Wie lange gibt es 26-Zoll-MTBs noch? MountainBIKE klärt die acht wichtigsten Fragen

Auslaufmodell 26 Zoll? MountainBIKE klärt die wichtigsten Fragen

26 Zoll Mountainbikes
Foto: Daniel Geiger
Neue Laufradstandards bringen die MTB-Welt ins Rotieren. Doch müssen Mountainbiker auf jeder Hochzeit der Bike-Industrie mittanzen? Oder können sie mit ihrem 26-Zoll-MTB glücklich werden, bis dass der Rahmenbruch sie scheidet? MountainBIKE und die Hersteller geben Antworten auf die acht brennendsten Fragen.

1. Stirbt 26 Zoll jetzt definitiv aus?

Antwort: jein. Die großen MTB-Firmen entwickeln aktuell so gut wie keine neuen Mountainbikes mehr in 26". Selbst vor dem als letzte Bastion des 26"-Standards gehandelten Downhill-Segment macht das Sterben nicht Halt.

Frank Greifzu, Produktmanager bei Cube: „Eine Kategorie, die auch zukünftig die 559-mm-Norm am Leben erhalten wird, sind die Fatbikes. In allen anderen Cube-Produktbereichen sehen wir jedoch derzeit keine Notwendigkeit für 26" mehr.“ Auch Jochen Haar von Scott Sports findet deutliche Worte: „Alle Neuentwicklungen drehen sich ganz klar um 27,5" und 29". Die größeren Geometrien haben sich endgültig durchgesetzt. Vom XC über Enduro bis hin zum Downhill-Weltcup spielt 26" praktisch keine Rolle mehr.“

Und dies ist nicht nur eine Analyse des Ist-Zustands, denn die Mountainbike-Firmen sind mit Entwicklungen dem Markt immer zwei bis drei Jahre voraus. Neue Mountainbikes im 26"-Format wird es also nur noch im Fatbike-Segment sowie vereinzelt im Kinder- und Einsteiger-Bereich geben. Aber: Die Versorgung mit den benötigten Ersatzteilen für 26"-MTBs ist nach aktuellem Stand noch auf unbestimmte Zeit gesichert.

 

MountainBIKE 0815 Laufradgrößen Umrechnung
Foto: MountainBIKE Laufradgrößen in Zoll, nach ETRTO-Maß und dem französischen System.

2. Sind 27,5" und 29" denn zwingend besser, und lohnt der Wechsel?

Jein, denn auch die größeren Laufradstandards haben Vor- und Nachteile, sind daher anders, jedoch nicht generell besser als 26". Laufräder nach altem 26"-Maß sind wendiger, steifer, leichter als 27,5" und 29" und bieten daher die beste Beschleunigung – Tugenden, die sich meist auch auf die Bikes übertragen. Dafür bietet 26 Zoll ein schlechteres Überrollverhalten und weniger Komfort, da der Aufprallwinkel auf Hindernisse durch den kleineren Durchmesser steiler ist als bei größeren Laufrädern. Das Laufrad wird durch Unebenheiten stärker abgebremst.

Die Unterschiede fallen jedoch beim Vergleich von 27,5" zu 26" eher gering aus. Grund ist die irreführende Zoll-Bezeichnung, die suggeriert, 27,5" liege in puncto Durchmesser genau zwischen 26" und 29". Auch das französische System bezieht Reifenaußendurchmesser und -breite mit ein. Schlüsselt man die Laufradgrößen „sauber“ nach dem Laufradinnendurchmesser per ETRTO-Maß auf (European Tyre and Rim Technical Organisation), wird klar, dass 27,5" näher an 26" liegt als an 29".

3. Welche MTB-Komponenten sind betroffen?

Ganz simpel: Federgabeln, Laufräder, Reifen. Mountainbiker, die ihr 26"-Schätzchen weiterhin „klassisch“ fahren wollen, müssen sich in diesen Produktkategorien künftig auf eine geringere Modellvielfalt bei Nachrüstteilen einstellen, da die Komponentenhersteller den Trend zu größeren Laufrädern nicht nur mitgehen, sondern auch selbst vorantreiben. 27,5"-Schläuche sind hingegen auch mit 26"-Reifen kompatibel.

4. Wie lange bekomme ich diese Komponenten denn noch?

Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Zwar bieten viele Hersteller derzeit noch 26"-Komponenten an. Da viele Mountainbikes nur noch in 27,5" und 29" aufgelegt werden, verändert sich das Angebot langfristig zugunsten der neuen Laufradgrößen.

