"Einfach mega!" MountainBIKE-Mitarbeiter Benjamin Boseck bei der Megavalanche 2014

MountainBIKE-Mitarbeiter Benjamin Boseck war beim Donwhill-Marathon Megavalanche 2014 in Alpe d'Huez am Start - oder besser gesagt: er wollte eigentlich am Start stehen. Warum es letztendlich nicht geklappt hatte, warum die Woche in den französischen Alpen aber dennoch ein Erlebnis für ihn war, das beschreibt Boseck hier in seinem Megavalanche-Tagebuch.

Fotostrecke: MountainBIKE-Mitarbeiter Benjamin Boseck bei der Megavalanche 2014

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Megavalanche 2014 Foto: Benjamin Boseck
Megavalanche 2014 Foto: Benjamin Boseck
Megavalanche 2014 Foto: Benjamin Boseck

Montag, 7. Juli 2014:

Anreise mit dem Auto von Stuttgart. Nach knapp 8 Stunden Reisezeit halten wir am Ortsschild von Alpe d'Huez. Bis jetzt habe ich mit diesem Ort immer die legendären Tour-de-France-Reportagen von ARD-Legende Herbert Watterott verbunden. Jetzt stehe ich selbst hier: voller Vorfreude auf die sicher unvergessliche Woche und die unendlich vielen, abwechslungsreichen und anspruchsvollen Trails. Mal schauen, was die Woche alles bringt!

Dienstag, 8. Juli 2014:

Die Teilnahme an der Megavalanche in Alpe d'Huez sollte diesen Sommer in vielerlei Hinsicht der Höhepunkt meiner Bike-Saison werden. Nach der Fahrt mit der Gondel auf knapp 3000m ü.M. die erste Ernüchterung: extrem schlechtes Wetter, das zwischenzeitlich Weltuntergang-Szenarien in Form von Schneestürmen, Nebelbänken und ergiebigen, nicht enden wollenden Regengüssen zum Besten gab. Aber egal: Wer finishen will, muss leiden!

Auf der folgenden ersten Abfahrt auf der Qualifikationsstrecke wurde mir dann recht zeitnah und ohne jeden Zweifel klar: Das hier ist mega! Mega hart, mega anspruchsvoll, mega intensiv, mega fordernd, mega beeindruckend, mega imposant! Aber das Wichtigste, was vielen von uns schlicht und ergreifend das Herz aufgehen lässt, wenn wir auf unseren schluckfreudigen Bergab-Geschossen gen Tal feuern: mega spaßig!

Im Nachhinein betrachtet war es ein gravierender Fehler, sich im Vorfeld nicht ernsthaft genug mit der Begrifflichkeit Mega auseinanderzusetzen. Man sollte sich bewusst sein, an einem Rennen der absoluten Superlative teilzunehmen. Die ersten Kopfkino-Attacken, welche primär meinen Fitnesszustand thematisierten, setzten nach etwa 15 Minuten Vollgas-Ballern ein. War der Umfang und die Intensität des Trainings Wochen vor der Megavalanche ausreichend?

Die Antwort auf meinen inneren Monolog bezüglich der konditionellen Verfassung wird in diesem Moment schlagartig und schmerzhaft überzeugend vom eigenen Körper beantwortet. Begleitend zu der schwindenden Greifbereitschaft meiner Hände, verabschiedet sich die Unterarmmuskulatur ins Reich der nicht enden wollenden Krämpfe - und ich lasse mich mit einem gefühlten Puls von knapp über 300 neben die Strecke rollen, um die Handgelenke in ihre ursprüngliche Position zurück zu dehnen, mich einer Magnesium-Intensivkur zu unterziehen und darüber hinaus ein mögliches Aussetzen der Herzaktivität zu vermeiden.

Ab sofort lautet mein Motto: Kräfte einteilen. Die weiteren Abfahrten an diesem ersten Tag in Alpe d'Huez gehen um Welten reibungsloser von statten und lassen den Tag mit zweckoptimistischer Zuversicht ausklingen.

Mittwoch, 9. Juli 2014:

Ein weiterer Trainingstag - und es hat nur einmal geregnet, und zwar durchgehend. Die Strecken im unteren Teil des Rennens sind unfahrbar. Nach wenigen Metern fressen sich die Laufräder, mit Schlamm und Matsch vollgepackt, an der Gabelbrücke und am Hinterbau so fest, dass in regelmäßigen Abständen das blockierende, organische Zusatzgepäck mit den Händen oder sonstigen Hilfsmitteln abgetragen werden muss. Man muss es eigentlich nicht erneut erwähnen: Es ist eben mega! Mega Matsch und mega Schlamm können somit ebenfalls zu den anfangs erwähnten Mega-Schlagwörtern zugeordnet werden.

Donnerstag, 10. Juli 2014:

Vorhänge auf und... ah, es regnet zum Glück. Gutes Wetter wäre ja langweilig und man hätte derbe Lust sich auf das Bike zu schwingen. Da müssen jetzt eben alle durch. Eines kann man Regen nicht vorwerfen: Er ist für alle Beteiligten da, fair und doch gnadenlos.

Bei Kaffee und dem einen oder anderen Himbeertörtchen (Gebäck können die Franzosen) wird dennoch über das Wetter, griffige Böden und die sinnvollste Reifenwahl sinniert. Mit unzähligen Kleidungsschichten, stark in der Bewegungsfreiheit eingeschränkt sitze ich mit zwei identisch voluminös eingekleideten Michelin-Männchen in der Gondel - mit dem Gletscher als Ziel.

