Die Kolumne: "Höher, steiler, weiter."

Steil und hart: Die Anstiege beim Sella Ronda Hero.
Foto: Sella Ronda Hero
Die Kolumne. MountainBIKE-Chefredakteur Jens Vögele liebt den Radsport. In seiner Kolumne schreibt er in unregelmäßigen Abständen über unser Hobby. Teil 2: Faszination Marathon - warum es Spaß macht, sich zu quälen.

Was ergibt das eigentlich für einen Sinn, am Wochenende um 4 Uhr aufzustehen, um sich einen ganzen Tag zu quälen? Diese Frage stelle ich mir oft. Und ich stelle sie mir immer wieder. Eine wirkliche Antwort darauf habe ich auch noch nicht gefunden. Aber: ich mache es immer wieder. Was tröstet: ich bin nicht alleine.

Im Gegenteil: Jedes Wochenende treffen sich irgendwo Tausende von Mountainbikern, um irgendwo bei einem Marathon, einem Etappenrennen, einem Jedermann-Event mitzufahren. Wobei mitfahren eigentlich meist der falsche Ausdruck ist. Es geht darum, die eigenen Grenzen auszuloten, zu schauen, was möglich ist, auch wenn nichts mehr geht.

Die großen Herausforderungen haben mich auf dem Bike schon immer gereizt. Und deshalb habe ich den Sella Ronda Hero schon seit der Premiere vor vier Jahren im Visier. 87 Kilometer, 4700 Höhenmeter, mitten in den Dolomiten – die nackten Zahlen sind schon furchteinflößend. Ich geb’s ganz offen zu: So viel Respekt hatte ich im Vorfeld eines Marathons noch nie. Einerseits, weil die Veranstalter vom härtesten Marathon sprechen. Andererseits, weil ich Teile der Strecke kenne – und seither das Wort steil eine neue Dimension für mich bekommen hat.

Egal, ich hab mich durchgerungen und stand am Start. Rund 4000 andere auch. Mein Problem: Die Sinnkrise kommt bei mir immer am Anfang. Wenn die ganze Strecke, der ganze Tag noch vor mir liegen. Wenn die Müdigkeit mir noch in den Knochen steckt. Wenn es noch kühl ist und die Nacht viel zu kurz war. Aber je länger das Rennen geht, desto größer wird bei mir der Spaß. Auch wenn die Beine schmerzen, der Kopf manchmal verzweifelt: die Tatsache, vernünftig durchzukommen, die Tatsache, dass das Ziel mit jeder Pedalumdrehung näher kommt – das beflügelt mich.

Es tut gut zu sehen, dass andere auch leiden, es tut gut, sich gegenseitig zu helfen, aufzumuntern, es tut gut, Teil eines großen Radsportspektakels zu sein. Und es tut gut, über die Ziellinie zu fahren. Zufrieden, ja, auch stolz auf die eigene Leistung zu sein. Und ja, es tut auch gut, danach darüber zu reden und sich den Respekt von anderen einzuholen. Und genau deshalb werde ich auch künftig um 4 Uhr aufstehen, um mich einen ganzen Tag zu quälen. Was das aber für einen Sinn ergibt, werde ich wahrscheinlich nie beantworten können.

 

RoadBIKE-Chefredakteur Jens Vögele
Foto: Detlef Göckeritz MountainBIKE-Chefredakteur Jens Vögele.

Der Autor

Jens Vögele ist begeisterter Mountainbiker, Rennradfahrer und Journalist.

Er arbeitet seit 2002 für das MountainBIKE-Magazin und gehörte zu den Gründern von RoadBIKE (2006) sowie von ElektroBIKE (2011).

Er ist als Chefredakteur verantwortlich für die Magazine MountainBIKE, RoadBIKE und ElektroBIKE.

01.07.2015
Autor: Jens Vögele
© MOUNTAINBIKE