24-Stunden-Rennen Stuttgart: Vom Bike-Anfänger zum Rennfahrer

Von Null auf 24

Mountainbike-Anfänger beim 24-Stunden-Rennen in Stuttgart
Foto: Sportograf
Die bislang eher sitzend tätigen Mitarbeiter einer Werbeagentur haben sich gemeinsam auf das 24-Stunden-­Rennen in Stuttgart vor­bereitet. Und sitzen seither mindestens genauso gerne im Sattel wie im Büro.

Kannst du Rad fahren? Diese Frage, das weiß Marcel Steybe heute, ist gar nicht so leicht zu beantworten. Vor einem Jahr hätte er voller Überzeugung ja gesagt. Und weiß heute, dass diese Antwort falsch war. Natürlich konnten sie auch damals alle schon Rad fahren, die Leute der Werbeagentur „Die Crew“ in Stuttgart. Aber richtige Radfahrer waren die wenigsten von ihnen. Was Mountainbiken ist, das war ihnen nur von der Marke Focus bekannt, die sie schon seit Jahren als Kunde betreuen. Als sie den Auftrag bekamen, für Focus ein Konzept zu erarbeiten, das Menschen dazu motivieren sollte, sich regelmäßig aufs Rad zu setzen, da hatte Agenturchef Michael Frank die Idee: „Hey, das machen wir einfach selbst!“

Ein gutes halbes Jahr später hängt Michael zermürbt von der Hitze und der körperlichen Anstrengung mitten in der Nacht nassgeschwitzt auf einem Feldbett rum. Es ist stickig, draußen staubt es so, dass man kaum etwas sieht. Michael ist mit seiner Crew am Start des 24-Stunden-Rennens in Stuttgart. Es ist der Tag, auf den sie hingefiebert haben, auf den sie sich vorbereitet haben. „Eins ist sicher: Wir werden unser Bestes geben und das Rennen erfolgreich meistern“, haben die Crew-Mitglieder angekündigt – und jetzt geben sie ihr Bestes. Und jetzt meistern sie das Rennen mit Bravour.

Grundlagen schaffen und vertiefen

Im März, als es so richtig losgeht, war dies noch nicht unbedingt zu erwarten. Im Trainingszentrum bei Bodo von Unruh in Stuttgart wirken die meisten noch ganz schön angestrengt. Heiko, ein Freund der Agentur und passionierter ­Alpencrosser, sowie Triathlet Björn weniger. Aber Marcel zum Beispiel oder Micha, denen ist doch anzumerken, dass sie bislang ihren Alltag meist sitzend bewältigen.
Mike Kluge, Querfeldein-Weltmeister und Mountainbike-Weltcupsieger, der eigens zum Fahrtechniktraining anreist, merkt schnell, dass die Crew noch viel Luft nach oben hat. „Sonst landen wir gleich mal im Krankenhaus. Eine Woche Vollpension. Und das wollen wir vermeiden.“

Grundlagen, die Mike schafft, vertieft Dirk Blume von der Mountainbikeschule Schurwald in regel­mäßigen Techniktrainings. Und MOUNTAINBIKE-Werkstattchef Haider Knall zeigt an den nagelneuen Teambikes, worauf es ankommt. Die richtige Sitzposition, das passende Federgabel-Setup, Tipps und Tricks für deutlich mehr Spaß auf dem Bike. „Ich musste gleich am nächsten Tag eine Runde drehen“, blickt Marcel zurück.

Vom Mountainbikevirus angesteckt

Eine Runde drehen – die Crew war vom Mountainbikevirus angesteckt. Und das, obwohl das Frühjahr nass war. Sehr nass. „Egal“, sagt Marcel. „Wir waren bei jedem Wetter unterwegs, irgendwann mussten wir ja mal anfangen.“ Die Fortschritte sind groß, die Motivation größer, der Spaß noch größer. Eines ist klar: Da trainiert eine Crew zielgerichtet, aber den Spaß am Leben lässt sich deswegen niemand verderben. Die WhatsApp-Gruppe verkündet permanent neue Nachrichten. Von der Fußball-EM, von der Wochenendparty, vom Urlaub und auch mal vom Schnellfress. Der Ton: oft burschikos. „Wir haben halt vergessen, dass wir mit Alice ja eine Frau im Team hatten.“ Aber ­Alice hat Humor. Und mag ohnehin Fußball lieber als Ballett. Dennoch steigt die Nervosität, je näher der große Tag des Rennens kommt. Heiko ist perfekt vorbereitet, das macht er schon dadurch klar, dass er per WhatsApp permanent Bilder von seinem Alpencross schickt. Aber die anderen? „Am meisten Angst hatte ich vor den Hindernissen auf der Strecke“, sagt Marcel. Die wenigen künstlichen Rampen erfordern Tempo und Schwung und sind für einige gewöhnungsbedürftig. Aber alle kommen gut ins Rennen. Heiko legt als Startfahrer Fabelzeiten vor und versetzt alle in eine Anfangseuphorie. Top Ten unter den Achterteams, das wäre der Traum.

 

24-Stunden-Rennen in Stuttgart: Endlich im Ziell
Foto: PR Das schweißt zusammen: Alle Teammitglieder überstanden die 24 Stunden am Ende müde, aber sturzfrei. Dieses Jahr geht es weiter: Sie haben schon neue Pläne geschmiedet.

24 Stunden sind lang

Aber 24 Stunden sind lang. Die Nacht hat ihre Tücken, und als morgens ein heftiges Gewitter direkt über der Strecke das Rennen unterbricht, ist der Schwung raus. Nicht nur bei der Crew, sondern bei vielen Teams. Trotzdem läuft die Uhr weiter. Heiko und Björn scheinen noch so fit wie am Start. Endlich Zieleinlauf. Der Jubel ist groß. Geschafft. Platz 12. Und vor allem: Alle bleiben sturzfrei. Eigentlich Grund zu feiern. Aber die verdammte Hitze des Rennens hat allen zu schaffen gemacht. Ein schnelles Bier, kurz noch einen Burger. Dann gehen alle nach Hause. Schlafen, verdient. Die große Sause bleibt aus. Aber: Mountainbiken verbindet. „Wir hatten schon immer einen extrem guten Teamgeist in der Agentur“, sagt Marcel. „Durch das gemeinsame Biken sind wir noch mehr zusammengewachsen.“ Chef Micha spendiert seiner Truppe mittlerweile zwei Mal in der Woche Betriebssport bei Bodo von Unruh. Und die nächsten Bike-Projekte stehen auch schon an. Vielleicht wieder ein 24-Stunden-Rennen? Vielleicht ein Alpencross? Das Wichtigste: „Wir können jetzt Rad fahren, keine Frage“, grinst Marcel. Und genau das ist der kleine, entscheidende Unterschied zu früher.




28.10.2016
Autor: Jens Vögele
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 03/2017