5. Kann ich auch Komponenten mixen?

Etwa eine 27,5"-Gabel in mein 26er einbauen? Wenn der Schaftdurchmesser zum Mountainbike passt, ist dies prinzipiell kein Problem. Einige technische Aspekte müssen Sie jedoch beachten, denn eine 27,5"-Gabel baut aufgrund des größeren Laufradmaßes etwa 15 Millimeter höher als eine 26"-Gabel. Bei gleichem Federweg würden sich die Geometrie und das Fahrverhalten des Bikes spürbar verändern, da Lenk- und Sitzwinkel flacher werden und sich das Tretlager anhebt. Beim Umbau eines 26"-MTBs auf 27" sollten Sie daher eine Federgabel mit etwa zehn Millimeter weniger Federweg wählen.

27,5"-Laufräder in einer 26"-Gabel sind jedoch keine Option. Selbst wenn das Laufrad in der Gabel genug Platz hat. „Die Gabelkrone kann bei voller Nutzung des Federwegs den Reifen blockieren. Abgesehen von diesem gefährlichen Risiko unterscheidet sich der Gabelvorlauf zwischen 26" und 27,5". Nicht passende Laufrad/Gabel-Kombinationen können ein extrem kippeliges oder auch störrisches Lenkverhalten zur Folge haben. Besser nicht probieren!“ rät Chris Trojer von Fox.

Am Hinterrad gilt dasselbe: Auch wenn viele Hardtails durch ausreichend lange Kettenstreben Platz für 27,5“-Laufräder bieten, steigt mit einem 27,5“-Laufrad das Tretlager, was durch den höheren Schwerpunkt ein kippeliges Fahrverhalten zur Folge hat. Sicherheitsprobleme können etwa durch schleifende Laufräder auftreten, sind jedoch weniger gravierend als an der Front.

Der Vollständigkeit halber: Alte 26"-Laufräder sollten nicht in einem Rahmen gefahren werden, der für größere Laufräder entworfen wurde. Denn dadurch sinkt das Tretlager ab, ständige Pedalaufsetzer sind vorgezeichnet.

 

MountainBIKE Rock Shox Recon Gold
Foto: Rock Shox Forkenhersteller Rock Shox bleibt dem 26"-Standard mit Gabeln wie SID, Reba, Pike und Boxxer treu. Auch Modelle mit Schnellspanner-Ausfallenden (QR9) und geradem 1 1/8"-Schaft wie die Recon Gold (Bild) gibt es noch.

6. Welche anderen Standards stellen Hürden dar?

Zwar ist die Laufradgröße das „heißeste Eisen“ der 26"-Debatte, das Thema birgt aber weitere Stolperfallen beim Erhalt Ihres 26"-Mountainbikes. So müssen etwa die Ausfallenden der Federgabel und des Rahmens zum Achssystem Ihres Laufrads passen. Der klassische Schnellspanner ist schon jetzt weitgehend Steckachsen gewichen. Auch die Auswahl an Federgabeln mit durchgehendem 1-1/8"-Schaft ist, rechnet man die „großen“ Hersteller Rock Shox und Fox zusammen, mit etwa 20 Modellen noch groß, die Ausdünnung jedoch zu erwarten.

7. Was gibt es sonst noch für Tipps zum Erhalt meines 26"-Mountainbikes?

Wie die Hersteller bekunden, werden 26"-Reifen noch lange erhältlich sein. Wer einen günstigen Posten seiner Lieblingsreifen ergattert hat, kann diese kühl, trocken und luftdicht einlagern. Bis zu fünf Jahre bleiben Reifen auf diese Art „frisch“. Tipp: Lagern Sie ein Paar Sätze Dichtungen für Ihre Federgabel auf die gleiche Art ein. Auch der Kauf einer gut erhaltenen, gebrauchten Federgabel „für schlechte Zeiten“ kann lohnenswert sein. Passende Laufräder können Sie sich jederzeit ganz klassisch aus Nabe, Felge, Speiche und Nippel zusammenbauen (lassen).

8. War’s das jetzt mit dem Laufradchaos oder geht es ewig so weiter?

„Was die Zukunft genau bringt, ist sehr schwer abzuschätzen, der Fahrradmarkt entwickelt sich in den letzten Jahren sehr schnell“, erklärt Friso Lorscheider von DT Swiss. Und auch MountainBIKE kann in diesem Punkt nur mutmaßen: Eine Etablierung von 27,5" und 29" im MTB-Markt ist derzeit am wahrscheinlichsten. Welche Zusatz-Formate (27,5+) die stürmische Zeit überleben werden, ist ungewiss. Aber dies, liebe MountainBIKE-Leser, können Sie beim gemütlichen 26"-Laufradbau in kommenden Ausgaben von MountainBIKE nachlesen und amüsiert darüber schmunzeln oder verständnislos den Kopf schütteln.

14.09.2015
Autor: Christian Zimek
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 8/2015