind Manuel Fumic, Moritz Milatz, Adelheid Morath und Sabine Spitz nominiert. Ein weiterer Mountainbike-Startplatz ist noch zu vergeben.

MountainBIKE meint:

Entspricht das noch dem olympischen Gedanken? Ist das fair? Da werden juristische Schlupflöcher ausgenutzt, um Athleten einer Nischensportart auf Kosten echten Breitsports an den Start zu bringen. Nur damit Deutschland am Ende im Medaillenspiegel vielleicht ein bisschen weiter vorne steht.

Das macht die Breitensportart „Mountainbike“, die in Deutschland sicher mehr Anhänger hat als der spezielle Bahnradsport, ein Stückchen unattraktiver für deutsche Athleten und Zuschauer. Mit solchen Tricksereien erweist der BDR dem Radsport als Ganzem einen echten Bärendienst. Hoffen wir, dass der DOSB hier nicht mitspielt und für faire Nominierungen sorgt.

Hintergrund: Warum ein Bahnradfahrer als Mountainbiker zu den olympischen Spielen soll

Förstemann verbesserte am Wochenende beim US-Grand Prix in Colorado Springs den deutschen Rekord im 200-m-Sprint auf der Bahn auf 9,652 Sekunden. Zuvor war Förstemann noch der große Verlierer der Olympia-Nominierung der deutschen Athleten gewesen. Trotz seiner Stärke (Weltranglisten-Erster im Sprint und Teamsprint) sollte er bei den diesjährigen olympischen Spielen nur als Ersatzmann mitfahren.

Seine für Olympia nominierten Teamkollegen Enders, Levy und Nimke überzeugten den Bundestrainer im Frühjahr beim Bahnrad-Weltcup im kolumbianischen Cali. Förstemann hingegen war in Cali aus vertraglichen Gründen verpflichtet, für das „Team Erdgas“ zu starten und konnte sich deshalb nicht in der deutschen Auswahl beweisen. Deshalb konnte Förstemann keinen der drei Startplätze im Olympia-Aufgebot der Bahnradfahrer ergattern.

Ein Schlupfloch im Reglement soll es ihm nach dem Willen des BDR (Bund Deutscher Radfahrer) nun ermöglichen, doch bei den olympischen Bahnrad-Einzelwettbewerben zu starten. Förstemann kann aufgrund einer Lücke in den Olympia-Reglements als Mountainbiker nominiert werden, da hierfür keine speziellen Qualifikationskriterien zu erfüllen sind. Als Weltranglistenerster genügt er allen Olympia-Normen für die Bahnrad-Wettbewerbe und könnte im Einzelsprint starten.

Ginge es nach dem BDR, wäre Förstemann schon am 25. Juni nominiert worden, aber der DOSB berief den Bahnradfahrer noch nicht in den Kader. Jetzt hofft Förstemann, bei der dritten und letzten Nominierungsrunde des DOSB am 4. Juli das Ticket für Olympia lösen zu können.

26.06.2012
Autor: Sebastian Hohl
© MOUNTAINBIKE