Der Einfall, die schlammigen Strecken im unteren Bereich (unter 1800m) zu meiden und stattdessen bei Temperaturen von knapp über Null Grad glitschige, schroffe und verblockte Steinpassagen zu fahren, lässt die Verzweiflung ein wenig durchblicken. Das Gondel Personal zieht uns jedoch an der Mittelstation raus und teilt uns teilnahmslos mit, dass der Gletscher aufgrund der Witterung gesperrt wurde. Für Biker zumindest.

Menschen, die mit Ski ausgerüstet sind, werden dagegen in den vorbeifahrenden Gondeln hoch zum Gletscher mit einem Wink begrüßt. Halb so wild, wir haben ja noch unsere geliebten Fangostrecken, die ähnlich bzw. in einem schlechteren Zustand als am Tag zuvor sind. Die Abfahrt war letztlich eine Mischung aus fahren, schieben und auf den unterschiedlichsten Körperteilen rutschen - teils lachend, teils fluchend.

Freitag, 11. Juli 2014:

8:00 Uhr – der Qualifikations-Tag beginnt:

Inzwischen ist die morgendliche Erwartungshaltung und die Hoffnung auf minimale Wetterverbesserungen beim Blick aus dem Fenster von willenloser Gleichgültigkeit bezwungen worden. Es ist bewölkt, oder doch Hochnebel? Wer außer Jörg Kachelmann mag das in dem Fall unterscheiden? Man sieht so oder so nicht wirklich weit. Das unfassbare jedoch ist, es regnet nicht!

Quali-Start für mich ist 13:15 Uhr. Die vorletzte Gruppe, die startet. Der Vormittag wird genutzt, das Bike zu hegen und sich in regelmäßigen Abständen zu wünschen, dass das Wetter hält.

12:30 Start Qualifikation – es scheint die Sonne!

Ich bin überhaupt nicht auf das Wetter vorbereitet und gleiche mit meinem Outfit einem Defensive Linebacker aus der NFL. Da muss ich jetzt eben durch - und wer weiß, vielleicht regnet es gleich in Strömen und ich bin gerüstet. Das Wetter, die Kleidung, Wirtschaftskrisen und was einen sonst mehr oder weniger beschäftigt, sind während der Startphase aus meinem Kopf. Ich stehe mit Competition-Blick am Start und versuche, meine Line für den kommenden Quali-Durchgang zu antizipieren.

Neben mir steht ein auffällig tiefenentspannter Lockenkopf, der die Zeit sinnvoll nutzt, um SMS oder Mails zu beantworten. Der - für mich - wahre Sieger der Red Bull Rampage 2013 Kelly McGary hat offenbar auch Spaß an Enduro-Rennen und nimmt die Megavalanche auf seiner Europa-Tour bzw. auf der Rückreise von Kanada mal eben mit.

Doch zurück zu meinem Quali-Durchgang: Start! Habe mich nach dem Start an zwei Sturzgruppen mit jeweils 5-8 involvierten Fahrern vorbeigeschoben und mich im vorderen Mittelfeld des ca. 100 Mann starken Feldes positioniert. Die ersten felsigen Passagen fahre ich in mitten einer Gruppe von 10 Fahren, die alle ein ähnliches Tempo drauf haben.

Die erste heikle Stelle der Strecke, rutschige Holzstege mit Gummimatten präpariert, am Ende ein kleiner Drop mit einer steilen, schnellen und steinigen Landung, ließ sich problemlos durchfahren. Inzwischen an zweiter Position der 10 Fahrer starken Gruppe zieht mich mein Vordermann durch schnelle, flowige Passagen.

Es läuft überraschend rund. An der nächsten, etwas steileren Sektion sehe ich vor mir einen Fahrer, der wahrscheinlich gestürzt ist und sein Bike auf die schmale Line zurückschiebt. „Rider!“ „Rider!“ brülle ich... die Hangabtriebskraft mit vollem Tempo nutzend. Keine Reaktion, kein Zurückziehen des Bikes, nichts.

Für mich bietet sich keine adäquate Ausweichmöglichkeit - bis auf die Felswand und den anschließenden Felsabsatz. Voll in den Eisen, streife ich ihn beim Versuch die schmerzfreiste Alternative zu wählen und mich mit den geringsten Verlusten zwischen ihm und der Wand durchzudrücken. Ich streife mit Lenker und Schulter die Felswand und falle zur Krönung unkontrolliert den Felsabsatz hinunter.

Resümee: Bänderriss im Knöchel, zwei Kapseln in den Fingern gebrochen, Schürfwunden und eine große Portion Unverständnis, um es salomonisch zu formulieren. Der Kandidat ist übrigens ohne Umschweife und evtl. auftretenden Schuldgefühlen weitergefahren.
Meine Qualifikation war somit schlagartig beendet - und den Weg ins Tal musste ich im Medical Car mit leichten Stimmungsschwankungen ertragen.

Samstag, 12. Juli 2014:

Aahh wie gut, dass es endlich wieder regnet. Der Boden, Flora und Fauna haben es wirklich dringend nötig. Das erste Mal diese Woche, dass mir der (ich verwende das Wort an dieser Stelle das letzte Mal) Regen ganz egal ist. Ziehe eine Jeans an, eine Regenjacke, fahre mit der Gondel zur Strecke und feure die sich im Schlamm quälenden Fahrer beim Rennen an.

Trotz Sturz, Verletzungen und den Rahmenbedingungen, die keine Rolle mehr spielen, gibt es am Ende nur eins zu sagen: MEGA!!!!

20.07.2014
Autor: Benjamin Boseck/ Holger Schwarz
© MOUNTAINBIKE